Zeichnungen, die eines der Rituale der Freimaurer zeigen sollen. | Bildquelle: picture alliance / akg-images

300 Jahre Freimaurer Ein sagenumwobener Geheimbund

Stand: 24.06.2017 19:47 Uhr

Die Freimaurer sind bis heute der wohl größte Geheimbund der Welt. Sie wahren Stillschweigen über ihre Rituale, treffen sich unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Jetzt sollen sie 300 Jahre alt werden - doch selbst darüber herrscht Uneinigkeit.

Von Nele Pasch, SWR

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Nele Pasch, SWR

Verschwiegenheit, mysteriöse Rituale, geheime Zeichen: Der Reiz des Geheimnisvollen umgibt die Freimaurer und seit jeher sind sie ein beliebtes Futter für Verschwörungstheoretiker. So glauben manche, der Geheimbund leite heimlich die Weltgeschicke.

Die Namensliste berühmter Freimaurer jedenfalls ist, nach allem, was man weiß, lang und prominent besetzt: Wolfgang Amadeus Mozart war einer von ihnen, Johann Wolfgang von Goethe, George Washington, Friedrich der Große, Charlie Chaplin und auch Axel Springer.

Bund ging aus Steinmetzbruderschaft hervor

Einig sind sich die Forscher, dass der Bund aus der Steinmetzbruderschaft hervorging. Darin organisierten sich vor allem Baumeister, die für den Bau der großen Kathedralen verantwortlich waren und sich "free masons" nannten. Daher rühren die im Logo der Freimaurer bekannten Symbole Winkelmaß und Zirkel.

"Die Baumeister waren Menschen, die rechnen konnten, sich mit Geometrie auskannten - also ein lukratives Fachwissen besaßen und damit zur intellektuellen Elite gehörten. Da dieses Wissen also wertvoll war, verpflichteten sich die Mitglieder zur Verschwiegenheit", sagt Philip Militz, seit 2003 Freimaurer in Schwelm. Außerdem waren Baumeister meist Wandernde, die je nach Auftragslage von Stadt zu Stadt zogen. Um sich gegenseitig zu erkennen und gleichzeitig zu verhindern, dass sich niemand Fremdes in ihren Zirkel einschlich, erfanden sie geheime Erkennungszeichen. Also Geheimhaltung, um Exklusivität zu wahren.

Winkelmaß und Zirkel sind die im Logo der Freimaurer bekannten Symbole

Als im 17. Jahrhundert immer weniger Kathedralen neu gebaut wurden, öffneten die Bauherren ihren Bund für andere Bürger. Die Mitglieder sollten aber weiterhin Freigeister sein, offen für die Ideen der Aufklärung. Schließlich waren die Logentreffen ein geschützter, freier Raum, wo ständeübergreifend neue Ideen diskutiert werden konnten. Fernab von Monarchie und Klerus. So blieb man der Diskretion verpflichtet, was über all die Jahre natürlich "Raum für Spekulationen und Legenden geboten hat", so Militz.

Streit um das Gründungsdatum

Am 24. Juni 1717, also vor 300 Jahren, sollen sich in London die vier bestehende Logen, so nennen die Freimaurer ihre Vereinigung, zur ersten Großloge der Welt zusammengeschlossen haben. "So steht es in James Andersons zweiter Edition des Konstitutionsbuches aus dem Jahre 1738", sagt Professor Jan Snoek von der Universität Heidelberg. Er beschäftigt sich seit Jahren mit der Freimaurerei und sagt aber auch, dieses Datum sei falsch. Vergangenes Jahr sei bekannt geworden, dass die Gründung erst vier Jahre später erfolgt sei, nämlich 1721. Das gehe aus zwei voneinander unabhängigen Quellen hervor. Die eine sei ein Tagebuch eines Augenzeuges; die andere ein Protokoll-Entwurf einer der vier Gründungslogen. Beide Quellen berichteten von der Gründung im Jahr 1721. "Wenn das, wie James Anderson in seinem Buch behauptete, schon vier Jahre eher geschehen war, wäre es absoluter Blödsinn gewesen, es noch einmal zu wiederholen. In aller Redlichkeit ist also anzunehmen, dass die Gründung der modernen Freimaurerei nicht vor 300 Jahren stattfand", sagt Snoek.

Versuch der politischen Einflussnahme

Was der Grund für die Nennung des falschen Datums sei? "Wahrscheinlich ging es auch damals um Geld und politische Interessen", so Snoek. Denn die Annahme, die Freimaurer seien politisch immer unabhängig gewesen, sei ein Märchen. "Schon der Großmeister der Großloge von England wollte 1813 seinen Einfluss zur Stabilisierung des Empires benutzen", sagt der Professor.

Auch Professor Hartmut Zinser von der Freien Universität Berlin spricht von dem Versuch politischer Einflussnahme manch einer Loge. So zum Beispiel durch die Ende des 19. Jahrhunderts gegründete italienische Loge "Propaganda Due", kurz P2: In den 1970er-Jahren stellte sich heraus, dass die Loge zur Tarnung einer politischen Geheimorganisation zweckentfremdet wurde. In ihr versammelten sich Führungspersönlichkeiten der Polizei, des Militärs, der Wirtschaft, der Politik, der Mafia und der Geheimdienste. Es bestand der Verdacht, dass der Geheimbund Pläne für einen Staatsstreich geschmiedet hatte. Die Loge wurde Anfang der 1980er-Jahre verboten. Vorfälle wie dieser schadeten dem Image der Freimaurer erheblich.

"Antreiber der Aufklärung"

Symbolträchtige Kleidung der Freimaurer

Unstrittig aber sei, dass die Freimaurer als Zusammenbund schon immer eine Toleranz gelebt hätten, die für ihre Zeit unüblich war. "Damit waren sie Antreiber der Aufklärung", sagt Zinser. Es war und ist noch heute unwichtig, ob oder welcher Religion die Mitglieder angehören.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sind neben Toleranz und Humanität die noch heute in der Satzung festgehaltenen Ideale der Freimaurer. Freies, kritisches Denken soll geschult und der Glaube an Gott nicht zwingend als höchstes Ideal angestrebt werden. Der katholischen Kirche waren die Freimaurer seit jeher ein Dorn im Auge. Bis 1983 wurden sie exkommuniziert. Im selben Jahr noch veröffentlichte der damalige Präfekt und spätere Papst Benedikt der XVI., Joseph Kardinal Ratzinger, eine Erklärung, in der er die Mitgliedschaft von Katholiken in einem Freimaurer-Bund als schwere Sünde bezeichnete. Ihre Prinzipien seien immer schon unvereinbar mit den Lehren der Kirche gewesen, heißt es in dem Papier.

Freimaurerei in Deutschland

In Deutschland gibt es schätzungsweise 15.000 Freimaurer. Das ist vergleichsweise wenig, tatsächlich gab es hierzulande mal 100.000 von ihnen. Doch ging die Mitgliederzahl während der Herrschaft der Nationalsozialisten rapide zurück, da die Nazis die Freimaurerei verboten und ihre Mitglieder verfolgten.

Die meisten Freimaurer treffen sich in Männerlogen, Frauen blieb der Zutritt lange Zeit verwehrt. Die erste Frauenloge hierzulande wurde erst in der Nachkriegszeit in Berlin gegründet. Von Geheimniskrämerei ist nur noch wenig geblieben: Alle Freimaurerlogen sind eingetragene Vereine und somit verpflichtet, Satzung, Aufbau und die Besetzung ihrer Ämter offenzulegen. Jedes Mitglied zahlt einen jährlichen Vereinsbeitrag, der schätzungsweise zwischen 200 und 500 Euro liegt.

Es heißt, die Mitglieder arbeiten an der geistig-ethischen Vervollkommnung des Menschen, sind also primär am gedanklichen Austausch miteinander interessiert. Wer Mitglied der Freimaurer werden will, muss selbst aktiv werden. Sie missionieren nicht. Ein Jahr lang müssen Logentreffen besucht werden und danach ein Mitgliedervotum überstanden werden. Meist reicht nur eine Gegenstimme und die Aufnahme wird abgelehnt.

Sonderbare Rituale

Wird aber für die Aufnahme einer Person in die Loge gestimmt, wird diese mit einem feierlichen Aufnahmeritual gefeiert. Das Ganze findet in einem dunklen Zimmer bei Kerzenschein statt, es gibt Totenköpfe - alles historisch gewachsene Symbole für Leben und Tod, erklärt Professor Snoek. Doch über den genauen Ablauf reden möchte kaum einer. Die meisten Freimaurer verweisen auf ihr Bekenntnis zur Verschwiegenheit. Und doch öffnet sich der Bund allmählich, vermehrt laden die Logen zu Rundgängen und Besuchertreffen ein.

Zeichnungen, die eines der Rituale der Freimaurer zeigen sollen.

Zahlreiche Verschwörungstheorien

So wenig man offiziell über die Rituale weiß, so zahlreich sind die Verschwörungstheorien darum. Denn wer im Verborgenen ungewöhnliche Dinge tue, dem könne man alles zuschreiben, was man will, so Snoek. Hinzu kommt, dass tatsächlich viele Mitglieder der Freimaurer keine Unbekannten waren und noch immer viele von ihnen aus der gesellschaftlichen Elite stammen. Daher rührt der sich hartnäckig haltende Verdacht, die Freimaurer lenkten die Gesellschaft im Verborgenen.

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