Regierungsreihe | Bildquelle: dpa

Neue Ministerien Kaum Frauen in Führungspositionen

Stand: 04.04.2018 07:00 Uhr

Das Bundesministerium für Inneres und Heimat ist kein Einzelfall: Wie eine Recherche des ARD-faktenfinder zeigt, sind auch in anderen Ministerien kaum Frauen in Führungspositionen zu finden.

Von Arnd Henze, ARD-Hauptstadtstudio

Ein Foto auf der eigenen Homepage brachte die ganze Peinlichkeit eher unfreiwillig auf den Punkt: An der Spitze des Bundesinnenministeriums stehen in Zukunft neun Männer und nicht eine einzige Frau. Das Bild hat dem neuen Hausherrn Horst Seehofer eine Welle der Kritik und des Spotts beschert - zugleich aber auch den Blick auf das weit über das Innenministerium hinaus reichende Missverhältnis gelenkt.

Zur politischen Führungsebene der Bundesregierung gehören die Kanzlerin und Minister sowie die Parlamentarischen Staatssekretäre und Staatsminister. Mit 58 Männern und 24 Frauen liegt der Frauenanteil dort bei gerade einmal 29,3 Prozent.

Von der Leyen allein unter Männern

Das Ungleichgewicht verschiebt sich allerdings weiter, wenn man die verbeamteten Staatssekretäre mit in den Blick nimmt. Aktuell sind es 29 Männer und vier Frauen. Besonders in der Kritik steht dabei neben dem CSU-geführten Innenministerium der neue Finanzminister Olaf Scholz. In der SPD hat es vernehmlichen Ärger ausgelöst, dass er alle vier Beamtenposten an der Spitze mit Männern besetzt hat. Und im Verteidigungsministerium ist nach dem Weggang von Katrin Suder wieder alles wie früher: Ursula von der Leyen allein unter Männern.

Allein unter Männern: Verteidigungsministerin von der Leyen.

Machtzentrum Abteilungsleiter

Zu den politischen Spitzenbeamten, die vom Kabinett bestätigt, aber auch jederzeit ausgetauscht werden können, gehören auch die Abteilungsleiter im Kanzleramt und in den Ministerien. Unter Angela Merkel arbeiten auf dieser Ebene fünf Männer und eine Frau, im Innenministerium ist das Verhältnis elf zu drei, im Auswärtigen Amt sieben zu zwei.

Besonders extrem ist die Situation im Verteidigungsministerium. Unter den zehn Spitzenbeamten auf dieser Ebene ist mit Alice Greyer-Wieninger nur eine einzige Frau - und die wird Ende Mai in den Ruhestand wechseln. Die Nachfolge ist noch offen - anders als bei drei ausscheidenden Männern, die wiederum durch Männer ersetzt wurden.

Verkehrsministerium verweigert Auskunft

Als einziges Ressort weigert sich das von Andreas Scheuer geführte Verkehrsministerium seit fast einer Woche, Auskunft über ihr aktuelles Führungsteam zu geben. Laut Organigramm gibt es derzeit nur eine Frau unter sechs Männern auf Abteilungsleiterebene, mangels weiblicher Staatssekretäre ist das Gesamtverhältnis elf zu eins.

Immerhin gibt es zwei Ministerien, in denen es auf Abteilungsleiterebene mehr Frauen als Männer gibt und die insgesamt eine weibliche Mehrheit in der Führung vorweisen können: das von Katharina Barley geführte Justizressort und das von Franziska Giffey übernommene Ministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend.

In ihren Ressorts überwiegen die Frauen auf Leitungsebene: Justizministerin Barley ...

... und Familienministerin Giffey haben mehr weibliches als männliches Führungspersonal.

Gesamtverhältnis: 172 Männer zu 57 Frauen

Diese beiden Ausnahmen können die Gesamtbilanz allerdings nur minimal beeinflussen: In der Summe aller Ministerien ergibt sich bei den Abteilungsleitern eine Unwucht von derzeit 85 Männern zu 34 Frauen, in der gesamten Führung mit Ministern und Staatssekretären klafft die Schere mit 172 zu 57 noch weiter auseinander.

Zu einem vollständigen Bild gehört auch der Blick auf die Spitzen der den Ministerien untergeordneten Bundesbehörden. Zum Bereich von Innenminister Seehofer gehören zum Beispiel 18 sehr mächtige Verwaltungen, von denen nur zwei von Frauen geführt werden. Sämtliche Sicherheitsbehörden wie das Bundeskriminalamt und der Verfassungsschutz stehen unter männlicher Leitung.

Im Auswärtigen Amt entsprechen auch herausgehobene Botschafterposten dem Rang von Abteilungsleitern. Nur drei der zwanzig wichtigsten Auslandsvertretungen werden derzeit von Frauen geleitet.

Die dem Wirtschaftsministerium zugeordneten Behörden sind alle sechs fest in männlicher Hand. Und darüber, wie es bei den 63 dem Verkehrsministerium unterstellten Dienststellen aussieht, kann man angesichts des Schweigens aus dem Ministerium nur spekulieren.

Bundesregierung als schlechtes Vorbild

Mit solchen Zahlen bleibt die neue Bundesregierung weiter hinter den selbstgesetzten Ansprüchen zurück. Im Koalitionsvertrag wird ausdrücklich die Vorbildfunktion des Öffentlichen Dienstes betont. Es solle deshalb als Ziel gesetzlich festgeschrieben werden, die vollständige Gleichstellung von Frauen und Männern in Leitungsfunktionen bis 2025 zu erreichen.

Große Aufmerksamkeit richtet sich nun auf die Ministerien, in denen demnächst Wechsel anstehen dürften. Wirtschaftsminister Peter Altmaier, der das Ressort von der SPD übernommen hat, sucht derzeit nach drei Staatssekretären. Im Ministerium weiß man um den Druck, ein Gegengewicht zur Männerdominanz im Haus zu schaffen. Im Auswärtigen Amt wurde gerade ein seit längerem vakanter Staatssekretärsposten mit dem bisherigen Politischen Direktor Andreas Michaelis besetzt. Im Gespräch war auch die hoch angesehene Leiterin der UN-Abteilung, Patricia Flor. Sie dürfte nun immerhin gute Chancen haben, in absehbarer Zeit die Nachfolge des zweiten Staatssekretärs Walter Lindner antreten zu können.

Vielleicht will aber auch Andreas Scheuer die Öffentlichkeit noch mit Personalentscheidungen überraschen, denn seine Pressestelle rechtfertigt die Auskunftsverweigerung mit dem Hinweis, die Personalbesetzungen im Verkehrsministerium seien noch nicht abgeschlossen.

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