Hinter dem Braunkohletagebau in Garzweiler ist das Braunkohlekraftwerk Neurath zu sehen. | Bildquelle: dpa

Streit um Energiepolitik Ist ein Kohleausstieg "vollkommen abwegig"?

Stand: 14.11.2017 07:10 Uhr

Der Kohleausstieg sei vollkommen abwegig. Das behauptete CSU-Politiker Dobrindt im ARD-Morgenmagazin. Doch ein Ausstieg scheint durchaus möglich. Dafür wären allerdings komplexe Maßnahmen nötig.

Von Werner Eckert, Leiter SWR Umweltredaktion, zzt. in Bonn

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Ein Kohleausstieg sei "vollkommen abwegig". Das sagte CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt im ARD-Morgenmagazin. Dobrindt weiter: "Wir können nicht die Energie an allen Ecken und Enden beschneiden und dann sagen, jetzt kommt der Strom dann aus den Kernkraftwerken oder den Kohlekraftwerken aus dem Ausland."

Kohle steht für 40 Prozent der Stromerzeugung in Deutschland: Braunkohle 23 Prozent, Steinkohle 17 Prozent. Den Schalter einfach auf "aus" zu stellen ist da sicherlich keine Option. Aber das erwartet auch niemand. Die Frage ist vielmehr: Kann Deutschland auf einen Weg gebracht werden, der mittelfristig Kohlekraftwerke überflüssig macht?

Aus Gründen des Klimaschutzes ist das eigentlich unumgänglich. Der Klimaschutzplan der Bundesregierung schreibt für die Energiewirtschaft ein "Sektorziel" fest: Bis 2030 muss demnach der CO2-Ausstoß halbiert werden. Das geht nur, wenn Kohlekraftwerke stillgelegt werden. Die Frage ist also nicht "ob", sondern "wann". Zudem erzeugt die EU Druck: Sie führt ab 2021 neue Emissionsgrenzwerte für Kohlekraftwerke ein.

Billiger Braunkohlestrom

Derzeit wird zwar immer mehr Strom aus Erneuerbaren Energien erzeugt (aktuell gut 30 Prozent) aber auch die Kohlekraftwerke laufen weiter. Das politische Dilemma: von selbst werden die Kohlekraftwerke nicht verschwinden. Braunkohle kann in Deutschland immer noch den billigsten Strom produzieren. Das liegt aber auch daran, dass die Kraftwerke schon abgeschrieben sind.

Fakt ist: Deutschland produziert viel mehr Strom, als es selbst braucht. 8,6 Prozent der Strommenge wird exportiert. Das ist viel mehr als in früheren Zeiten. Da ist Luft für Stilllegungen. Rein rechnerisch entspricht das annähernd der Leistung der Großkraftwerke Neurath und Niederaußem.

Das Tempo des Ausbaus der Erneuerbaren Energien ist zwar jetzt gedeckelt, aber ihr Anteil wird weiter wachsen. Auch weil Erneuerbare immer billiger werden. Zuletzt sind Zusagen für Windkraftwerke in der Nordsee vergeben worden, die ihren Strom ohne jeden Zuschuss verkaufen werden.

Nicht gleichmäßig verfügbar

Wichtig ist aber auch, dass immer genug Leistung im Netz ist - nicht nur bei Sonnenschein und Starkwind. Erneuerbare Energien sind nicht gleichmäßig verfügbar. Am 24. Januar 2016 lieferten sie beispielsweise weniger als zehn Prozent des Strombedarfs, dafür am 8. Mai fast 90 Prozent.

Faktencheck: Ist der Kohleausstieg möglich?
Morgenmagazin, 14.11.2017

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Kurzfristig können vor allem Gaskraftwerke die Rolle der Kohle als Sicherung im Energiesystem übernehmen. Sie emittieren nur etwa halb so viel Klimagas. Auf längere Sicht lässt sich das Problem auf verschiedene Arten und Weisen lösen: durch einen Überhang an Windrädern und Solarparks, durch intelligente Verbrauchssteuerung, bessere Energieeffizienz, durch Speicher und durch internationale Vernetzung.

Frankreich musste Windstrom importieren

Im Endeffekt wird es eine Mischung aus all dem sein müssen. Schon heute ist der gegenseitige Austausch mit Österreich oder Dänemark (bzw. Norwegen via Dänemark) ein wichtiges Element. Dieser Austausch ist für alle wichtig - und es ist keineswegs so, dass Deutschland auf Atomstrom aus dem Ausland angewiesen wäre. Frankreich setzt voll auf Atomkraft, musste aber in den vergangenen Wintern jede Menge Windstrom aus Deutschland importieren.

Klar ist aber: Die Energiewende kann nicht nur darin bestehen, immer mehr Windräder und Solarkraftwerke zu bauen. Vielmehr ist eine andere Infrastruktur notwendig - sowie eine neue Art das Energiesystem zu denken. Früher lieferten Atom- und Kohlekraftwerke den sogenannten Grund- und Mittellaststrom und Gaskraftwerke die Spitzenlast. Das System muss wesentlich variabler werden, damit es die zahllosen Klein-Kraftwerke und die Verbraucher optimal koordinieren kann. Die digitale Revolution macht das prinzipiell möglich.

Komplexe Kostenberechnung

Die Frage, ob ein Kohleausstieg den Strom teurer macht, ist nicht einfach zu beantworten. Auf der einen Seite ist Braunkohlestrom zwar billig, aber der hohe Stromüberschuss drückt die Börsenpreise. Dadurch steigt die Abgabe auf Erneuerbare Energien (EEG-Abgabe). Das klingt zwar paradox, ist aber so.

Außerdem sind alle neuen Kraftwerke erst einmal Preistreiber, egal welcher Art. In Großbritannien werden Atomkraftwerke gebaut, deren Strom die Verbraucher sehr viel teurer bezahlen müssen als wir unseren Windstrom. Erneuerbare werden zudem immer billiger und schon in sechs Jahren dürfte deshalb die EEG-Umlage, die derzeit mit etwa sieben Cent pro Kilowattstunde zu Buche schlägt, deutlich sinken.

Das Analysehaus Energy-Brainpool hat Szenarien gerechnet und kommt zu dem Schluss: zwischen Business as usual und einer engagierten Klimapolitik im Energiesektor sind die Unterschiede am Ende nicht so groß. Bis 2030 steigen die Strompreise in beiden Fällen an, um danach langsam bis 2040 zu sinken.

Harter Schnitt

Klar ist aber auch: Für die betroffenen Braunkohleregionen ist ein Kohleausstieg ein harter Schnitt. Deshalb soll es Konversionsprogramme geben. Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich hat für die Lausitz bereits 6,2 Milliarden Euro gefordert.

Der Kohleausstieg ist ein Streitthema in den Sondierungsgesprächen in Berlin. Die Grünen, die mit der Forderung nach einem Komplettausstieg bis zum Jahr 2030 in die Verhandlungen gegangen waren, signalisierten inzwischen Kompromissbereitschaft. Entscheidend sei nicht das genaue Ausstiegsdatum, sondern die CO2-Emissionsminderung.

Über dieses Thema berichtete u.a. das ARD-Morgenmagazin am 13. November 2017 um 08:10 Uhr und am 14. November 2017 um 06:13 Uhr, Deutschlandfunk am 11. November 2017 um 11:23 Uhr und am 07. November 2017 um 17:12 Uhr.

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