Ein Stapel mit verschiedenen Tageszeitungen liegt auf einem Tisch | Bildquelle: dpa

Journalismus Fakes, Fehler und Verantwortung

Stand: 16.05.2017 22:42 Uhr

In Berlin wurde bei Google über Fake News und Maßnahmen dagegen diskutiert. Dabei ging es vor allem um journalistische Standards - und die "irrsinnige Geschwindigkeit" der Nachrichtenproduktion im Netz.

Von Andrej Reisin, NDR

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Andrej Reisin, NDR

"Fakten, Fake & Propaganda. Müssen jetzt Journalisten mal eben kurz die Welt retten?" So lautete der Titel einer Veranstaltung, zu der Google am Montagabend in Berlin eingeladen hatte. Mit dabei: Georg Mascolo, Leiter des Rechercheverbundes aus NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung", Laura Himmelreich, Chefredakteurin bei "VICE", der Dokumentarfilmer Marcel Mettelsiefen und die Juristin Sabine Frank, die bei Google für Regulierung, Verbraucher- und Jugendschutz zuständig ist. Die Medienjournalistin Melanie Stein, die auch für tagesschau.de arbeitet, moderierte die Runde.

Pläyoder für journalistische Verantwortung

Georg Mascolo erntete im Verlauf des Gesprächs am meisten Applaus, weil er Journalisten immer wieder an ihre Rolle erinnerte und zu Sorgfalt, Mäßigung, Fehlerkultur und Transparenz mahnte. Er wies darauf hin, dass Desinformation und Propaganda keineswegs neu sind. Die Stasi habe Lügen noch mit der Post verschickt, heute böten sich Geheimdiensten und Propagandisten in eigener Sache andere, schnellere Informationskanäle an, um ihre "Fake News" breit zu streuen. Es gebe einen "in Teilen richtig organisierten Angriff auf die Glaubwürdigkeit etablierter Medien". Dieser komme eher "von rechts oder von rechten Bewegungen". Diese seien auch nicht von medialer Aufrichtigkeit zu überzeugen, da sie ein konkretes politisches Ziel verfolgten, das eben darin bestehe, die Demokratie zu destabilisieren.

Google Talk zum Thema "Fake News"

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Sich nie zu sicher sein

Mascolo plädierte anhand jüngster Beispiele für Sorgfalt und Recherche. Wenn eine Geschichte angeblich aus einer Zeitung stamme, die es in Wirklichkeit gar nicht gäbe, könnten Journalisten diese mit "einfachsten Überprüfungsmechanismen" erkennen. Folglich seien diese unterblieben, wenn namhafte Agenturen und Medien dann trotzdem darauf hereinfielen. Mascolo unterlief allerdings selbst ein kleiner Fehler, der von Publikum und Moderation unbemerkt blieb: Kürzlich waren die Nachrichtenagentur AP und einige internationale Medien auf eine Aktion der Künstlergruppe "Peng!" hereingefallen (faktenfinder berichtete) und hatten über die angebliche Kampagne eines vermeintlichen "CDU-Ortsverbandes Schwenke" gegen Waffenexporte berichtet. Mascolo sagte in diesem Zusammenhang, wie leicht man hätte herausfinden können, dass es diesen Ort gar nicht gäbe.

Doch ganz so war es nicht: Das Künstler-Kollektiv hatte unter anderem eine Webseite erstellt, deren Design anderen CDU-Präsenzen gleicht. Und Schwenke ist tatsächlich ein Ortsteil des nordrhein-westfälischen Halver mit eigener Postleitzahl. All dies war auf der Fake-Webseite korrekt angegeben worden. Doch es gibt weder den entsprechenden CDU-Ortsverband, noch dessen angebliche Vorsitzende. Mascolo hatte sich also in einem Detail vertan. Seine Behauptung, Schwenke gäbe es gar nicht, hat nun allerdings ihrerseits Verbreitung im Netz gefunden - und zwar durch Berichte von der Veranstaltung, die diese Aussage nun ihrerseits ungeprüft übernehmen. Unfreiwillig wird die Geschichte dadurch zum besten Beleg für Mascolos Plädoyer. Im Nachhinein auf die Episode angesprochen, sagte er zu faktenfinder: "Sehen Sie: Das kommt davon, wenn man sich zu sicher ist. Ich kann nur davor warnen."

Wie groß ist das Problem wirklich?

Im französischen Wahlkampf blieb hingegen bis zuletzt unklar, inwiefern das Hacken von Daten der Kampagne des neuen Präsidenten Emmanuel Macron eigentlich eine Rolle hätte spielen können. Vielleicht verhinderte ein Stillschweige-Abkommen der französischen Medien einen entsprechenden Einfluss, vielleicht war es aber auch die geschickte PR des Macron-Lagers, das kurz vor der Wahl bekannt gab, gehackt worden zu sein, gleichzeitig aber lancierte, die geleakten Dokumente seien zum Teil gefälscht - womit selbst böswilligen Beobachtern die Chance genommen wurde, unmittelbar Kapital aus vermeintlich kompromittierenden Schriftstücken zu schlagen.

Auch ein Einfluss auf die US-Wahlen ist nicht wissenschaftlich belegt: Eine Studie der Universität Stanford kam zu dem Ergebnis, der unmittelbare Einfluss auf das Wahlverhalten sei selbst bei sehr hohen Reichweiten einzelner Falschmeldungen nicht signifikant. Moderatorin Stein fragte Mascolo dementsprechend gegen Ende des Gespräches auch, ob der Sender Fox News den größeren Einfluss auf die US-Wahlen gehabt habe, was dieser bejahte. Dies wiederum stieß bei Teilen des Publikums nicht unbedingt auf Zustimmung: Ob die deutsche Medienlandschaft nicht eine ähnliche Schlagseite wie Fox habe, nur in die umgekehrte Richtung, wurde gefragt, was sowohl Mascolo als auch Laura Himmelreich zurückwiesen.

Kann es objektiven Journalismus geben?

Himmelreich hielt Mascolo allerdings entgegen, dass die "ökonomische Realität" bei kommerziellen Online-Medien auch eine gewisse Schlagzahl erfordere, weil man ansonsten nicht mit der Konkurrenz mithalten könne. Mascolo wollte dies als Entschuldigung nicht gelten lassen. Ein weiterer Spannungspunkt bestand in der Frage, inwieweit Haltung und Meinung das eigentliche Problem bei Glaubwürdigkeit von Medien sind. Mascolo plädierte hier für eine (wieder) strikte(re) Trennung von Nachricht und Meinung, die in der jüngeren Vergangenheit teilweise unter die Räder gekommen sei.

Vice.com-Chefredakteurin Laura Himmelreich

"Radikal subjektiv": "VICE"-Chefredakteurin Laura Himmelreich.

Dem widersprach Himmelreich indirekt, indem sie die "radikale Subjektivität" von "VICE" verteidigte. Sie glaube nicht an Objektivität, sondern daran, die eigene Auffassung transparent zu machen. Ihr Medium vertrete "klare Haltungen", die "nicht zur Diskussion" stünden. Dazu gehörten ihrer Auffassung nach ein klares Bekenntnis zur Vielfalt der Gesellschaft, gegen Rassismus, Homophobie und jegliche Art von Diskriminierung, aber beispielsweise auch das Eintreten für die Legalisierung von Cannabis.

Weiterer Diskussionsbedarf

Diese Diskussion wirft viele Fragen auf: Waren Medien, insbesondere Zeitungen nicht immer schon Tendenzbetriebe? Warf die "Taz" (auch in der Berichterstattung) früher nicht den linken und die "Welt" den konservativen Blick auf die Dinge? Wird seitens des Publikums in Wirklichkeit nicht genau der Verlust dieser klar zuzuordnenden Haltungen beklagt? Könnte man den linksalternativen Kreuzberger Kiez und die CSU-geprägte bayerische Ortschaft nicht auch "Filterblasen" nennen?

Möglicherweise ist es genau der Verlust der Übersichtlichkeit, der das Publikum in die vorsortierten Echokammern sozialer Medien treibt. Dementsprechend sprach Google-Vertreterin Sabine Frank auch von der Verantwortung des Publikums - und hielt ein leidenschaftliches Plädoyer für die Vermittlung von Medienkompetenz als Bildungsauftrag. Leider war die Diskussion an dieser Stelle aus zeitlichen Gründen vorbei, als sie gerade richtig spannend wurde.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 16. Mai 2017 um 15:25 Uhr

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