Polizisten am Rande des Chemnitzer Stadtfests | Bildquelle: dpa

Hetzjagden nach Stadtfest Gerüchte im Netz, Gewalt auf der Straße

Stand: 27.08.2018 09:27 Uhr

Von der Polizei werden die Darstellungen nicht bestätigt: Dennoch werden im Netz Berichte gestreut, wonach zwei Männer in Chemnitz getötet worden seien, weil sie eine Frau geschützt hätten. Gezielt wird Wut entfacht.

Von Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

In Chemnitz hat es am Sonntag eine unangemeldete Demonstration sowie Ausschreitungen gegeben. Videos im Netz zeigen einen Angriff auf Migranten und Auseinandersetzungen mit der Polizei. Nach Berichten von Journalisten vor Ort, waren unter den Protestlern bekannte Rechtsradikale. Auf Videos ist zu hören, wie Teilnehmer Parolen rufen wie "Das System ist am Ende, wir sind die Wende!" oder "Frei, sozial und national!" Zudem werden andere Personen als "Zecken", "Viehzeug" oder Kanaken" beleidigt.

Die Demonstration wurde von der rechten Hooligan-Gruppe "Kaotic Chemnitz" initiiert. Über die sozialen Netzwerke konnten in kurzer Zeit 800 bis 1000 Teilnehmer mobilisiert werden.

Auslöser der Ereignisse war der Tod eines Mannes. Die Polizei teilte mit, er sei nach einer Auseinandersetzung im Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen. Am frühen Sonntagmorgen, gegen 03.15 Uhr, war es laut Polizeiangaben in der Brückenstraße in Chemnitz nach einem verbalen Disput zu einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen mehreren Personen unterschiedlicher Nationalitäten gekommen. In deren Folge erlitten drei Männer (33/35/38) teils schwere Verletzungen. Der 35-Jährige erlag noch in der Nacht in einem Krankenhaus seinen schweren Verletzungen.

Nach der Auseinandersetzung waren mehrere Personen vom Ort geflüchtet. Polizeibeamte konnten im Rahmen der Fahndungsmaßnahmen zwei Männer stellen, die sich entfernt hatten. Ob diese in die Auseinandersetzung involviert waren, müsse noch geklärt werden. Die Staatsanwaltschaft Chemnitz und die Polizeidirektion Chemnitz nahmen die Ermittlungen wegen des Verdachts des Totschlages auf. Dabei müssen insbesondere der Auslöser des Disputes sowie der genaue Tatablauf noch ermittelt werden. 

Polizei warnt vor Gerüchten

Klar ist bislang also, dass es ein Todesopfer nach einem Streit in der Nacht gab. Im Netz heißt es, eine Frau sei belästigt worden und die drei Männer hätten diese schützen wollen. Die Polizei weist diese Darstellung zurück. Es gebe bislang keinerlei Anhaltspunkte, dass eine Belästigung der Auseinandersetzung vorausgegangen sei. Die Polizei appellierte, sich nicht an Spekulationen zu beteiligen.

Trotz dieser Mahnung wird mittlerweile behauptet, ein zweiter Mann sei in der Nacht verstorben. Auch auf Online-Nachrichtenseiten wird diese Information verbreitet.

Die Polizei konnte diese Angabe auf Anfrage zunächst weder bestätigen noch dementieren. Man verschaffe sich derzeit einen Überblick, sagte eine Sprecherin gegenüber dem ARD-faktenfinder. Mittlerweile dementierte die Polizei die Gerüchte auf Twitter.

Verschiedene Seiten im Netz verbreiten unbestätigte Nachrichten.

Die Gerüchte werden auch auf Online-Nachrichtenseiten weiterverbreitet.

"Danke, Frau Merkel!"

Trotz der noch unklaren Lage ist für einige Nutzer die Schuldfrage bereits geklärt. "Dank Frau Merkel dürfen wir noch viele Leute zu Grabe tragen", heißt es beispielsweise. Auf einer rechtsextremen Facebook-Seite ist von angeblich 2000 Bürgern die Rede, die durch Chemnitz gezogen seien. "Die Gutmenschen und verantwortungslosen Politiker" hätten diese "gewaltigen Kulturfremden" ins Land geholt und seien persönlich verantwortlich für jede einzelne Gewalttat.

Auch AfD-Politiker rufen zu Protesten in Chemnitz auf, auf AfD-Seiten werden Videos verbreitet, in denen von einem "Messer-Mord" oder einem "Massaker an drei Deutschen" die Rede ist. Der Bundestagsabgeordnete Markus Frohnmaier twitterte, wenn der Staat die Bürger nicht mehr schützen könne, "gehen die Menschen auf die Straße und schützen sich selber". Es sei "Bürgerpflicht, die todbringende Messermigration zu stoppen".

Ein bekannter Neonazi schrieb auf Twitter: "Bricht der Volkszorn in Chemnitz endlich Bahn?" Eine Online-Nachrichtenseite schreibt von einem "Aufstand" in Chemnitz. Und auf der Facebook-Seite eines AfD-Politikers aus Sachsen wurde von einem Kommentator vorgeschlagen, in der Stadt die Ausländerbehörde zu stürmen. Ein anderer Nutzer meinte, man solle lieber das Rathaus attackieren, denn dort seien die "Volksverräter" zu finden.

Weitere Demonstrationen geplant

Mit solchen Bild-Montagen wird im Netz gezielt Angst geschürt und politische Stimmung gemacht.

Für den heutigen Tag rufen verschiedene Gruppen zu Demonstrationen nach Chemnitz auf. "Gegen rechte Hetze und Instrumentalisierung" will hingegen ein linkes Bündnis protestieren.

Chemnitz steht somit ein unruhiger Tag bevor - und die Stimmung wird im Netz durch Gerüchte und nicht bestätigte Informationen gezielt angeheizt.

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