Screenshot: Tweet von "Sleepy"

Altes Foto heizt Debatte an Von Burkas und Bussitzen

Stand: 04.08.2017 16:48 Uhr

Norwegische Rechtsradikale sehen auf einem Facebook-Foto verschleierte Frauen, wo keine sind - eine Nachricht, die um Welt geht. Doch viele Mitglieder in der rechten Facebook-Gruppe erkannten auch, dass auf dem Bild leere Bussitze zu sehen waren. Das Motiv kursiert schon länger im Netz - und stammt wohl aus Deutschland.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de und Fiete Stegers, NDR

Die norwegische Internetzeitung "Nettavisen" berichtete darüber, die englischsprachige Website "The Local" griff das Thema auf und von dort fand es seinen Weg in die internationale Presse von "Washington Post" über "Independent" und BBC in Großbritannien bis zum Schweizer "Blick" und Al Dschasira. Auch Journalisten in Deutschland zitierten aus dem norwegischen Artikel, wonach ein Foto von leeren Bussitzen einen Sturm des Hasses entfacht habe.

Der Norweger Johan Slattavik hatte am 28. Juli um 18:34 Uhr in der Facebook-Gruppe "Fedrelandet viktigst" (Das Vaterland ist am wichtigsten) ein Foto veröffentlicht und gefragt: "Was denken Leute wohl darüber?" Auf dem Bild sind leere Sitze in einem Bus zu sehen - doch viele Internet-Nutzer wollten darin Personen mit Burkas erkennen.

Dutzende Mitglieder der Facebook-Gruppe reagierten empört auf das Bild und schrieben Kommentare wie:

Erschreckend - man kann nicht erkennen, ob es sich um Frauen oder Männer unter den Burkas handelt - und ob sie gestohlene Waren oder sogar Bomben unter den Laken tragen.

Burkas oder Bussitze?
Norwegische Rechtsradikale sehen auf einem Facebook-Foto Burkas in einem Bus, wo keine sind.

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Nicht alle Facebook-Nutzer fielen darauf rein

Ganz so einheitlich wie in manchen Medien geschildert waren die Reaktionen allerdings nicht. Mehrere Nutzer der Gruppe erkannten umgehend, dass es sich tatsächlich um leere Sitze handelte - und nicht um Personen in Burkas. "Stimme voll und ganz zu: In einem zivilisierten Land sollte es nicht so viele leere Bussitze geben", antwortete beispielsweise eine Lena L. auf einen Kommentar, wonach es "so etwas in einem zivilisierten Land nicht geben" dürfte. Andere Nutzer fühlten sich an die Figur von Darth Vader aus Star Wars erinnert.

Die Gruppe "Fedrelandet viktigst" hat fast 14.000 Mitglieder. Hier werden rund um die Uhr Schauergeschichten über Flüchtlinge und politische Gegner geteilt. Man bestärkt sich gegenseitig in der eigenen Weltsicht. Unter den Mitgliedern sind ranghohe Politiker der rechtspopulistischen Fortschrittspartei - darunter sogar mindestens ein Parlamentsabgeordneter. Einige Nutzer zeigen sich offen militant, einer nutzt als Profilbild eine norwegische Flagge und eine Schusswaffe, wie sie der Rechtsterrorist Anders Breivik bei seiner Selbstinszenierung benutzt hatte.

Bild stammt aus Süddeutschland

Das nun diskutierte Foto mit dem "Burka-Bus" ist allerdings schon älter und nicht erst in der norwegischen Facebook-Gruppe aufgetaucht. Am 28. Juli war es bereits etliche Stunden früher im Forum Reddit.com eingestellt worden - und hatte ebenfalls eine große Diskussion ausgelöst.

Die älteste Netz-Fundstelle stammt aber aus Deutschland: Es handelt sich um den Twitter-Eintrag einer Nutzerin mit dem Namen "Sleepy" vom 4. September 2016.

Nach eigenen Angaben hat sie das Bild nicht selbst gemacht, sondern ein Bekannter, der namentlich nicht genannt werden möchte. Aufgenommen habe der Bekannte das Foto im August 2016 im Allgäu. Der ARD-faktenfinder hat dazu bei Verkehrsgesellschaften in der Region recherchiert und die in Frage kommende Buslinie identifziert. Das entsprechende Unternehmen wollte sich aber auf Anfrage nicht äußern.

"Das Foto bedient genau die Ängste"

Die Nutzerin "Sleepy" sagte auf Anfrage des ARD-faktenfinders: "Vor einem Jahr war die Burka-Diskussion in vollem Gang und natürlich generell die Flüchtlingsdiskussion. Dieses Foto bediente genau diese Ängste." Der Fotograf habe genau wegen der damaligen Diskussionen die Assoziation mit den Burkas gehabt. "Und ich im ersten Moment auch", so die Twitter-Nutzerin weiter. Daher habe sie es veröffentlicht.

Schon damals seien die Reaktionen auf Twitter und Facebook teilweise ähnlich gewesen, die nun in Norwegen aufgetaucht seien. Es sei "erschreckend, wie leicht Menschen manipuliert werden können", erinnert sich die Nutzerin weiter an die erste Aufregung. Einige deutsche Blogs amüsierten sich damals über den Tweet, auch der WDR-Hörfunksender 1Live stieg auf Twitter ein. Das Foto erschien in den nächsten Monaten auf weiteren Internet-Seiten ohne Hinweis auf den ursprünglichen Zusammenhang oder Urheber - bis es jetzt wieder auftauchte.

"Wir sehen, was wir erwarten"

Dass Mitglieder der norwegischen Facebook-Gruppe sofort Burkas in dem Bild erkennen wollten, überrascht "Sleepy" nicht: "Wir sehen, was wir erwarten."

Bus ohne Burkaträgerinnen im Allgäu 2017.

In der Facebook-Gruppe "Fedrelandet viktigst" räumten mehrere Mitglieder mittlerweile offen ein, dass man sich blamiert habe. Andere wiederum fühlen sich getäuscht. Niemand solle sich deswegen dumm fühlen, schreibt Erik B., und vergleicht das Bild mit den leeren Bussitzen mit Gemälden wie "Mona Lisa" und "Der Schrei" - alles seien optische Illusionen. Daraus folge, dass es sich bei dem Foto aus dem Bus um eine "Illustration von muslimischen Frauen" handele. Dass die Sitze leer seien, spiele dabei keine Rolle. Siw M. pflichtet bei: Das Bild symbolisiere perfekt, wie "der Islam" sämtliche Plätze einnehme.

Und so wird aus einem Foto mit leeren Bussitzen ein Symbolbild für die vermeintliche "Islamisierung" Europas gemacht.

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