Ein Hund liegt auf einer Straße auf einer Decke | Bildquelle: picture alliance / AP Photo

Berichte im Netz Betteln mit betäubten Hunden?

Stand: 22.06.2017 18:55 Uhr

Ein Obdachloser, der mit einem betäubten Hund um Geld bettelt - diese Geschichte verbreitete sich kürzlich tausendfach auf Facebook und erntete heftige Reaktionen. Auch andernorts tauchen solche Geschichten auf. Was ist dran?

Von Elmas Topcu, WDR

Bahnhöfe, Einkaufsstraßen, Fußgängerzonen - häufig sitzen dort Bettler mit Hunden. Prinzipiell ist Betteln mit Tieren in Deutschland erlaubt, solange sie nicht aggressiv auftreten, Passanten belästigen, den Verkehr behindern oder die Sicherheit gefährden.

Wenn Bettler aber stundenlang am gleichen Ort sitzen und ihre Hunde regungslos daliegen, kann leicht der Eindruck entstehen, dass die Tiere möglicherweise betäubt wurden.

Im Mai verbreitete ein User namens "Nique Black" auf seiner Facebook-Seite das Foto eines Obdachlosen, der in der Oberhausener Fußgängerzone mit einem betäubten Hunde-Welpen betteln soll. Der Post wurde in kürzester Zeit tausendfach verbreitet. Die Reaktionen darauf waren heftig. Einige User riefen sogar zu Gewalt gegen den Obdachlosen auf. Doch die Polizei entlarvte den Vorwurf als Falschmeldung.

Berichte über Bettler mit sedierten Hunden gibt es immer wieder. Meistens tauchen sie zuerst in Foren oder Blogs von Tierschützern auf. Manchmal greifen sie dann auch die Medien auf. So geriet zum Beispiel im vergangenen Herbst ein Fall in München in die Schlagzeilen.

Der "Münchner Merkur" schrieb am 18. Oktober 2016: "Tierschützer schlagen Alarm: Bettler-Hunde unter Drogen" und die "Bild"-Zeitung einen Tag später: "Tiere werden sediert – CSU fordert Bettelverbot mit Vierbeinern". In den Artikeln wird behauptet, dass hinter den Bettlern mit Hunden die so genannte Bettelmafia stehe, die die Tiere an Bettler vermiete.

Das nahm die "Münchner Abendzeitung" auf und fragte am 13. Dezember 2016: "Miet-Hunde aus der Slowakei? Kreisverwaltungsreferat will schärfer gegen Bettelmafia vorgehen".

Was sagen Tierschützer?

Viele Tierschützer sind überzeugt, dass es eine Bettelmafia gibt, die Hunde an Obdachlose vermietet. Sie halten es für unmöglich, dass die Hunde stundenlang regungslos auf dem Boden liegen können und auf Zuruf oder vorbeilaufenden Artgenossen gar nicht reagieren.

Außerdem sehen sie im Betteln mit Tieren eine miese Mitleidsmasche, um den Passanten mehr Geld aus der Tasche zu ziehen. Aus Sicht des Deutschen Tierschutzbundes ist das ein Trend in vielen deutschen Großstädten.

Tierschutzbund-Referentin Caterina Mülhausen sagt aber, das sei in der Regel kein Phänomen bei einfachen Obdachlosen, es gehe eher um organisierte Banden aus Osteuropa, die auch aggressiv bettelten und die Tiere zur Schau stellten.

Das Betteln mit Tieren generell zu verbieten, hält Mülhausen nicht für sinnvoll. Durch die soziale Bindung könne sich die Haltung eines Hundes für Obdachlose oder junge Arbeitslose positiv auswirken.

Viele der Hunde hätten unter Umständen sogar ein schöneres Leben als mancher Artgenosse, der lebenslang an der Kette gehalten werde. Trotz hartnäckiger Gerüchte sei ihr kein Fall bekannt, in dem Veterinärbehörden eine Betäubung von Obdachlosen-Hunden tatsächlich nachweisen konnten.

Becher mit den Worten "Hund", "Bier", "Kiffen", "Essen" und "Urlaub" stehen in Stuttgart vor drei Punks, die auf der Straße sitzen und betteln.

Wenige dokumentierte Fälle

Sarah Ross, Heimtier-Expertin der Stiftung "Vier Pfoten", sagt, sie wisse nur von wenigen dokumentierten Fällen, in denen Hunde von Obdachlosen tatsächlich sediert wurden. So seien vor einiger Zeit in Hamburg Hunde entdeckt worden, die unter Decken gefesselt gewesen und mit Beruhigungsmitteln ruhiggestellt worden seien.

Polizei und Tierschutz seien eingeschaltet und die Tiere dann im Tierheim in der Süderstrasse untergebracht worden. Den Mitarbeitern des Hamburger Tierschutzvereins von 1841, der dieses Tierheim betreibt, ist ein solcher Fall allerdings nicht bekannt.

Sina Hanke von der Tierschutzberatung des Vereins sagt, dass sie aus Hamburg keinen Fall kenne, in dem Betäubungsmittel bei Hunden nachgewiesen werden konnten, auch wenn in der Vorweihnachtszeit wöchentlich Verdachtsmeldungen beim Verein eingegangen seien.

Bisher keine Betäubungsmittel nachgewiesen

Was ist also dran an den Vorwürfen? Das wollte der faktenfinder von den Behörden in den vier größten deutschen Städten wissen - Berlin, Köln, München und Hamburg.

Vorwürfe gegen Bettler hätten sich nicht bestätigt, sagen die Behörden.

Wie die Tierschützer erzählt auch Sorina Weiland, Pressesprecherin vom Bezirksamt Hamburg-Mitte, dass sich besonders in der Vorweihnachtszeit Beschwerden von Passanten häuften. Sie berichteten von Bettlern mit Hunden, die einen sedierten Eindruck machten.

Allerdings hätten die Hamburger Behörden bis jetzt noch nie Betäubungsmittel nachweisen können, sagt Weiland. Ende vergangenen Jahres seien aufgrund eines konkreten Verdachtsfalles mehrere Hunde von Obdachlosen in der Hansestadt auf Spuren von Betäubungsmitteln in Blut, Urin und Haaren untersucht worden. Dabei habe nichts nachgewiesen werden können.

Kein Thema in Köln und Berlin

Auch in München ergaben solche Tests keine Anzeichen auf Betäubungsmittel. Bislang sei in der Stadt in diesem Zusammenhang kein einziges Verfahren eröffnet worden, betont Werner Kraus von der Pressestelle der Münchner Polizei.

Der Kölner Polizei sind zum Thema Betteln mit sedierten Hunden gar keine Beschwerden bekannt. Auch in Berlin, sagt Polizeisprecher Michael Gassen, sei das bisher kein Thema gewesen.

Im Oberhausener Fall prüften Polizei, Ordnungsdienst und Veterinäramt, ob der Obdachlose seinen Welpen wirklich betäubt hatte. Das Ergebnis: Die Anschuldigungen waren aus der Luft gegriffen. Jetzt wünschen sich die zuständigen Behörden, dass ihre Richtigstellung eine ähnliche große Verbreitung findet wie die Falschmeldung.

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