Screenshots Webseiten mit Wintermeldungen

Fragwürdige Wettervorhersagen Die Mär vom "schlimmsten Winter"

Stand: 01.12.2017 08:31 Uhr

Es wird extrem kalt - oder auch nicht. Mit fragwürdigen Vorhersagen versuchen Boulevardmedien und Online-Portale Leser anzulocken. Dabei ist auch in diesem Jahr kein Rekordwinter zu erwarten. Zum meteorologischen Winterbeginn: Ein Wetter-Bericht .

Von Kristin Becker, SWR

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Kristin Becker, SWR

Es sind die Extreme, mit denen manche Redaktionen ihre Leser noch vor Beginn des Winters aufs Glatteis führen wollten. Die österreichische "Kronenzeitung" etwa wusste schon im September, wie das Wetter zum Jahresende wird: nämlich richtig heftig. "Kältester Winter seit 100 Jahren im Anmarsch" titelte das Blatt. Quelle für diese Vorhersage: ein "russisches Nachrichtenportal" und "britische Klimaforscher".

Die "Kronenzeitung" verlinkte auf einen Artikel von "Sputnik", der zum staatlichen russischen Medienkonzern "Rossiya Segodnya" gehört. "Sputnik" wiederum hatte auf seiner deutschen Website über den drohenden Extremwinter berichtet - unter Berufung auf einen anderen russischen Blog. Dort wurde behauptet, britische Klimaforscher würden vor "anomaler" Kälte warnen. Dazu stellte die Seite ein Foto, das den Londoner "Big Ben" zeigt - versunken in Schnee und Eis.

Ein russisches Blog ergänzte seinen Wetterbericht mit einem Plakatmotiv des Katastrophenfilms "The Day After Tomorrow".

Mit der Realität hat die Darstellung allerdings wenig zu tun - sie stammt aus einer Werbekampagne für den fiktiven Katastrophenfilm "The Day after Tomorrow". In dem Artikel ist die Rede "von Wissenschaftlern aus europäischen Ländern", namentlich genannt wird "der berühmte britische Klimaforscher James Madden".

Alle Jahre wieder

Madden ist offenbar "Serientäter". Immer wieder hat er in den vergangenen Jahren extreme Winter vorhergesagt. Auf Basis seiner Behauptungen titelte die britische Boulevardzeitung "Daily Express" im Oktober 2013: "Worst winter for decades: Record-breaking snow predicted for November". Madden wird dabei zitiert mit den Worten: "A horror winter scenario is likely to bring another big freeze with copious snow for many parts."

Allerdings gab es in Großbritannien im Winter 2013/14 weder Rekordschnee noch Extremkälte - es war vor allem sehr nass. Eine Zusammenfassung findet sich auf der Seite des nationalen britischen Wetterdienstes Met Office. Fazit: Statt Schnee und Eis dominierten Stürme und Regen. Wie der Wetterdienst erklärt, gab es im Vereinigten Königreich seit 1961 keinen Winter mit weniger Luftfrost, die Temperaturen lagen über dem Durchschnitt.

Trotzdem traten Madden und der "Express" auch im folgenden Herbst wieder mit einer vergleichbaren "Vorhersage" an: "Winter 2014 set to be 'coldest for century' Britain faces ARCTIC FREEZE in just weeks'". Auch in diesem Fall lagen sie daneben, wie die Auswertung des Met Office zeigt. Die Temperaturen im Winter 2014/15 waren in Großbritannien durchschnittlich - die Sonnenscheindauer die höchste seit 1929.

Und so ging es 2015 und 2016 weiter: Der Express titelte "Coldest winter for 50 YEARS set to bring MONTHS of heavy snow to UK" und "UK set for HEAVIEST SNOWFALL in years: Long-range forecast warns of Winter 2016 BIG FREEZE" – mit der Wetterrealität hatte das aber wenig zu tun.

Wetterdienst mit zweifelhaften Methoden

Jedes Mal mit dabei: James Madden als Wetterexperte und der Journalist Nathan Rao. Madden gehört zum privaten Wetterdienst "Exacta Weather". Offenbar ist er der Betreiber der Firma, möglicherweise ist der Name aber auch ein Pseudonym. Auf eine Anfrage des ARD-faktenfinders hat "Exacta Weather" bislang nicht reagiert. Auf seiner Website verweist der Anbieter auf seine "unorthodoxen Vorhersagemethoden", in Facebook-Äußerungen spricht er von "esoterischer Methodologie".

Wie auch in Deutschland kann in Großbritannien jeder Wettervorhersagen erstellen und verbreiten - ohne spezifische Ausbildung. Das Geschäftsmodell von "Exacta Weather" basiert nach eigener Aussage auf einem Abonnentensystem. Daher ist mediale Aufmerksamkeit hilfreich, um neue Kunden zu gewinnen. Verschiedene englischsprachige Boulevardmedien nutzen die Einschätzungen von "Exacta Weather". Sie setzen auf Klicks durch übertriebene Wettermeldungen.

200 Wetter-Titelgeschichten für "Daily Express"

Nathan Rao schreibt unter anderem für die "Daily Mail" und den "Daily Mirror", vor allem aber für den "Daily Express". Nach eigenen Angaben hat er mehr als 200 Wetter-Titelgeschichten für den "Express" verfasst, darunter die bereits zitierten jährlichen Winter-Extrem-Berichte. Auch aktuell lautet eine seiner Schlagzeilen: "CHRISTMAS WEATHER: Britain braced for COLDEST winter for years".

Der ARD-faktenfinder hat Rao verschiedene Fragen zu seiner Arbeitsweise gestellt - etwa nach welchen Kriterien er seine Quellen auswählt, warum er immer wieder auf Madden zurückgreift, obwohl dessen Vorhersagen fragwürdig sind, und wie er über die eigene Wetter-Berichterstattung denkt, die nachgewiesenermaßen wiederholt falsch beziehungsweise überzogen war. Der britische Reporter wollte keine der Fragen beantworten und schickte lediglich folgendes Statement:

"Als Nation haben die Briten traditionell ein großes Interesse am Wetter. Das hängt zum Teil mit unserer geographischen Lage und der Entfernung zum Äquator zusammen, die schnelle Wetterwechsel in kurzer Zeit möglich machen. Abhänging von unseren Wetterbesonderheiten können sich Vorhersagen von Tag zu Tag ändern. Es ist meine Aufgabe die Vorhersagen zu verfolgen, um zeitnahe und korrekte Wetterberichte liefern zu können."

Trefferquote: 65 - 70 Prozent

Madden und Rao sind keine Einzelfälle: Auch andere Vorhersagedienste und Medien verbreiten immer wieder Meldungen über vermeintlich krasse Wetterlagen. Beim nationalen britischen Wetterdienst stöhnt man über die überzogenen Berichte. "Wetter verkauft sich gut", sagt Emma Sharples vom Met Office dem ARD-faktenfinder. Dass jedes Jahr die gleichen falschen Geschichten kursierten und propagiert würden, sei frustrierend. Ein extremer Winter sei auch diesmal unwahrscheinlich. Genau einschätzen ließe sich das aber nur kurzfristig.

Am 15. Januar 2016 sind die Bäume im Thüringer Wald bei Oberhof dick mit Schnee bedeckt.

"Das Wetter ist chaotisch", erklärt auch Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst. Seriös könne man die Temperatur für sieben Tage vorhersagen, die Trefferquote liege dann bei 65 - 70 Prozent. Eine grobe Prognose sei für bis zu zehn Tage möglich. Bei den Niederschlägen sei die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wetterbericht stimme, noch geringer, weil diese ein sehr lokales Phänomen darstellten.

Friedrich betonte, dass es keine "perfekte und langfristige Wettervorhersage" gebe. Der Deutsche Wetterdienst erstelle zwar auch saisonale Vorhersagen, allerdings nur als Tendenz für den Gesamtwinter (Dezember/Januar/Februar). Derzeit erwarte man einen wärmeren Winter mit etwas höheren Niederschlägen. Ob nun aber beispielsweise der Januar milder und der Februar schneereicher werde oder umgekehrt, lässt sich Friedrich zufolge nicht längerfristig bestimmen. Im Zentrum der saisonalen Vorhersagen, die eine Wahrscheinlichkeit von 60 bis 65 Prozent hätten, stehe die Frage, ob der Winter als solches über oder unter den langjährigen Mittelwerten liegen könnte. Im Herbst eine Wetteransage für einzelne Winterwochen - etwa Weihnachten - zu machen, sei unseriös. Das heißt: Ob es zu Weihnachten schneit, wissen wir erst, wenn es zu Weihnachten schneit.

Zehn Meter Schnee

Dennoch sind Wetter-Fakes rund um den Globus beliebt. In den USA machte im November ein Artikel die Runde, der behauptete, dass im Bundesstaat Montana in diesem Winter "verheerender Schneefall" erwartet werde - wegen einer angeblichen Wetteranomalie.

"Verheerender Schneefall in Montana": Die Meldung war frei erfunden

Der Bericht, der mehr als zehn Meter Schnee vorhersagte, war allerdings frei erfunden. Er wurde erstellt auf einer Website, die es Nutzern erlaubt Scherz-Beiträge zu verfassen und zu verbreiten. Für Außenstehende ist aber nicht leicht zu erkennen, dass die Artikel erfunden sind. Auf Facebook wurde der Schneebericht mehr als 90.000 Mal gepostet. Zum Vergleich: Die zeitnahe Richtigstellung durch die Faktencheck-Seite Snopes.com wurde von gerade mal 100 Nutzern geteilt.

Stürmische Behauptungen

Nicht nur die Winterzeit lädt zu erfundenen Wetterberichten ein. Auch im Fall von Unwettern und Stürmen - wie zuletzt bei Irma und Harvey - gibt es immer wieder absichtliche Falschdarstellungen, vor denen auch der US-amerikanische National Weather Service warnte.

"Kronenzeitung" und "Sputnik" warnen vor dem bevorstehenden Winterwetter.

Problematisch werden die Wetter-Fakes, wenn falsche Alarmmeldungen Panik auslösen oder echte Warnungen nicht mehr ernst genommen werden. Die Winter-Meldung der "Kronenzeitung" erscheint dagegen vergleichsweise harmlos. Sie ist nach wie vor online abrufbar.

Wie auch der Bericht von "Sputnik". Immerhin ließ das Portal in einem weiteren Artikel russische Wissenschaftler zu Wort kommen, die den vermeintlichen Vorhersagen des Ursprungsberichts widersprachen. "Sputnik" schrieb dazu: "Übrigens haben Maddens Vorhersage weder britische noch deutsche, chinesische oder französische Kollegen kommentiert". Das entspricht allerdings nicht der Wahrheit. Das Fazit des Wetterexperten Jörg Kachelmann fiel klar aus: "Völlig sinn- und basisfreier Blödsinn."

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