Bahnreisende stehen vor einer Anzeigetafel | Bildquelle: SASCHA STEINBACH/EPA-EFE/REX/Shu

Verspätungen und Zugausfälle Wie die Bahn Pünktlichkeit definiert

Stand: 15.01.2019 11:12 Uhr

Die Bahn steht massiv in der Kritik - wegen Verspätungen und Zugausfällen. Der Konzern betont, 2018 seien 93,5 Prozent der Züge pünktlich gewesen. Ein zweiter Blick auf den Wert lohnt sich aber.

Von Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

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Patrick Gensing, tagesschau.de

Die Bahn hat in der vergangenen Woche mitgeteilt, im Jahresdurchschnitt 2018 seien 93,5 Prozent aller Züge der Bahn pünktlich gewesen.

Sind die Klagen über die Bahn also übertrieben? Nein, denn die Zahl ergibt sich aus den Werten aus dem Nah- und Fernverkehr insgesamt, die aber stark voneinander abweichen.

5:59 Minuten zu spät bedeutet noch pünktlich

Generell gilt: Die Bahn registriert einen Zug als pünktlich, wenn er weniger als sechs Minuten verspätet an einer Haltestelle oder am Endbahnhof einfährt. Verspätungen von sechs Minuten oder mehr sind vor allem bei S-Bahnen sehr selten, dementsprechend fallen die Pünktlichkeitswerte im Nahverkehr hoch aus - und ihr Anteil an der Gesamtstatistik ist besonders groß.

So teilt die Bahn in den Erläuterungen zu den Pünktlichkeitswerten mit, die Statistik bilde "die mehr als 700.000 Fahrten von DB-Personenzügen eines Monats ab". Dabei werden alle Verkehrshalte der mehr als 20.000 monatlichen Fahrten im Fernverkehr sowie der mehr als 680.000 monatlichen Fahrten im Nahverkehr - inklusive aller S-Bahnen - berücksichtigt.

Für Pendler können aber auch Züge, die von der Bahn als pünktlich ausgewiesen werden, zum Problem werden, wenn beispielsweise ein Anschlusszug wegen einer Verspätung von fünf Minuten nicht mehr erreicht wird.

Ausgefallene Züge werden nicht berücksichtigt

Im Fernverkehr liegen die Pünktlichkeitswerte in der Bahn-Statistik deutlich niedriger - obgleich auch hier ein Zug als pünktlich erfasst wird, wenn er 5:59 Minuten zu spät einfährt. Insgesamt waren nach Bahn-Definition im Jahresdurchschnitt 2018 etwa drei von vier Fernzügen pünktlich.

Dazu kommt allerdings, dass die ausgefallenen Züge in der Statistik nicht berücksichtigt werden. Diese Information findet man auf Seite Sechs des Bahn-Dokuments "Fragen und Antworten zur Pünktlichkeit". Dort heißt es, "Komplettausfälle oder Teilausfälle" würden nicht eingerechnet. Dies sei bei anderen europäischen Bahnen auch so.

Die Bahn argumentiert, es sei schwierig, ein "sinnvolles mathematisches Modell" für ausgefallene Züge zu definieren: "Welche Pünktlichkeit ordnet man einem Zug zu, wenn er an einer bestimmten Stelle seiner Fahrt ausfällt?" Außerdem liege die "Erfüllungsquote aller täglich verkehrenden 24.000 DB-Personenzüge über 99 % im Jahresschnitt" - dies gelte sowohl für Fern- als auch Nahverkehr, schreibt die Bahn.

140.000 Ausfälle

Die Bahn weist die Zahl der ausgefallenen Züge allerdings selbst nicht extra aus. Aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen aus dem März 2018 geht aber hervor, dass in den Jahren 2013 bis 2017 der Anteil der ausgefallenen Züge bei jeweils etwa einem Prozent lag. Diese würden nach Angaben der Bahn "von der Grundgesamtheit aller planmäßig verkehrender Züge im Personenverkehr abgezogen. Im Jahr 2017 waren demnach 42.956 Züge (0,3 Prozent) komplett ausgefallen, 96.801 Züge (0,7 Prozent) beendeten ihre geplante Fahrt vorzeitig.

Diese etwa 140.000 Ausfälle werden in der Pünktlichkeitsstatistik nicht berücksichtigt. Das heißt, der Wert liegt etwas niedriger als angegeben. Dazu kommen die Züge mit einer Verspätung von weniger als sechs Minuten, die auch dazu führen können, dass Fahrgäste Anschlusszüge verpassen.

Kunden- statt Zugpünktlichkeit

Der Verband "Pro Bahn" fordert daher, Zug- und Haltausfälle in der Statistik zu berücksichtigen und die Reisekette der Fahrgäste mit den Anschlüssen zu betrachten - und nicht einzelne Züge.

So legt die Schweizer Bundesbahn eine Statistik zur Kundenpünktlichkeit vor: Die Unpünktlichkeit liegt hier auch nicht bei weniger als sechs, sondern drei Minuten. Obwohl die Kriterien also strenger sind, kann die SBB gute Werte vorweisen: In den ersten sechs Monaten 2018 erreichten 90,7 Prozent aller Reisenden ihr Ziel pünktlich.

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