Screenshot von  anonymous news | Bildquelle: www.anonymousnews.ru/

Rechtsextreme Fake News Anonym hetzen via Russland

Stand: 15.11.2017 16:37 Uhr

"Bundestagswahl ungültig", "Grüne Parasiten scheffeln Millionen": Typische Fake News der Seite "Anonymous News", die via Russland hetzt. Zuletzt klauten die Betreiber das Foto eines Flüchtlings aus Hamburg - und verleumdeten ihn als Vergewaltiger.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

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Patrick Gensing, tagesschau.de

"Anonymous News" gehört seit einigen Monaten zu den aktivsten Seiten, die gezielt Falschmeldungen oder zumindest grob irreführende Inhalte verbreiten. Inhaltliche Schwerpunkte: vermeintliche Enthüllungen über linke Politiker oder Horrorgeschichten über Flüchtlinge in Deutschland. Auch Verschwörungstheorien stehen hoch im Kurs - beispielsweise zu den Anschlägen vom 11. September 2001 oder über Adolf Hitler, der den Zweiten Weltkrieg überlebt haben soll.

Verleumdung durch falsches Foto

Zuletzt griff "Anonymous News" (AN) Medienberichte über einen sexuellen Übergriff in Berlin auf. Dort hatte sich ein 23-Jähriger am Nachmittag des 3. Novembers im Görlitzer Park an einem Pony vergangen. Der Mann wurde gefasst und angezeigt.

Eine Woche später berichteten Medien über den Vorfall. Im Netz brach daraufhin eine Flut von Hasskommentaren los, da der mutmaßliche Täter aus Syrien stammt. Ob er ein Flüchtling ist oder schon länger in Deutschland lebt, ist laut Polizei übrigens nicht bekannt. Unter anderem die AfD Bayern instrumentalisierte die Tat, um Stimmung gegen Migranten zu schüren. In einem Bericht von "Anonymous News" wurde zudem das Foto eines Mannes verwendet, der nichts mit der Tat zu tun hat.

Screenshot der Seite "Anonymous News" mit einem Fake-Bild, das wir verpixelt haben.

Es handelt sich um den syrischen Journalisten Hussam al Zahar, der im Herbst 2015 nach Deutschland gekommen war, mittlerweile in Hamburg lebt und das Magazin "Flüchtling" initiiert hat - was ihm Anerkennung eingebracht hat, aber auch viele Hasskommentare im Netz.

Zahar ist entsetzt über die Verleumdung auf "Anonymous News". In einer Stellungnahme schreibt er:

Sie nahmen mein Foto und veröffentlichten es mit einer schlechten und bösen Nachricht. Das hat mich sehr verletzt, weil ich nicht verstehen kann, woher sie diesen Hass gegen mich haben, warum sie gegen mich sind!?

Der Beitrag mit der Verleumdung von Zahar wurde zehntausende Mal angeklickt und tausende Male geteilt. Die Masche von "Anonymous News" zieht: Die Analyse-Seite Similar-Web zählte von August bis Oktober mehr als 2,5 Millionen Besuche (Visits) auf der Seite, monatlich waren es knapp 275.000 unterschiedliche Nutzer auf "Anonymous News". Die Analyse-Seite EasyCounter verzeichnete zuletzt täglich 33.000 Aufrufe für die Seite.

Anonymous-Netzwerk distanziert sich

Das Kennzeichen von Anonymous: Guy-Fawkes-Masken

Bei den anonymen Nachrichten handelt es sich um kein Projekt der internationalen Anonymous-Bewegung - auch wenn der Name und das Logo mit Guy-Fawkes-Maske dies suggerieren sollen. Vielmehr haben sich Aktivisten des internationalen Kollektivs mehrfach von "Anonymous News" distanziert. Und tatsächlich spricht alles dafür, dass es sich um das Medienprojekt von Rechtsextremen handelt, die sich bei den Symbolen der Anonymous-Bewegung bedient haben.

Hervorgegangen ist die Internet-Seite aus dem Facebook-Projekt "Anonymous Kollektiv Deutschland", das enorme Reichweiten erzielen konnte: Zwei Millionen Nutzer folgten der Facebook-Seite; viele davon wohl, weil sie nicht erkannt hatten, dass es keine "echte" Anonymous-Seite war. Wegen Hetze und Hassinhalten wurde die Facebook-Seite aber im Mai 2016 von dem Netzwerk gelöscht. Nur wenige Tage später ging die Website "Anonymous News" online - registriert in Moskau.

Laut diversen Indizien, Medienberichten und Recherchen soll ein Mario R. ein Betreiber des Projekts sein. Der Thüringer wird zudem verdächtigt, die Seite "Migrantenschreck.ru" verantwortet zu haben. Über "Migrantenschreck" wurden Waffen verkauft, die in Deutschland verboten sind. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelte wegen des Verdachts auf illegalen Waffenhandel, Volksverhetzung, Bedrohung und Nötigung. Im Zuge der Ermittlungen führte die Polizei Razzien in mehreren Bundesländern durch. Gegen Mario R. liegen zudem mehrere Anzeigen vor, unter anderem wegen Prozessbetrugs und Meineids. Auch der Grünen-Politiker Volker Beck zeigte den Rechtsextremen an. R. setzte sich angeblich Mitte 2016 ins Ausland ab.

Trotz der Anzeigen und Ermittlungen deutscher Behörden kann Anonymousnews.ru gezielte Falschmeldungen und Hass-Inhalte verbreiten - dank der Registrierung in Russland. Domains mit der Endung ".ru" können in Moskau bei dem "Coordination Center for TLD RU" angemeldet werden - vergleichbar mit der Denic in Deutschland. Doch während in Deutschland ein Ansprechpartner bei einer Denic-Abfrage ersichtlich sein muss, bietet das russische Pendant einen besonderen Service an: Für 390 Rubel (gut fünf Euro) pro Jahr werden die Kontaktdaten vor Abfragen geschützt.

Die Betreiber der Website müssen sich zwar bei der russischen Registrierungsstelle offenbaren, für die Öffentlichkeit gibt es hingegen keine Transparenz.

Keine Handhabe

Die Medienanstalt Hamburg/Schleswig Holstein teilte auf Anfrage des ARD-faktenfinders mit, dass Angebote über ein Impressum verfügen müssen, wenn sich der Sitz des Anbieters in Deutschland oder im EU-Ausland befindet. Doch befinde sich der Sitz des Anbieters in einem Drittstaat außerhalb der EU, etwa in Russland, finden die europäischen Regelungen keine Anwendung.

Screenshot von "Anonymous News" vom 13. November 2017

Grundsätzlich bestehe die theoretische Möglichkeit, im Wege der Amtshilfe die Offenlegung der Daten des Betreibers der Internetseite einzufordern, teilte die Medienanstalt mit. Ein derartiges Ersuchen setze jedoch mindestens voraus, dass ein tatsächlicher Sitz des Anbieters in Deutschland belegt werden könne. Das dürfte im Fall von "Anonymous News" wohl quasi unmöglich sein.

Gegen die gezielten Falschmeldungen und Hass-Inhalte, die via Russland verbreitet werden, sind deutsche Behörden somit offenbar machtlos. Die Fake-News-Maschinerie läuft derweil weiter auf Hochtouren. "Fake News, weil sie nicht möchten, dass die Gesellschaft in Frieden lebt", sagt der von der Verleumdung betroffene Hussam al Zahar. "Fake News, damit wir Angst voreinander haben. Fake News, damit wir Hass gegeneinander haben. Fake News, weil sie nur Lügen und Hass kennen."

Über dieses Thema berichtete SWR 2 am 07. November 2017 um 19:05 Uhr, am 17. September 2012 um 08:30 Uhr und NDR Panorama - die Reporter am 04. Mai 2017 um 00:20 Uhr.

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