Flüchtlinge in Deutschland | Bildquelle: dpa

Meinungsumfragen Zuwanderung - bedrohlich oder bereichernd?

Stand: 15.08.2017 13:12 Uhr

Haben junge Leute mehr Angst vor Neonazis als vor Geflüchteten? Das meint die Juso-Vorsitzende Uekermann. Die AfD-Vorsitzende Petry widerspricht. Tatsächlich gibt es unterschiedliche Studien, die das Thema streifen -  aber keine klare Antwort.

Von Fiete Stegers, NDR und Melanie Bender, WDR

"Ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt", spottete die AfD-Politikerin Frauke Petry angesichts eines Interviews mit der Juso-Chefin Johanna Uekermann. Uekermann hatte sich gegenüber der Zeitung "Die Welt" zum Thema Zuwanderung geäußert und dabei gesagt:

Wenn man mit jungen Leuten spricht, spürt man eine große Offenheit. Sie sind mit dem Europa ohne Grenzen aufgewachsen, wieso sollte das nicht eines Tages auch weltweit klappen? Leider wird das Thema Flüchtlinge, Terrorismus und Sicherheit zu oft vermischt. Natürlich haben Menschen Angst vor Terrorismus, aber viele junge Menschen schätzen eine offene Gesellschaft. Ich glaube, junge Leute haben mehr Angst vor Nazis als vor Geflüchteten.

Die Vorsitzende der SPD-Jugendorganisation stützt sich in Ihrer Argumentation auf die anerkannte Shell-Jugendstudie: Auf die Frage "Machen dir persönlich die folgenden Dinge Angst" nannten 48 Prozente der befragten Jugendlichen im Alter von 12-25 Jahren Ausländerfeindlichkeit, nur 29 Prozent Zuwanderung.

Daten der Shell-Studie von 2015

Die Angst vor Ausländerfeindlichkeit hatte gegenüber der Vorgängerstudie sogar deutlich zugenommen. Allerdings: Die 17. Shell-Studie stammt aus dem Jahr 2015. Die Befragungen fanden statt, bevor die großen Flüchtlingsbewegungen nach Deutschland im Sommer 2015 einsetzten.

Im Eurobarometer der Europäischen Kommission nannten im Herbst 2015 drei Viertel der Befragten - ohne Unterscheidung nach dem Alter - Einwanderung als wichtigste politische Frage für Deutschland. In den Folgebefragungen ist Einschätzung der Wichtigkeit wieder deutlich gesunken. Für die Jusos ein Beleg dafür, dass das Thema den Bürgern nicht mehr solche Sorgen bereitet.

Auch in einer aktuellen Studie von Kantar Emnid belegt die Angst vor Zuwanderung von Flüchtlingen nur einen hinteren Platz (45 Prozent). Weit mehr fürchten sich die Befragten vor dem Klimawandel, Krieg, Terroranschlägen oder Kriminalität. Auch hier wurde - wie beim Eurobarometer - bei den Ergebnissen nicht nach Alter unterschieden. Rechtsextremismus fand sich aber nicht unter den vorgegebenen Antwortmöglichkeiten.

Was bereit den Deutschen die größten Sorgen?
SorgeZustimmung
Klimawandel71%
Neue Kriege65%
Terroranschläge63%
Kriminalität62%
Altersarmut59%
Zuwanderung45%
Arbeitslosigkeit33%

Keine vergleichbare Fragestellung bei öffentlichen Studien

Auch andere öffentlich zugängliche Studien aus der letzten Zeit unterscheiden sich bei Fragenstellungen und Antwortmöglichkeiten so, dass sie nicht direkt mit der Shell-Jugendstudie vergleichbar sind.

In der von der Versicherung R+V herausgegebenen Langzeitstudie "Die Ängste der Deutschen" nennen die meisten Befragten nicht näher definierten "Terrorismus" als Hauptsorge. Bei den 14- bis 19-Jährigen folgt die Sorge vor "Krieg mit deutscher Beteiligung" an zweiter Stelle. Bei den 20- bis 39-Jährigen ist es das erstmals abgefragte Thema "Spannungen durch den Zuzug von Ausländern". Diese Angst kommt bei den Jüngeren erst an dritter Stelle.

Schon hier zeigt sich der Deutungsspielraum: Unter "Terrorismus" werden die meisten Befragten aufgrund seiner Präsenz in den Medien mutmaßlich in erster Linie islamistischen Terrorismus verstehen. Aber schon der Antwortmöglichkeit "Spannungen durch den Zuzug von Ausländern" können sowohl Befragte zustimmen, die sich vor kriminellen oder islamistischen Ausländern fürchten, aber auch solche, die vor allem soziale Probleme bei der Integration fürchten und sogar jene, denen rechtsextremistische Attacken auf Ausländer die meiste Sorge machen. Nach "politischem Extremismus" wird in der Studie nur allgemein gefragt. Auffällig ist, dass Angst vor Spannungen durch den Zuzug von Migranten in den jungen Altersgruppen weniger stark ausgeprägt ist als bei den Älteren.

"Die Ängste der Deutschen" 2017
14-19 Jahre20-39 Jahre40-59 Jahreab 60 Jahre
Terrorismus70%70%70%73%
Spannungen durch Zuzug von Ausländern55%64%71%69%
Krieg mit deutscher Beteiligung60%50%57%53%
politischer Extremismus52%64%71%71%
Überforderung von Behörden und Bürgern
durch mehr Asylbewerber
55%63%68%77%

Sorge vor Fremdenhass

In der Neon-Studie 2017, die ausschließlich Menschen im Alter von 18 bis 35 Jahren befragt, spielt die Furcht vor Überfremdung im Vergleich mit den großen Ängsten Krieg und Krankheit eine geringe Rolle.

Neon-Studie
Wovor hast Du Angst?
Krieg55%
Kriminalität48%
Krankheit44%
 Armut43%
Arbeitslosigkeit34%
Überfremdung32%

An anderer Stelle möchte die Studie aber wissen, welche Themen in Deutschland den Befragten gerade besonders Sorge bereiten. Dort steht "Fremdenhass“ an erster Stelle (54 Prozent). "Zuwanderung" an dritter Stelle wird aber fast genauso häufig genannt (50 Prozent). Und: Bei Aussagen zur Zuwanderung liegt  die Mehrheit der unter 35-jährigen eher auf der Linie von AfD-Chefin Frauke Petry als auf der von Uekermann.

Neon-Studie
Welcher dieser Aussagen stimmst du zu?Zustimmung
Es sollte eine feste Obergrenze pro
Jahr für Flüchtlinge geben
57%
Durch die große Zuwanderung ist
mein Bedürfnis nach Sicherheit gestiegen
53%
Durch Flüchtlinge steigt die Kriminalität51%
Flüchtlinge tragen zu einer vielfältigen
Gesellschaft bei
42%
Deutschland trägt die Verantwortung,
Flüchtlingen zu helfen
41%

Eine im Januar/Februar 2017 im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung durchgeführte Umfrage unter 18- bis 24-Jährigen in sechs europäischen Ländern kommt zu dem Ergebnis:

Auch junge Deutsche sehen Terrorismus als größte Bedrohung (64 Prozent). Jedoch stellen für die deutschen Jugendlichen Umweltverschmutzung, Klimawandel und die damit verbundenen ökologischen Katastrophen (63 Prozent) sowie wachsender Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit in europäischen Gesellschaften (60 Prozent) fast ebenso große Probleme dar. Migration und Zuwanderung von Flüchtlingen stehen bei jungen Deutschen erst an fünfter Stelle.

Wer wird im öffentlichen Raum als bedrohlich empfunden?

Nach einer Umfrage des ARD-Magazins Panorama zum Sicherheitsgefühl haben 52 Prozent der 18- bis 34-Jährigen Angst vor bestimmten Personengruppen im öffentlichen Raum. Am häufigsten (16 Prozent) fühlt sich dieser Teil der jungen Befragten sich von Betrunkenen bedroht. Von 14 Prozent werden "Ausländer" als bedrohlich empfunden, zusätzlich werden noch weitere Ausländergruppen genannt. Allerdings waren auch Mehrfachnennungen möglich - und die Gruppen sind nicht trennscharf definiert.

Sicherheitsgefühl in Deutschland
Gibt es Personenengruppen, von denen sie sich bedroht fühlen?Befragte 18-35 Jahre
Betrunkene16%
Ausländer (allgemein)14%
Neonazis/Rechte13%
Männer/männliche Jugendliche9%
Flüchtlinge7%
Jugendliche in Gruppen6%
Nordafrikaner6%
Größere Gruppen (allgemein)4%
Araber4%
Drogendealer/-süchtige4%
Schwarzafrikaner4%
aggressive/aufdringliche Menschen3%
Fußballfans, Hooligans, Rocker, Biker2%
Türken/Kurden2%
Obdachlose1%
Jugendliche Ausländer0%
Punks, Vermummte, Antifa0%
Osteuropäer0%
Pöbler0%
Sonstige8%
(Mehrfachnennungen möglich)

Grundsätzlich Zustimmung zur Zuwanderung

Während die Panorama-Umfrage nach einem konkreten persönlichen Bedrohungsgefühl fragt, interessiert sich die Jugendstudie "Generation What? dafür, wie die befragten 18- bis 34-Jährigen aus 35 europäischen Ländern Zuwanderung generell beurteilen: Vier Fünftel der jungen Deutschen sind demnach der Meinung, dass Zuwanderung die kulturelle Vielfalt bereichert - mehr als in jedem anderen Land.

Aus den vorliegenden Studien ergibt sich also kein einheitliches Bild. Mit Zuwanderung verbinden junge Menschen in Deutschland sowohl positive Einschätzungen als auch Sorgen.

Kennen Sie weitere Studien zum Thema? Schreiben Sie uns: redaktion@tagesschau.de - Stichwort faktenfinder.

Die Studie im Vergleich
StudieBefragungszeitraumMethode
17. Shell-JugendstudieJanuar-März 2015repräsentativ zusammengesetzte Stichprobe von 2.558 Jugendlichen im Alter von 12 bis 25 Jahren
zusammengesetzte Stichprobe von 2.558 Jugendlichen im Alter von 12 bis 25 Jahren
Eurobarometerhalbjährlichrund 1000 Befragte pro Land
R+ V "Die Ängste der Deutschen"April - Mai 2016repräsentative Stichprobe von 2.421 Personen im Alter ab 14 Jahren
Neon-Studie "Generation 2017"20171000 repräsentativ ausgewählte Befragte von 18-35 Jahren
Bertelmann-StudieJanuar-Februar 2017repräsentativ unter 3.000 jungen Leuten im Alter von 15 bis 24 Jahren in Deutschland, Österreich, Polen, der Slowakei, Tschechien und Ungarn im Auftrag der Bertelsmann Stiftung und in Kooperation mit dem polnischen Institut für Öffentliche Angelegenheiten (IPA, Warschau) von Kantar Public durchgeführt (je Land 500 Befragte auf Basis einer auf Eurostat-Statistiken beruhenden Quotenrechnung).
Sicherheitsgefühl in Deutschland - im Auftrag des NDRJanuar 2017Repräsentative Zufallsauswahl der deutschsprachigen Bevölkerung ab 18 Jahren, 1012 Befragte
"Generation What?" - Studie der EBUeuropaweite Online-Umfrage bis Januar bis März 2017rund 180.000 Befragte zwischen 18-34 Jahren in Deutschland
Umfrage von Kantar Emnid im Auftrag der Funke-MediengruppeJuli 20171000 repräsenativ ausgewählte Befragte
Darstellung: