Polizei-Absperrband | Bildquelle: dpa

Falschmeldung über Plakatzerstörung Tragischer Fall politisch instrumentalisiert

Stand: 12.09.2017 10:34 Uhr

Es ist einer der tragischen Fälle, über den die meisten Medien normalerweise nicht berichten. Ein junger Mann stürzt sich in Berlin von einer Brücke. Weil dort ein AfD-Plakat hing, wird dieser Suizid politisch instrumentalisiert.

Von Kristin Becker, SWR

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Kristin Becker, SWR

Ein Suizid in Berlin wird im Wahlkampf politisch instrumentalisiert: In den sozialen Netzwerken verbreitet sich die Behauptung, der Mann habe versucht, ein Wahlplakat der AfD zu zerstören und sei dabei gestürzt. Das wollen angeblich Zeugen beobachtet haben.

"AfD-Plakat-Zerstörer stürzt mehrere Meter in die Tiefe" titelt der rechtslastige Blog "Journalistenwatch". Im Text heißt es, "laut Aussagen von Zeugen soll er versucht haben, ein AfD Plakat zu entfernen, als er das Gleichgewicht verlor."

Auch der "Berliner Kurier", die "Berliner Zeitung" und das Webportal "tag24" suggerierten in Artikeln einen Zusammenhang zwischen dem Sturz und dem an der Brücke befindlichen AfD-Plakat.

Während die beiden Berliner Zeitungen die entsprechenden Berichte inzwischen gelöscht haben, sind die Beiträge von "tag24" und "Journalistenwatch" nach wie vor online und werden weiter auf Twitter und Facebook geteilt - unter anderem von Erika Steinbach, aber auch von verschiedenen regionalen und lokalen AfD-Verbänden und anderen Nutzern.

Häme im Netz

Viele verbreiten die Meldung ungeprüft und meist hämisch. Obwohl sie falsch ist: Gegenüber dem ARD-faktenfinder bestätigt die Berliner Polizei, dass es keinerlei Hinweise darauf gebe, dass der Mann sich an dem Plakat zu schaffen gemacht hat. Auch von einem Unfall gehen die Ermittler nicht aus. Vielmehr sei der 23-jährige aus privaten Gründen von der Brücke gesprungen.

Kommentare auf Twitter

Auf diesen Umstand hingewiesen hatte zuerst der Berliner Journalist Robert Klages. Er hatte am Wochenende die Berichterstattung beobachtet und war stutzig geworden, dass in den Artikeln der Zusammenhang zwischen Plakat und Sturz hergestellt wurde - obwohl es keine Bestätigung für eine versuchte Beschädigung gegeben hatte.

Im Gespräch mit dem ARD-faktenfinder berichtet Klages, dass ihn besonders die bösartigen Kommentare auf Twitter und Facebook bewegt hätten, die Sache richtig zu stellen.

AfD gibt SPD Mitschuld

Tatsächlich werden im Wahlkampf immer wieder Plakate zerstört oder abgerissen. Der vorliegende Fall ist aber kein Beispiel dafür. Dennoch unterstellte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Berliner AfD, Karsten Woldeit, auf Facebook dem SPD-Politiker Kevin Hönicke eine Mitschuld an der angeblichen Plakatattacke und dem Sturz.

In diesem Zusammenhang empfinde ich zugleich Trauer und Wut, dass Menschen wie er es zu verantworten haben, wenn junge Leute schwer verletzt oder gar getötet werden im Versuch, Wahlplakate abzureißen und dabei, wie am Wochenende geschehen, von einer Brücke stürzen.

Erst nach Klages' Hinweis ergänzte Woldeit seine Nachricht um eine "Korrektur des Postings".

Mühevolle Richtigstellung

Wie der Journalist berichtet, war das allerdings der einzige Fall, in dem seine Richtigstellung beachtet wurde. Auf Twitter wies er zudem Erika Steinbach auf die Falschmeldung hin. Übrigens vermerkte auch die AfD Bayern im Twitter-Stream der ehemaligen CDU-Politikerin, dass der "Berliner Kurier" eine entsprechende Meldung bereits gelöscht habe. Reagiert hat Steinbach darauf bisher nicht.

Anmerkung zur Berichterstattung über Selbsttötungen

Üblicherweise berichtet tagesschau.de nicht über Suizide. Wir orientieren uns dabei am Pressekodex: Demnach gebietet die Berichterstattung über Suizide Zurückhaltung: "Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen und die Schilderung näherer Begleitumstände. Eine Ausnahme ist beispielsweise dann zu rechtfertigen, wenn es sich um einen Vorfall der Zeitgeschichte von öffentlichem Interesse handelt."

Ein weiterer Grund für unsere Zurückhaltung ist die erhöhte Nachahmerquote nach Berichterstattung über Selbsttötungen.

Sollten Sie selbst von Selbsttötungsgedanken betroffen sein, suchen Sie sich bitte umgehend Hilfe. Bei der Telefonseelsorge finden Sie rund um die Uhr Ansprechpartner, auch anonym.

Telefonnummern der Telefonseelsorge: 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 www.telefonseelsorge.de

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