Ein Polizist bewacht den Tatort der Messerattacke in Hamburg-Barmbek. | Bildquelle: dpa

Täterprofile Amok oder Anschlag?

Stand: 01.08.2017 15:32 Uhr

Lässt sich angesichts der Messer-Attacke von Hamburg trennscharf zwischen psychotischen und radikal-islamistischen Tätern unterscheiden? Viele Täter weisen jedenfalls psychische Auffälligkeiten auf.

Von Melanie Bender, WDR und Andrej Reisin, NDR

Mit der Übernahme der Ermittlungen im Fall der Hamburger Messerattacke durch die Bundesanwaltschaft hat sich der der Terrorverdacht gegen den Täter Ahmad A. erhärtet. Doch obwohl für die Karlsruher Behörde ein radikal-islamistischer Hintergrund "naheliegt", teilten die Bundesanwälte gleichzeitig mit, dass Ahmad A. nicht "als Mitglied des sogenannten Islamischen Staates (IS) oder einer anderen terroristischen Vereinigung" gehandelt habe. Auch auf andere Tatbeteiligte oder Hintermänner gebe es keine Hinweise.

Was aber macht die Tat dann zu einem islamistischen Terroranschlag? Die Bundesanwaltschaft spricht davon, "dass sich der Beschuldigte selbst radikalisiert hat". Zu der Messerattacke entschloss er sich erst am Tattag, "verbunden mit der Hoffnung, als Märtyrer zu sterben", so die Ermittler. Die Tatwaffe hatte er weder vorher besorgt noch mitgebracht, sondern einem Supermarktregal entnommen.

Abgrenzung zwischen Terror und Amok oft schwierig

Die Frage, ob es sich um Terrorismus oder Gewaltakte psychotischer Täter handelt, stellen sich die Ermittler in den letzten Jahren immer häufiger: Denn die Zahl der Fälle, in denen eine solche Abgrenzung nicht sofort eindeutig erscheint, nimmt zu. So wurde beim Amoklauf von München im Juli 2016 zunächst vermutet, es handle sich um einen terroristischen Anschlag. Umgekehrt war der islamistische Attentäter, der ebenfalls im Juli 2016 im fränkischen Ansbach einen Sprengsatz zündete, zuvor bereits in stationärer Behandlung in der Psychiatrie des Bezirksklinikums gewesen.

Auch der Mann, der mit einem Lastwagen auf der Promenade von Nizza in eine Menschenmenge raste und 86 Menschen ermordete, war in seiner Jugend in psychiatrischer Behandlung und hatte verschiedene Psychopharmaka eingenommen. Nachbarn berichteten, seine Lebensweise sei völlig unislamisch gewesen, er habe Alkohol getrunken, Drogen konsumiert und Schweinefleisch gegessen. Zumindest der Drogenkonsum wurde auch beim Attentäter von Berliner Breitscheidplatz nachgewiesen, auch er steuerte einen LKW in eine Menschenmenge.

Die Mitbewohner im Flüchtlingsheim des Hamburger Tatverdächtigen Ahmad A. berichten ebenfalls, dass dieser getrunken und "viel gekifft" habe, bevor er plötzlich damit aufhörte, anfing zu beten und islamistische Parolen zu skandieren. Sowohl seinem Umfeld als auch den Beamten des Verfassungsschutzes, die ihn befragten, erschien der Mann psychisch labil. Ein Mitbewohner berichtete der Zeitung "Die Welt", A.'s Hinwendung zum Islam sei immer nur phasenweise gewesen, er sei "muslimisch geworden, um sich zu beruhigen". Danach sei er wieder "normal" gewesen.

Viele Täter sind psychisch auffällig

Georg Mascolo, NDR | Bildquelle: picture alliance / dpa

ARD-Terrorismusexperte Georg Mascolo.

Der ARD-Terrorismusexperte Georg Mascolo verweist im Gespräch mit dem ARD-Faktenfinder darauf, dass für einige Täter die "Ideologie nur der Rechtsfertigungsrahmen für persönliche Wut oder Verzweiflung" sei. Untersuchungen hätten gezeigt, dass "viele der sogenannten Einzeltäter psychische Auffälligkeiten zeigen". Sobald ein Täter sich aber auf den Islam berufe, werde die Tat von der Öffentlichkeit auch als terroristisch wahrgenommen.

Es sei bekannt, "dass der IS solche Personen anwirbt und instruiert", so Mascolo. Im Hamburger Fall seien allerdings bislang keine Hinweise auf eine solche Verbindung bekannt. Allerdings gebe es "Anhaltspunkte dafür, dass eine drohende Abschiebung bei einem Flüchtling den Entschluss zur Tat bestärkt". Dies sei zum Beispiel auch bei den Attentätern von Ansbach und Berlin der Fall gewesen.

Der "Übermuslim"

Der aus Tunesien stammende Pariser Psychoanalytiker Fethi Benslama spricht in diesem Zusammenhang vom "Übermuslim", der einen Drang nach Gewalt und Selbstopferung verspüre. Dem Deutschlandfunk sagte er:

Diese Kleinkriminellen fühlen sich schuldig, sie haben ein äußerst schlechtes Selbstbild. Als Übermuslim haben sie plötzlich die Möglichkeit, zum Helden zu werden und sich mithilfe eines vermeintlich göttlichen Gesetzes selbst aufzuwerten. Paradoxerweise erlaubt die Radikalisierung zugleich, weiterhin als Krimineller zu leben, aber dieses Mal mit der Legitimierung durch Gott. Der radikale Islamist gewinnt also auf ganzer Strecke: Er wird zu jemand Wichtigem und zugleich tilgt er seine Schuld als Krimineller, denn er begeht seine Straftaten ja im Namen Gottes.

Islamisten knüpfen an Traditionen an

Der Berliner Psychologe Ahmad Mansour, der sich mit der Prävention von islamistischen Extremismus bei Jugendlichen beschäftigt, macht darauf aufmerksam, dass das Bekenntnis zum Islam allerdings kein zufälliges sei: "Das ganz 'gewöhnliche' oder 'traditionelle' Verständnis eines Islam" habe "durchaus etwas mit dem extremen Bild des Islam zu tun, das die Fundamentalisten für sich beanspruchen", so Mansour in der "Welt". Seiner Erfahrung nach ist die Radikalisierung oft das Ende eines schleichenden Prozesses:

Wenn jemand in einer Krise steckt, etwa mit Schule, Freundin, Elternhaus, vielleicht mit Gefängnis, Schulden, Drogen, falschen Freunden – dann muss nur ein Salafist als Lichtgestalt auftauchen und schon bekommt das Leben Struktur, Orientierung, gelten klare Regeln: halal und haram, rein und unrein.

Mit einem Knall von der Bühne abtreten

Nils Böckler, Uni Bielefeld

Laut dem Nils Böckler können sich die Motive von Amokläufern und Islamisten überschneiden.

Fethi Benslama plädiert dafür, dass man die Namen und Fotos solcher Attentäter nicht mehr veröffentlicht, weil der posthume Ruhm genau das sei, wonach sie sich sehnten. Davor warnt auch Nils Böckler, der als Diplom-Pädagoge zu Radikalisierungsprozessen terroristischer Einzeltäter forscht. Er sagte der "Rheinischen Post" nach dem Anschlag von Nizza, dass "jugendliche Amokfans" an den Tätern am meisten bewunderten, dass diese "sich in die Köpfe der Leute eingebrannt und mit einem Knall von der Bühne gegangen" seien.

Nach Böcklers Auffassung schließt sich hier ein Kreis zwischen Amokläufern wie dem Attentäter von München, der Bücher über Amokläufe besaß und den norwegischen Massenmörder Anders Breivik bewundert haben soll - und Tätern, die ihre Tat mit einem islamistischen Motiv "adeln" wollen. Gemeinsam sei beiden Tätergruppen, dass ihre "Deutungsmuster aus den Angeln geraten" seien - und sie "teilweise narzisstisch veranlagt sind und Größenfantasien bei einem fragilen Selbstwertgefühl haben."

Große Herausforderung für Sicherheitsbehörden

Für die Sicherheitsbehörden stellt der jüngste Tätertypus eine enorme Herausforderung dar. ARD-Terrorismusexperte Georg Macolo verweist darauf, dass eine alte Regel der Terrorismus-Bekämpfung laute: "Was man gut eingrenzen kann, kann man auch gut bekämpfen." Das Profil von Tätern, die zwischen Amok und Islamismus changierten, teilweise ohne überhaupt direkten Kontakt mit bekannten Islamisten oder Terror-Gruppen zu haben, sei aber eben gerade völlig entgrenzt.

Ein Versuch, dieser Entgrenzung zu begegnen, ist ein neues Analyseverfahren namens "RADAR-ITE", das vom Bundeskriminalamt (BKA) zusammen mit der Arbeitsgruppe für forensische Psychologie der Universität Konstanz entwickelt wurde. BKA-Sprecherin Jennifer Kailing erklärte dem ARD-faktenfinder dazu, dass die "Risikobewertung mithilfe von standardisierten Fragen und Antwortkategorien durchgeführt" werde. Dabei würden sowohl "risikosteigernde als auch -senkende Merkmale" berücksichtigt. Am Ende werde eine Person "einer dreistufigen Risikoskala zugeordnet. Diese unterscheidet zwischen einem hohen, einem auffälligen und einem moderaten Risiko", so Kailing. Die vorgenommene Bewertung sei "transparent und nachvollziehbar".

Laut Georg Mascolo liegen den Behörden intern bereits erste Ergebnisse der Auswertung mit "RADAR-ITE" vor. In der Kategorie der höchsten Risikostufe befinden sich Mascolo zufolge "auffällig viele Personen mit psychischen Erkrankungen". Auch der Attentäter vom Berliner Weihnachtsmarkt wäre demzufolge dort eingestuft worden, allerdings steht RADAR-ITE erst seit 2017 zur Verfügung. Ob der Hamburger Messer-Attentäter, den die Verfassungsschützer nach ihrem Gespräch zwar für "psychisch labil", aber nicht für gefährlich hielten, mithilfe von "RADAR-ITE" anders bewertet worden wäre, ist derzeit nicht bekannt.

Islamistische Anschläge in Europa seit 2015
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Quellen:
- Bundesamt für Verfassungsschutz - Übersicht ausgewählter islamistisch-terroristischer Anschläge (2015-2017)
- Europol - EU Terrorism Situation and Trend Report (
2017 / 2016)

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