Alice Weidel auf Facebook

Weidels Online-Wahlkampf "Beeindruckendes Wachstum"

Stand: 15.11.2018 11:44 Uhr

Das Geld aus der Schweiz hat den Online-Wahlkampf von Alice Weidel offenkundig beflügelt. Das legen ihre Follower-Zahlen nahe. Brisant ist auch: Die AfD behauptete, keine Großspender zu haben.

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Patrick Gensing, tagesschau.de

Von Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

Zwischen Juli und September 2017 nahm die AfD mehrere Spenden einer Pharmafirma aus der Schweiz über insgesamt mehr als 130.000 Euro an - und verstieß damit offenbar gegen das Parteiengesetz. Als Verwendungszweck war jeweils angegeben: "Wahlkampfspende Alice Weidel". Der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sagte ein Sprecher Weidels, dass das Geld für Anwaltsrechnungen und den Bundestagswahlkampf in sozialen Medien ausgegeben worden sei.

Die "FAZ" berichtete unter Berufung auf AfD-Parteikreise, ein Mitarbeiter sei von dem Geld bezahlt worden, dieser habe unter anderem Facebook-Likes gekauft und Inhalte erstellt.

"Bewusste Manipulation der Statistiken durch Bots"

Der digitale Wahlkampf spielte für die AfD eine entscheidende Rolle. Auf Facebook erreichte sie im Wahlkampf die meisten Nutzer. Auch bei den Reaktionen lag sie deutlich an der Spitze. Die Beiträge der AfD wurden häufiger geteilt als die Beiträge aller anderen Parteien zusammen, stellte der Forscher Simon Hegelich fest.

In einer Studie für die Hanns-Seidel-Stiftung schrieb Hegelich, die AfD habe auf Twitter dominiert, was die Zahl der Retweets der offiziellen Accounts angeht. Diese Dominanz sei erstaunlich, denn die AfD war im August 2017 die Partei mit den wenigsten Followern. Dieses Missverhältnis könne "als ein Indiz interpretiert werden, dass die Inhalte der AfD populärer sind als die Partei selber". Zudem sei dieses Phänomen auf "die bewusste Manipulation der Statistiken durch Bots und hyperaktive Nutzer zurückzuführen".

Weidel bedankt sich für Wachstum

Auch AfD-Spitzenkandidatin Weidel konnte in der heißen Phase des Wahlkampfs ihre Reichweite auf Twitter und Facebook massiv ausbauen. Im Juni hatte sie noch 40.000 Fans auf Facebook, im Laufe des folgenden Monats erhöhte sich diese Zahl um 25 Prozent auf 50.000. Bis Anfang September nahm die Zahl um weitere 50 Prozent zu und wuchs auf 75.000.

Weidel verkündet ein "beeindruckendes Wachstum" bei Twitter und Facebook.

Laut einem Sprecher kaufte ein AfD-Mitarbeiter Facebook-Likes.

Die AfD-Spitzenkandidatin sprach zu dieser Zeit von einem "beeindruckenden Wachstum" auf Facebook und Twitter". Gut zwei Wochen darauf durchbrach sie auf Facebook die 100.000-Follower-Marke. In einem Video bedankte sich Weidel bei "Nico aus Regensburg", der "der 100.000ste Fan" ihrer Facebook-Seite geworden sei.

Höchste Mobilisierung

Innerhalb von drei Monaten hatte sich die Zahl der Fans somit mehr als verdoppelt - was einerseits mit dem wachsenden Interesse an ihrer Person im Wahlkampf zu erklären sein dürfte, andererseits aber mutmaßlich auch mit dem eingesetzten Geld für den Online-Wahlkampf.

Weidel konnte nicht nur stark wachsende Follower-Zahlen vorweisen, sondern auch extrem aktive Nutzer: Eine Auswertung der Deutschen Presse-Agentur ergab wenige Tage vor der Wahl, dass Weidel in den vorherigen 30 Tagen die höchste Mobilisierung unter den Spitzenkandidaten verzeichnet habe: Sie erhielt in Relation zur Anzahl ihrer Follower die meisten Interaktionen pro Beitrag - sowohl auf Facebook als auch auf Twitter.

"AfD hat keine Großspender"

Brisant ist angesichts der jüngsten Enthüllungen ein AfD-Posting, das Weidel am 21. September 2017 verbreitet hatte. Darin rief die Partei dazu auf, den AfD-Wahlkampf finanziell zu unterstützen, da sie im Gegensatz zu anderen Parteien keine Großspender habe.

Weidel und die AfD verkündeten im September 2017, die Partei habe keine Großspender.

Nach den Enthüllungen über das Geld aus der Schweiz erklärte Weidel nun, sie habe die Spenden als rechtmäßig angesehen. Folgt man dieser Darstellung, wusste sie also von den insgesamt mehr als 130.000 Euro - und dennoch hieß es, die AfD habe keine Großspender und sei auf kleine Zuwendungen angewiesen.

Wahlkampf im Graubereich

Neben der Großspende aus der Schweiz wird der AfD vorgeworfen, mehrfach Wahlkampf im Graubereich geführt zu haben. Dabei geht es um die Unterstützung durch den "Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und der bürgerlichen Freiheiten".

Der Verein und deren gleichnamige Vorgänger unterstützen die AfD bereits seit 2016 in verschiedenen Wahlkämpfen mit Plakaten, Anzeigen und Zeitungen. Die Maßnahmen dürften insgesamt einen zweistelligen Millionenbetrag gekostet haben. Der Verein und auch die AfD versichern immer wieder, es gebe keine Zusammenarbeit und keine Absprachen untereinander. Recherchen legen aber nahe, dass es durchaus Absprachen gab.

Trolle manipulierten Online-Wahlkampf

Zudem wurde die AfD durch koordinierte Trolle im Wahlkampf unterstützt, die gezielt politische Gegner und Medien im Netz attackierten und eigene Kampagnen organisierten. Auch AfD-Mitglieder waren an dem Trollnetzwerk "Reconquista Germanica" beteiligt. 

Nach der Bundestagswahl zeigten sich die rechtsradikalen Online-Aktivisten zufrieden: Gemeinsam habe man konzentrierte und strategisch kluge Operationen durchgeführt. Die Reichweite sei so groß gewesen, dass man vielleicht sogar die Bundestagswahl ein Stück weit beeinflusst habe - zugunsten der AfD.

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