Kerzen am Tatort in Kandel | Bildquelle: dpa

Berichterstattung über Kandel Wie die AfD die Wut schürt

Stand: 12.01.2018 15:18 Uhr

Die AfD hat der ARD auf Facebook vorgeworfen, sie habe sich "zunächst geweigert", über den gewaltsamen Tod einer 15-Jährigen in Kandel zu berichten. Eine falsche Behauptung, die sich auf Facebook tausendfach verbreitet.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Mit einem Trauergottesdienst haben am Donnerstag in Kandel mehrere Hundert Menschen Abschied von der getöteten 15-jährigen Mia genommen. Sie war am 27. Dezember in einem Drogeriemarkt des Ortes erstochen worden. Tatverdächtig ist der Ex-Freund der Schülerin, ein Flüchtling aus Afghanistan.

In der ARD berichtete dem Regionalprinzip folgend zunächst der SWR über das Gewaltverbrechen - beispielsweise die Fernsehsendung SWR aktuell am 28. Dezember. Die tagesschau beobachtete das Thema zunächst. Marcus Bornheim, zweiter Chefredakteur von ARD-aktuell, schrieb am gleichen Tag zu dem journalistischen Umgang mit solchen Verbrechen im tagesschau-blog:

Warum waren wir so zögerlich? Das hat einen guten Grund. Nach allem, was wir bisher wissen, handelt es sich um eine Beziehungstat. So schrecklich sie gewesen ist, vor allem für die Eltern, Angehörigen und Bekannten - aber tagesschau und tagesschau.de berichten in der Regel nicht über Beziehungstaten. Zumal es hier um Jugendliche geht, die einen besonderen Schutz genießen. [...] Wir werden diesen Fall weiter beobachten.

Angesichts der bundesweiten Aufmerksamkeit vermeldete die tagesschau dann am Abend in der Ausgabe um 20 Uhr das Verbrechen. Danach berichteten tagesschau, tagesthemen sowie tagesschau.de mehrfach über Kandel und die anschließenden Diskussionen.

Falsche Behauptungen der AfD

Die AfD behauptet nun, die ARD habe sich zunächst geweigert, "überhaupt über Kandel zu berichten". Die Partei verwies auf Facebook auf einen "fünfminütigen Beitrag in den Tagesthemen", der tatsächlich etwa 3:30 Minuten lang war. Darin, so die AfD, habe die ARD jeden, der "sich gegen die fatale Asylpolitik auflehnt", zum Nazi gemacht. Wörtlich hieß es:

Wer sich gegen die fatale Asylpolitik auflehnt, die mit zum Kandeler Mord beigetragen hat, der ist ein Nazi. Das stellt die ARD, die sich zunächst weigerte, überhaupt über Kandel zu berichten, in einem fünfminütigen Beitrag in den Tagesthemen fest.

Der Autor des tagesthemen-Beitrags, SWR-Reporter Peter Sonnenberg, zeigte sich im Gespräch mit dem ARD-faktenfinder überrascht von den massiven Vorwürfen. Er betonte, dass in dem Beitrag gerade möglichst viele unterschiedliche Meinungen abgebildet werden sollten, daher seien Passanten und Politiker mit verschiedenen politischen Ansichten zu Wort gekommen.

AfD-Posting auf Facebook (Screenshot)

Peter Sonnenberg weist die Vorwürfe der AfD zurück.

Der Begriff "Nazi" sei in dem Beitrag aber "selbstverständlich nie gefallen", sagte er. Dennoch werde "aber ständig behauptet, wir würden Kritiker zu Nazis machen".

"Nie geweigert"

Sonnenberg sagte, die tagesschau habe sich nie geweigert, über Kandel zu berichten. Er selbst habe die Tat bereits am Morgen des 28. Dezember mit der Planung der tagesschau diskutiert und seine Bedenken geäußert, ob es ein überregionales Thema sei. "Zunächst war nicht erkennbar, ob die Tat eine politische Relevanz hat", so Sonnenberg. So hätten noch keine gesicherten Informationen zu dem mutmaßlichen Täter vorgelegen.

Daher habe man zunächst die Pressekonferenz der Ermittler und Staatsanwaltschaft abwarten wollen, die für den frühen Nachmittag des Tages angekündigt worden war. Dort wurde bekanntgegeben, dass der Verdächtige ein mutmaßlich minderjähriger Flüchtling sei, was eine politische Debatte nach sich zog.

Der SWR-Reporter betonte, dass der Verdächtige bis zu einem rechtskräftigen Urteil auch weiterhin als "mutmaßlicher Täter" zu bezeichnen sei. Es könne "auch noch nicht von Mord gesprochen werden, weil ein Gericht dies erst noch feststellen muss".

Die AfD schrieb in ihrem Facebook-Posting außerdem von einer "staatlichen Indoktrination". SWR-Reporter Sonnenberg wies dies zurück und dazu, dies setze voraus, "dass wir nicht frei in der Berichterstattung sind und wider eigenen Recherchen berichten. Doch genau das ist nicht der Fall."

Tausendfach geteilt und kommentiert

Der AfD-Eintrag auf Facebook wurde bislang mehr als 7000 mal geteilt und über 1600 mal kommentiert. Viele Nutzerinnen und Nutzer fühlen sich von der ARD diffamiert, offenbar haben viele den tagesthemen-Beitrag gar nicht angeschaut. Eine Kommentatorin schreibt unter dem AfD-Posting:

Es ist eine Frechheit uns jedes mal als Nazi zu beschimpfen nur weil wir sagen das es uns reicht mit dieser Politik.

Eine andere meint: "Wir dürfen nur niemals vergessen , wer uns Nazi genannt hat!" Viele Kommentatoren schimpfen über das "Scheiss Staatsfernsehen" oder rufen gleich zur Selbstverteidigung auf.

Warnung vor Instrumentalisierung

Birgitta Weber, stellvertretende SWR-Chefredakteurin, hatte in einem Kommentar davor gewarnt, dass die Tat von Kandel instrumentalisiert werde: "Kühl kalkuliert von NPD, von AfD-Politikern und von Rechten. Sie versuchen, die Wut in Hass umzuwandeln, das Entsetzen in Angst."

Das AfD-Posting auf Facebook zeigt ganz konkret, wie mit Unterstellungen die Stimmung gezielt angeheizt und Feindbilder verstärkt werden.

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