Die "C-Star" im Hafen von Famagusta (Foto: Nadire Bahadi/Kibris Postasi)

Hilfestellung für Identitäre Bewegung Wie Alt-Right "Defend Europe" unterstützt

Stand: 08.08.2017 20:37 Uhr

"Defend Europe" ("Europa verteidigen") - so lautet das Motto einer Kampagne der "Identitären Bewegung" (IB). US-amerikanische Rechte helfen mit - vor allem bei der Finanzierung.

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Matthias Vorndran, MDR

Von Matthias Vorndran, mdr

Mit dem gecharterten Schiff "C-Star" kreuzen die Aktivisten von "Defend Europe" im Mittelmeer - mit dem selbsterklärten Ziel, Europa gegen Flüchtlingsschlepper zu verteidigen. Das Geld für die Aktion, an der Identitäre aus mehreren europäischen Ländern beteiligt sind, wird über die US-Plattform "WeSearchr.com" akquiriert. Die präsentiert sich als Community, die nach dem Crowdfunding-Prinzip finanzielle Mittel für unabhängige Recherchen einsammelt. Der "Marktplatz für Informationen" gibt sich dabei einen seriös-rebellischen Anstrich.

Alle Inhalte - so behauptet die Plattform in ihren FAQ - würden von Redakteuren geprüft. Themen ohne journalistische Relevanz würden nicht veröffentlicht. Ausgangspunkt einer Recherche ist dabei immer eine eingereichte "Frage" eines Users, der dann ebenso wie die Recherchierenden einen Teil der Spenden erhält.

Schwarmfinanzierter Journalismus oder virtuelle Sammelbüchse?

Screenshot: die Aktion "Defend Europe" der Identitären Bewegung auf der Crowdfunding-Plattform WeSearchr.com

Die Aktion "Defend Europe" der Identitären Bewegung auf der Crowdfunding-Plattform WeSearchr.com

Doch viele der Themen auf WeSearchr haben mit dem selbsterklärten Zweck der Plattform nur wenig zu tun. Ihr Gründer ist der der Alt-Right-Bewegung zugerechnete Aktivist Charles C. Johnson, der so augenscheinlich Gleichgesinnten die Möglichkeit bietet, Gelder für ihre Projekte und Interessen zu beschaffen - wie zum Beispiel die Kosten für juristische Auseinandersetzungen.

Oft werden auch Themen platziert, die politische Gegner diskreditieren sollen - darunter die Frage, ob der französische Präsident Emmanuel Macron schwul sei, oder die Suche nach schmutzigen Details zur Scheidung von David Mikkelson, dem Gründer der Faktenchecker-Website "Snopes.com". Diese Seite kooperiert in den USA mit Facebook bei der Suche nach Falschmeldungen und dürfte der Alt-Right-Bewegung ein Dorn im Auge sein.

Einzelspenden bis zu 2500 Dollar

Auf der Plattform WeSearchr findet sich auch "Defend Europe". Die IB informiert über ihre Kampagne mit einem Videotrailer und einem Blog. Bislang haben (Stand 08.08.2017) mehr als 2.700 Beitragende rund 202.000 US-Dollar (ca. 171.000 €) für "Defend Europe" gespendet, damit ist das Projekt derzeit das erfolgreichste auf der Plattform.

Die Spenden erfolgen größtenteils anonym. Kann man der Auflistung der Eingänge Glauben schenken, sind keine Großspenden darunter: Die höchsten Einzelbeträge belaufen sich auf 2500 US-Dollar. Anders als bei Crowdfunding normalerweise üblich ist der Finanzierungs-Zeitraum in diesem Fall nicht begrenzt.

Amerikas Rechte rühren die Werbetrommel

Was ist die Alt-Right-Bewegung?

Unter dem Sammelbegriff "Alt-Right" werden verschiedene Ideologien am rechten Rand des politischen Spektrums der USA zusammengefasst. Deren Vertreter haben sich zum Ziel gesetzt, die "Identität der Weißen Bevöllkerung" vor den ihrer Meinung nach schädlichen Einflüssen einer multikulturellen Gesellschaft, politischer Korrektheit und dem Streben nach sozialer Gerechtigkeit zu schützen. Der Name ist eine Abkürzung des Begriffs "Alternative Right" und geht auf den rechtsextremen Publizisten Richard S. Spencer zurück, der 2010 ein Onlinemagin mit diesem Titel gründete. Kritiker sehen in dem Begriff eine Beschönigung, die dazu diene, rechtsradikales Gedankengut einer breiteren Masse näher zu bringen.

Es ist fraglich, ob diese Summe ohne die Unterstützung des US-amerikanischen Alt-Right-Netzwerkes zustande gekommen wäre. Die Liste derjenigen, die Werbung für die Aktion machen, liest sich wie ein Who-is-who der neuen US-amerikanischen Rechten.

So rief David Duke, einer der bekanntesten Neo-Nazis in den USA und ehemaliger Anführer des Ku Klux Klan, im Juni auf Twitter zu Spenden für "Defend Europe" auf. Zwar ist Dukes Reichweite dort mit rund 41.000 Followern nicht allzu groß und mit 38 Retweets hielt sich die Resonanz in engen Grenzen. Für Aufmerksamkeit bei potentiellen Geldgebern in der Szene dürfte der Tweet dennoch gesorgt haben.

Dies gilt auch für die Berichterstattung auf breitbart.com, dem publizistischen Sprachrohr der Alt-Right-Bewegung, das im Juni dem österreichischen IB-Funktionär Martin Sellner ausführlich Gelegenheit gab, die Aktion vorzustellen. Breitbart.com wird monatlich 80 bis 90 Millionen mal angeklickt.

Die "Schlacht ums Mittelmeer"

Richard S. Spencer, Begründer der Alt-Right-Bewegung in den USA | Bildquelle: REUTERS

Richard S. Spencer, Begründer der Alt-Right-Bewegung in den USA

Die von US-Neonazi Richard S. Spencer gegründete Website "Altright.com" pries in martialischen Worten die IB im Juli für ihren Beitrag zur "Schlacht um das Mittelmeer" und behauptete, "junge Weiße überall in der Weißen Welt" würden nun "angesichts ihrer Entrechtung erwachen". Das seien "ermutigende Nachrichten".

"Defend Europe" als YouTube-Event

Insbesondere die Videos der kanadischen YouTuberin Lauren Southern zeigen, dass die internationale Vernetzung zwischen IB und Alt-Right Früchte in Form von großen Reichweiten auch bei einem jungen Zielpublikum trägt.

Sie begleitete gemeinsam mit der US-Amerikanerin Brittany Pettibone die "Defend Europe"-Aktion und setzte regelmäßig Video-Blogs dazu ab. Die Zugriffe gehen in die Hunderttausende, schwanken allerdings stark. In den Videos feiern die Vloggerinnen die Aktion und verspotten deren Gegner.

Southern, die 2015 für die Libertäre Partei Kanadas bei den dortigen Parlamentswahlen angetreten war, entwickelt sich derzeit zu einem der bekanntesten Gesichter der Alt-Right-Bewegung. Sie erlangte in Nordamerika zunächst größere Beachtung durch ihre Mitarbeit bei der rechtskonservativen kanadischen Website "The Rebel Media". Seit März dieses Jahres veröffentlicht Southern ihre Videos selbstständig bei YouTube.

Andere Kontinente, gleiche Interessen

Was bewegt US-amerikanische Rechte dazu, ein europäisches Projekt zu unterstützen? Dr. Martin Thunert, Politikwissenschaftler und Dozent am Heidelberg Center for American Studies, sieht darin eine Art symbiotische Beziehung zwischen den Gruppierungen: "Durch die Unterstützung von Defend Europe kann die Alt-Right Bewegung der US-Öffentlichkeit zeigen, dass sie keine isolierte und isolationistische US-Bewegung ist, die IB kann jede Unterstützung brauchen, die sie kriegen kann."

Dr. habil. Martin Thunert vom Heidelberg Center for American Studies an der | Bildquelle: UNI Heidelberg

Dr. habil. Martin Thunert vom Heidelberg Center for American Studies an der
Universität Heidelberg

Auch wenn sich die Zusammenarbeit bislang auf solche Promotion-Aktionen beschränkt, erkennt Thunert Entwicklungspotential für ein neues, transatlantisches rechtes Netzwerk.

Anders als in der Vergangenheit, als nationalistische Tendenzen einzelner Gruppen schnell zu Konflikten führten, wenn es um die internationale Zusammenarbeit ging, kennt die jüngere Generation der Rechten seiner Ansicht nach kaum Berührungsängste. "Sie sind einwandfreie Internationalisten, können häufig mehrere Sprachen, sind auch international ausgebildet und reisen, sie mischen ihre Ideen und tauschen sich aus, nicht nur in Europa, sondern perspektivisch auch transatlantisch."

Schon jetzt, so Thunert weiter, "teilen Alt-Right-Aktivisten auf beiden Seiten des Atlantiks einen Karikaturfrosch, Pepe, als eine Art Maskottchen, sie teilen das gleiche Open-Source-Verständnis bezüglich sozialer Netzwerke und digitaler Medien, ihre Beschwerden hinsichtlich der modernen Gesellschaft sind sehr ähnlich."

Die Kasse klingelt immer weiter        

Während die mediale Aufmerksamkeit für die IB-Aktion in den USA vorerst wieder abgeebbt zu sein scheint - auch Lauren Southern ist wieder zu Hause -, spült die Crowdfunding-Kampagne weiter Geld in die Kassen der Identitären – mehrere Tausend Dollar täglich. "Zu schade, dass ihr keine Torpedos habt", kommentiert ein User. "Ihr könntet die militärische Invasion Europas in drei Tagen beenden."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. August 2017 um 15:00 Uhr.

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