Auf einem Computermonitor zeigt die Mausauf einen Button, mit dem man eine gefälschte Nachricht melden kann | Bildquelle: dpa

Studien zu Fake News Hohe Reichweite, begrenzte Wirkung

Stand: 22.06.2017 07:27 Uhr

Das Thema "Fake News" beherrscht die mediale Debatte seit Monaten. Doch wie viele gefälschte Nachrichten kursieren tatsächlich in Deutschland? Und wie sehr gefährden Lügen und Halbwahrheiten den demokratischen Diskurs? Mehrere Studien legen nahe, dass der Schaden kleiner sein könnte als befürchtet. Grund zur Entwarnung gibt es dennoch nicht.

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Christoph Tanneberger, tagesschau.de

Von Christoph Tanneberger, tagesschau.de

Die schlechte Nachricht zuerst: Fake News sind im Internet offenbar so stark verbreitet, dass die Mehrheit der deutschen Nutzer beim Surfen schon einmal persönlich mit ihnen in Berührung gekommen ist. Bei einer Befragung im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW (LfM) gaben 59 Prozent an, dass ihnen bereits Falschnachrichten im Internet begegnet seien. In der Gruppe der 14- bis 24-Jährigen waren es sogar 77 Prozent.

Die gute Nachricht: Immerhin knapp die Hälfte (45 Prozent) der Online-Nutzer, die schon einmal in Berührung mit Fake News waren, haben Meldungen aus dem Netz auch schon einmal selbst geprüft. Unter den 14- bis 24-Jährigen sind es sogar 62 Prozent. Manche unterziehen auch die Quelle einem besonderen Check, schauen sich das Impressum einer Seite genauer an oder versuchen, mehr über den Autoren der Nachricht herauszufinden. "Viele Online-Nutzer haben da ein gesundes Gespür", sagt Meike Isenberg von der LfM.

Vor allem junge Nutzer zeigen Medienkompetenz

Eine Studie der Uni Mainz untermauert diese These. Einer ihrer Befunde: Mit 57 Prozent informiert sich die Mehrheit der Deutschen täglich online über das Nachrichtengeschehen. 28 Prozent nutzen zusätzlich noch soziale Netzwerke als Quelle. Doch die Nutzer seien sich "offenkundig im Klaren darüber, dass sie im Internet zwischen mehr oder weniger seriösen bzw. vertrauenswürdigen Angeboten unterscheiden müssen", so die Forscher.

Grund zur Entwarnung gibt es dennoch nicht, aus mehreren Gründen: Je älter die Nutzer sind, desto seltener überprüfen sie die Inhalte der Meldungen, die sie lesen. Laut LfM-Studie fühlen sich 43 Prozent der 45- bis 59-Jährigen beim Identifizieren von Fake News überfordert, bei Menschen jenseits der 60 sind es sogar 47 Prozent. "Deswegen brauchen wir dringend mehr Weiterbildungsangebote für Erwachsene, die nicht mit digitalen Medien aufgewachsen sind", sagt Meike Isenberg von der LfM. Doch gerade diese Gruppe sei besonders schwer zu erreichen.

Grafik veranschaulicht Umfrageergebnisse zur Glaubwürdigkeit verschiedener Mediengattungen

Forscher der Uni Mainz ließen in einer Umfrage unter anderem diese Frage stellen: „Manche Menschen halten bestimmte Medienangebote für glaubwürdiger als andere. Bitte sagen Sie mir, wie glaubwürdig Sie diese Angebote finden."

Was ist der "Confirmation Bias"?

Ein Gutachten der Uni Mainz für die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung weist auf weitere Phänomene hin, die die Verbreitung von Fake News unterstützen - und von denen Menschen aller Altersstufen betroffen sind. Das eine wird "Confirmation Bias" genannt: Wissenschaftler haben beobachtet, dass viele Leute eher zum Zeitvertreib in sozialen Netzwerken surfen, aber weniger, um gezielt Nachrichten zu lesen. Sie sind entspannter, nehmen Inhalte eher en passant wahr, lesen oft nur Schlagzeilen. Auf den Link zum ausführlichen Artikel klicken sie nicht so oft. In solchen Phasen neigen Menschen dazu, eher Informationen wahrzunehmen, die ihr eigenes Weltbild bestätigen. Die Gefahr: Passt eine Fake News zum Weltbild eines Nutzers, wird sie weniger oft hinterfragt und eher geglaubt.

Zusätzlich verstärkt wird der "Confirmation Bias" durch die sogenannten Sleeper- und Truth-Effekte: Forscher haben beobachtet, dass Menschen dazu neigen, einer Aussage zu glauben, wenn sie diese öfter und aus verschiedenen Quellen hören oder lesen - selbst dann, wenn sie die Nachricht ursprünglich für falsch hielten oder der Quelle misstrauten. Die beiden Gutachter Nora Denner und Philipp Müller von der Uni Mainz verweisen auf ein Experiment. Dabei wurden den Teilnehmern in einem Abstand von fünf Wochen die gleichen Falschmeldungen gezeigt. Beim zweiten Mal bewerteten die Versuchspersonen die Falschmeldungen eher als wahr, weil sie ihnen schon vertraut vorkamen.

Begrenztes Potential von Fake News

Ein erschütternder Befund? Die Gutachter kommen zu einem anderen Schluss und schreiben, dass Fake News "ein durchaus vorhandenes Wirkpotential" haben", dieses aber "begrenzt" sei. Wer für die Botschaft einer bestimmten Falschnachricht nicht anfällig sei, würde diese trotz der Sleeper- und Truth-Effekte auch hinterfragen können. Noch fehlten aber empirische Untersuchungen zum Umfang von Fake News in den täglichen Nachrichtenströmen in Deutschland, um ihre Gefahr abschließend beurteilen zu können.

48 Prozent der Online-Nutzer, die schon einmal mit Fake News konfrontiert wurden, sind laut LfM-Studie durch andere Medienberichte auf Falschnachrichten aufmerksam geworden. Meike Isenberg wertet das als Beweis dafür, dass die traditionellen Medien regelmäßig über Fake News aufklären: "Die Zahl zeigt, dass viele Menschen die Arbeit der traditionellen Medien im Bereich Fake-News-Aufklärung als positiv bewerten."

Bürger wünschen sich Orientierung

Viele Bürger wünschen sich aber noch mehr Orientierung beim Thema Fake News: 86 Prozent der Befragten in der LfM-Studie fordern eine klarere Kennzeichnungsmöglichkeit und neue Löschgesetze - ähnlich, wie von der Bundesregierung im Entwurf zum Netzwerkdurchsetzungsgesetz angedacht.

Ob zügiges Löschen von Fake News wirklich den gewünschten Effekt hätte, daran zweifeln jedoch die Mainzer Gutachter. Sie befürchten, Anhänger populistischer Positionen könnten durchs Löschen erst recht in ihrer Position bestätigt fühlen. Denn die Ansicht, es gebe eine Verschwörung der Eliten gegen das Volk - und man wolle Kritiker mundtot machen, sei da verbreitet.

Die Forscher unterstützen die Idee, Hinweise an die Nutzer anzuzeigen, wenn sie einen als fragwürdig markierten Beitrag teilen wollen. Der Grund: Hinweise an zweifelhaften Postings in der Timeline könnten aufgrund des Sleeper-Effekts schnell wieder in Vergessenheit geraten - und das Weiterverbreiten der Nachricht nicht verhindern.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. Juni 2017 um 16:01 Uhr

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