Volkspolizisten und Arbeiter der DDR beim Bau der Mauer im Norden Berlins. | Bildquelle: dpa

DDR-Geschichte "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten"

Stand: 15.06.2017 07:51 Uhr

Heute vor 56 Jahren hat der damalige DDR-Staatsratsvorsitzende Ulbricht einen Satz gesprochen, der längst historisch ist: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." Doch am 15. Juni 1961 selbst sorgte diese Aussage kaum für Aufsehen.

Von Jenny Stern, BR

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Die DDR hatte mit dem Bau der Mauer im Jahr 1961 die deutsche Teilung besiegelt. Die Maßnahme war von der DDR-Führung damit begründet worden, sie solle als "Antifaschistischer Schutzwall" dienen. Rund zwei Monate vor dem Bau der Mauer hatte die DDR-Führung eine Pressekonferenz gegeben, die bis heute Rätsel aufgibt.

Denn von einer Mauer war bei der Pressekonferenz mit Walter Ulbricht am 15. Juni 1961 in Ost-Berlin zunächst überhaupt keine Rede gewesen. Auch nicht, als die Berlin-Korrespondentin der "Frankfurter Rundschau", Annamarie Doherr, eine Frage an den Partei- und Staatschef der DDR richtete.

Es ging ihr vielmehr um die Beziehung der DDR zu einer "Freien Stadt" Westberlin, wie Ulbricht sie sich wünschte: "Herr Vorsitzender, bedeutet die Bildung einer 'Freien Stadt' Ihrer Meinung nach, dass die Staatsgrenze am Brandenburger Tor errichtet wird, und sind Sie entschlossen, dieser Tatsache mit allen Konsequenzen Rechnung zu tragen?", fragte die Journalistin.

Dem Satz wird zunächst wenig Bedeutung beigemessen

Ulbricht stand an diesem Donnerstag vor mehr als 300 Journalisten im großen Saal im "Haus der Ministerien", er strich sich mit der Hand über den Bart und sagte: "Ich verstehe Ihre Frage so, dass es Menschen in Westdeutschland gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja? Mir ist nicht bekannt, dass solche Absicht besteht, da sich die Bauarbeiter in der Hauptstadt hauptsächlich mit Wohnungsbau beschäftigen und ihre Arbeitskraft voll eingesetzt wird." Er schwieg kurz und sprach dann den Satz, der in die Geschichtsbücher eingehen sollte: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten."

#historischefakes: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten", sagte Walter Ulbricht am 15.06.1961.
16.06.2017

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Der DDR-Rundfunk hatte eine "bedeutsame Pressekonferenz" versprochen. Doch wie bedeutsam Ulbrichts Aussage später wurde, war am 15. Juni 1961 kaum vorstellbar. Nur wenige Zeitungen, etwa die "Welt", druckten den Satz überhaupt. Auch FR-Korrespondentin Doherr kam erst im fünften Absatz ihres Artikels auf ihn zu sprechen: Ulbricht habe beteuert, keine Mauer bauen zu wollen und bevorzuge vertragliche Regelungen, schrieb sie.

Versprecher oder Taktik?

Was Ulbricht mit seiner Aussage bezwecken wollte oder warum er eine Mauer überhaupt erwähnte, ist unter Geschichtsexperten bis heute nicht einhellig geklärt. Hatte Ulbricht gelogen, war ihm der Satz versehentlich herausgerutscht? Oder war es taktisches Kalkül, wie einige Wissenschaftler vermuten?

"Damals hat es sich hundertprozentig wie eine Lüge angefühlt", sagt Gerhard Sälter von der Gedenkstätte Berliner Mauer dem ARD-faktenfinder. "Aber mit dem Wissen, das wir heute über die Entscheidungsprozesse haben, die zum Bau er Mauer geführt haben, scheint es so, als hätte Ulbricht zu diesem Zeitpunkt diese Intention nicht gehabt."

In dem Buch "Ultima Ratio: Der 13. August 1961", das Sälter mit dem Zeitzeugen und Historiker Manfred Wilke verfasste, kommen die Autoren zu dem Schluss, dass der Mauerbau für die Sowjetunion und die DDR die letzte mögliche Lösung zur Existenzsicherung des sozialistischen Staates gewesen sei. Im Juli 1961, auf der Pressekonferenz in Ost-Berlin, habe Ulbricht jedoch noch geglaubt, der sowjetische Partei- und Staatsführer, Nikita Chruschtschow, setze sich mit einem Friedensvertrag durch, so Sälter.

Chruschtschows Friedensvertrag sah vor, dass sich die Westmächte aus Berlin zurückziehen sollten, damit eine selbstständige "Freie Stadt" entstehen konnte. Sonst, so drohte er, würde die Sowjetunion einen separaten Friedensvertrag mit der DDR schließen und ihr die Kontrolle über die Verkehrswege nach West-Berlin übertragen. Dieses Ultimatum, das Chruschtschow bereits 1958 formuliert hatte, wiederholte er im Mai 1961 bei seinem ersten Treffen mit dem neuen US-Präsidenten John F. Kennedy. Doch weder die USA, Großbritannien noch Frankreich reagierten.

Ulbricht wollte Grenzschließung bereits 1952

Ähnlich wie Sälter und Wilke argumentiert auch Hans-Hermann Hertle vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Da Chruschtschow lange Zeit an dem Ultimatum als Lösung festhielt, nimmt er an, dass Ulbricht auf der Pressekonferenz weder gelogen, noch taktische Ziele verfolgt hatte. Ulbricht sei davon überzeugt gewesen, die Wahrheit zu sagen, schreibt der Historiker in einem Aufsatz über das berühmte Ulbricht-Zitat. Ulbrichts Ausspruch sei erst zur Lüge mutiert, als Chruschtschow von seinem Plan abrückte und der DDR die Genehmigung zur Grenzschließung gab.

Andere Wissenschaftler wie die US-Historikerin Hope Harrison gehen hingegen davon aus, dass Ulbricht den Mauerbau im Juni 1961 wohl schon geplant haben musste. In ihrem Buch "Ulbrichts Mauer. Wie die SED Moskaus Widerstand gegen den Mauerbau brach" schreibt sie: Dass Ulbricht die Mauer aus dem Nichts heraus zur Sprache brachte, deute darauf hin, dass sie für die DDR und die Sowjetunion zumindest eine Option gewesen sei. Auf der Pressekonferenz habe Ulbricht den Westmächten indirekt gedroht und die Sowjetunion damit unter Druck gesetzt, endlich einen Friedensvertrag abzuschließen.

Dokumente, die Historiker Wilke und sein Kollege Gerhard Wettig ausgewertet haben, belegen, dass Ulbricht den Kreml wegen der steigenden Flüchtlingszahlen tatsächlich bereits im Februar 1952 um eine Schließung der Grenze zwischen Ost- und Westberlin gebeten hatte. In einem Aufsatz von 2015 zeigen die Autoren, dass die Führung in Moskau den Vorschlag im März 1953 zurückwies, da er "aus politischen Erwägungen unannehmbar" sei. Der US-Amerikaner Norman Gelb nimmt sogar an, dass Ulbricht mit seinem Ausspruch zum Mauerbau den Flüchtlingsstrom weiter vorantreiben wollte, damit Chruschtschow endlich handeln würde.

Der Mauerbau beginnt

Zwischen 1949 und 1961 flüchteten mehr als 2,5 Millionen Menschen in den Westen - seit der Schließung der innerdeutschen Grenze zwischen der Bundesrepublik und der DDR 1952 vor allem über Berlin. Als Chruschtschow im Juli 1961 schließlich anerkannte, dass sein Ultimatum von den Westmächten ignoriert wurde und der Sowjetunion der Handlungsspielraum ausging, lenkte er schließlich ein.

In der Nacht vom 12. auf den 13. August 1961 riegelten Polizei und Kampfgruppen der DDR die Grenze nach West-Berlin ab, erst mit Stacheldraht, später mit Beton. Die Berliner Mauer, 155 Kilometer lang, verlief direkt am "Haus der Ministerien" in der Wilhelmstraße, in der Ulbricht seine Pressekonferenz abgehalten hatte. Das Bauwerk wurde zum Symbol der Teilung Deutschlands - bis zum 9. November 1989.

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