Demonstrationen mit deutschen Flaggen in Dresden. | Bildquelle: dpa

Symbolik bei Pegida-Protesten Was die Wirmer-Flagge bedeutet

Stand: 12.06.2017 16:21 Uhr

Auf Pegida-Kundgebungen ist ein Motiv häufig zu sehen: ein schwarz-goldenes Kreuz auf rotem Grund, die sogenannte Wirmer-Flagge. Ihr Erfinder: ein Widerstandskämpfer gegen die Nationalsozialisten.

von Matthias Vorndran, MDR

Die "Wirmer-Flagge": ein schwarz-goldenes Philippus-Kreuz auf rotem Grund

Die Wirmer-Flagge

Die Flagge war ein Symbol der Hoffnung für ihren Erfinder: Entworfen wurde sie 1944 vom deutschen Juristen und Politiker der Zentrumspartei Josef Wirmer. Der Katholik war ein Mitglied des Kreises um Widerstandskämpfer Claus Graf Schenk von Stauffenberg und sollte nach dem geplanten Umsturz Reichsjustizminister werden. Seine Absicht war, ein neues Nationalsymbol zu entwickeln, das für den erhofften Neuanfang stehen sollte.

Daher verwendete Wirmer bewusst nicht die von vielen mit der Weimarer Republik assoziierte Darstellung in Blockstreifen, sondern das von skandinavischen Flaggen bekannte sogenannte liegende Philippuskreuz.

Gegenentwurf zum Hakenkreuz

So sollten demokratische Kräfte und die konservativen, christlichen Offiziere in der Widerstandbewegung gleichermaßen angesprochen werden. Das Kreuz wählte Wirmer außerdem bewusst als Gegenentwurf zum Hakenkreuz der Nationalsozialisten.

Ob die anderen Widerstandskämpfer Wirmers Version jemals zu sehen bekamen, ist unbekannt, die Fahne kam nie zum Einsatz. Nach dem Scheitern des Stauffenberg-Attentats wurde Josef Wirmer festgenommen, am 8. September durch den "Volksgerichthof" zum Tode verurteilt und noch am selben Tag in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Eine Fahne für die West-Republik?

Beinahe wäre die Wirmer-Flagge nach dem Krieg doch noch Nationalflagge geworden. Josef Wirmers jüngerer Bruder Ernst war 1948 für das neue Land Niedersachsen Mitglied des Parlamentarischen Rates, der den politischen Neuanfang Westdeutschlands gestalten sollte.

Sitzungssaal des Parlamentarischen Rats bei der Annahme des Grundgesetzes | Bildquelle: picture-alliance/ dpa

Der Parlamentarische Rat nimmt das Grundgesetz an.

Auf Initiative der CDU-Fraktion wurde die Flagge - leicht abgewandelt - im November 1948 im Grundsatzausschuss des Parlamentarischen Rates diskutiert, aber schließlich zugunsten des traditionellen Schwarz-Rot-Gold abgelehnt, obwohl diese auch die SED in der Sowjetzone - noch in der Variante ohne Staatswappen - favorisierte.

Von Pegida bis zu den Reichsbürgern

Das Motiv ist heute als Flagge oder auch als Aufkleber frei im Handel erhältlich, meist unter Bezeichnungen wie "Deutscher Widerstand 20. Juli". In den Fokus der Öffentlichkeit geraten ist sie wieder, seitdem Pegida-Anhänger sie auf ihren Kundgebungen in Dresden verwenden.

Die Absicht dahinter dürfte sein, zu suggerieren, dass die Ziele der Demonstrationsteilnehmer mit denen der Männer des 20. Juli 1944 moralisch und ethisch vergleichbar seien.

Die Verwendung der Wirmer-Flagge durch Pegida steht dabei in direktem Zusammenhang mit der von Symbolen und Begriffen aus der Zeit der Märzrevolution 1848/1849, der Weimarer Republik und der Zeit des Nationalsozialismus, wie zum Beispiel "Lügenpresse" oder "Volksverräter".

Kein Verstoß gegen die öffentliche Ordnung

Auch andere, vor allem rechtsgerichtete Gruppen wie die "German Defence League", "Hogesa" oder "pro NRW" und Teile der Reichsbürger-Bewegung verwenden die Flagge, nach Einschätzung des Historikers Jan Schlürmann als ""neo-konservatives Kampfzeichen".

Sie wird als Symbol für eine "nordische Kulturtradition" gesehen, das Blog "Politically Incorrect" empfahl sie als "kultige Alternative" zur Deutschlandflagge während der EM 2012.

Ein Grund für ihre Beliebtheit in rechten Kreisen dürfte auch sein, dass das öffentiche Zeigen der Wirmer-Flagge - anders als zum Beispiel das einiger Varianten der Reichskriegsflagge - keine Störung der öffentlichen Ordnung bedeutet.

Entsetzen bei Wirmers Nachkommen

Josef Wirmers 1940 geborener Sohn Anton zeigte sich im Interview mit Spiegel Online 2015 entsetzt über die Zweckentfremdung der Flagge seines Vaters und sprach von einer "Verdrehung all der Ideen, die seine Flagge darstellt (…): die Ablehnung des verbrecherischen Nazi-Staates und die Wiederherstellung einer funktionsfähigen Demokratie."

Die Wirmer-Fahne steht nicht für einen abstrakten Widerstandsbegriff. Sie steht vor allem für eine freiheitliche und tolerante Gesellschaft.

Die Familie prüfe, ob sie juristisch dagegen vorgehen könne. Rechtlich sei das ein "komplexes Feld", sagte Wirmer, appellierte aber an die Eigenverantwortung der Hersteller zu prüfen, "ob das zu ihrer Unternehmensphilosophie passt und ihrer gesellschaftlichen Verantwortung entspricht".

Darstellung: