Falschmeldung-Schriftzug auf einer Computertaste | Bildquelle: picture alliance / Bildagentur-o

Interview mit Cyberpsychologin Warum Falschmeldungen im Netz funktionieren

Stand: 20.05.2017 14:32 Uhr

Falschmeldungen verbreiten sich rasant im Netz. Schuld daran ist auch ein fehlendes digitales Bewusstsein. Warum so viele Menschen auf "Fake News" hereinfallen, erklärt Psychologin Catarina Katzer im Interview mit dem ARD-faktenfinder.

ARD-faktenfinder: Warum glauben Menschen, dass Falschmeldungen wahr sind?

Catarina Katzer: Dazu müssen wir als erstes unser eigenes digitales Verhalten anschauen, speziell unser Smartphone-Verhalten. Wir werden dadurch auf Unterbrechungen konditioniert. Wir schauen im Durchschnitt alle zehn bis 15 Minuten auf unser Smartphone, unsere normalen aktuellen Handlungen werden dadurch ständig unterbrochen. Es ist extrem schwer, so die Konzentrationsfähigkeit aufrechtzuerhalten. Wir werden fehleranfälliger und sind gar nicht so schnell, wie wir meinen oder wie wir sein wollen.

ARD-faktenfinder: Und was spielt noch eine Rolle?

Katzer: Wir bewegen uns auf ganz vielen digitalen Ebenen, wie WhatsApp, Facebook, Beratungsportalen, Google, Nachrichtenseiten. Da laufen unglaublich viele Dinge parallel. Wir sind so einer digitalen kognitiven Überlastung ausgesetzt. Und das spielt eine große Rolle dabei, wie wir Informationen aufnehmen und wie wir unsere Umgebung wahrnehmen.

alt Catarina Katzer

Zur Person

Dr. Catarina Katzer ist Volkswirtin, Soziologin und Cyberpsychologin. Sie berät Kommissionen des Europarates, des Bundestages und Regierungsinstitutionen im In- und Ausland. Ihre Spezialdisziplin ist negatives digitales Sozialverhalten ("Digitale Hasskulturen, Fake News, Cyberbullying".)

"Wir springen von einer Info zur anderen"

ARD-faktenfinder: Inwiefern verändert das unsere Wahrnehmung?

Katzer: Wir gewöhnen uns an kurze Häppchen, weil wir von einer Info zur anderen springen müssen. Wir wissen, dass wir nur zehn bis 15 Prozent, von dem was wir online aufrufen, lesen. Alles andere fällt sozusagen in ein schwarzes Loch. Wir werden immer oberflächlicher in der Informationsverarbeitung. Es findet überhaupt keine Diskussion im Kopf mehr statt. Ich nehme nicht mehr die Informationen wahr und gleiche sie irgendwie ab und überlege, könnte das stimmen oder nicht.

ARD-faktenfinder: Und so verfällt man dann der Falschmeldung?

Katzer: Genau. Man versucht, diese ganzen Dissonanzen zu vermeiden, weil sie einfach zu viel sind. Abzuwägen und auch zu überlegen, ob eine Meldung wirklich stimmen kann, ist sehr anstrengend. Das versuchen wir am liebsten zu vermeiden, weil wir auch bequem sind. Dadurch werden wir für Manipulationseffekte immens anfällig. Wenn wir Dinge im Netz finden, suchen wir immer bekannte kognitive Strukturen oder lassen uns von diesen lenken. Zum Beispiel durch Erfahrungen, die wir schon gemacht haben oder durch Sichtweisen, die wir uns vorher selbst gebildet haben. Inhalte, die uns selbst geläufig sind, picken wir sozusagen heraus.

"Wahrheiten mit Lügen vermischt"

ARD-faktenfinder: Weil man sich dadurch bestätigt fühlt?

Katzer: Man nennt das Bestätigungsfehler. Wenn die Strukturen dann mit Lügen vermischt sind, also Wahrheiten mit Lügen vermischt sind, dann fällt uns das gar nicht so auf. Ein Beispiel ist das angebliche Zitat von Renate Künast nach dem Mord an einer Studentin durch einen Flüchtling. Sie soll angeblich der "Süddeutschen Zeitung" gesagt haben, es sei schlimm, was passiert ist, aber man müsse dem jungen Mann trotzdem helfen. Das hat immense Reaktionen ausgelöst.

Da kommt genau dieser Bestätigungsfehler zum Tragen. Die Menschen denken, die Grünen seien eh "immer für Flüchtlinge", man weiß, dass Frau Künast bereits Interviews zu dieser Thematik gegeben hat. Und dann schleichen sich Gedanken ein, wie "die hat ja eh die Flüchtlinge schon immer verteidigt". Und dann passt eine solche Falschmeldung wunderbar in solche Sichtweisen hinein.

ARD-faktenfinder: Und dann glauben wir, dass die falsche Meldung eine wahre ist?

Katzer: Das virtuelle Vertrauen spielt eine immens große Rolle. Im Falle von Künast: Angeblich stammte das Zitat aus der "Süddeutschen" - da haben Menschen das Gefühl, es sei eine seriöse Quelle, dann müsse es also stimmen.

Außerdem vertrauen wir Quellen und Meinungsgebern, die wir persönlich gar nicht kennen, aber von denen wir viel zu wissen glauben. Es ist verrückt, wie unser Hirn wirklich funktioniert. Allein das Wissen, ich habe eine Person schon einmal auf einem Foto gesehen, macht diese Person glaubwürdiger.

"Wissen und Erfahrung wichtig für Glaubwürdigkeit"

ARD-faktenfinder: Welche Rolle spielt die angebliche Quelle, die in Falschmeldungen zitiert wird?

Katzer: Das Wissen und die Erfahrung, die ein Meinungsgeber hat, ist sehr wichtig für die Glaubwürdigkeit. Wenn ein (angeblicher) Flüchtlingshelfer, der seit Jahren in der Flüchtlingshilfe arbeitet, auf einmal etwas postet und schreibt, "die Mehrheit der Flüchtlinge ist gewalttätig", dann wird dieser Quelle eher geglaubt, weil man sofort annimmt, dieser Mensch hat Erfahrung mit dem Thema.

ARD-faktenfinder: Welche Einflüsse gibt es noch?

Katzer: Wenn eine Nachricht von ganz vielen Leuten geteilt und kommentiert wird, dann setzt bei uns im Hirn schon die Meldung ein, dass sich so viele ja nicht irren können. Und dann denken wir: Da muss ja irgendetwas dran sein. Vertrauen und Nähe entstehen allein schon dadurch, dass mir etwas häufig begegnet.

ARD-faktenfinder: Gibt es eine Strategie dagegen?

Katzer: Wir müssen verstehen, dass wir Wahrnehmungsfehler machen, dass wir manipulationsfähig sind, dass unsere Aufmerksamkeit deshalb auf bestimmte Dinge gelenkt wird und wir sie glauben. Wir müssen eine stärkere Kritikfähigkeit entwickeln und uns auch mehr Zeit geben.

Schnelles Reagieren führt zu vielen Fehlern. Man sollte Nachrichten nicht einfach weiterposten, über die man nicht genug nachgedacht hat. Wir müssen ein digitales Bewusstsein entwickeln.

Das Interview führte Julia Kuttner, tagesschau.de

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