Mann bekommt auf seinem Tablet die Warnung "Fake News" | Bildquelle: Stanisic Vladimir - Fotolia

Falschmeldungen bei Twitter "Fake News als Kampfansage"

Stand: 23.04.2018 09:40 Uhr

Seit Jahren postet Tommaso Debenedetti Falschmeldungen bei Twitter - stets unter falschen Namen. Immer wieder fielen große Medien darauf herein. Als Fake-News-Autor will Debenedetti Nutzer und Journalisten auf ihre Verantwortung aufmerksam machen.

Von Jan-Christoph Kitzler, ARD-Studio Rom

Die Karriere von Tommaso Debenedetti als Verbreiter von Falschmeldungen begann aus der Not: Er arbeitete als Kulturjournalist für verschiedene Regionalzeitungen in Italien - und eines Tages konnte er nicht liefern, was die Redaktion von ihm wollte, nämlich ein Interview mit dem amerikanischen Schriftsteller Gore Vidal. So erfand er das Interview und wunderte sich, dass es trotzdem publiziert wurde - und wie leicht das alles war.

Also machte er weiter - bis 2010 der US-Schriftsteller Philipp Roth merkte, dass da Interviews von ihm erschienen waren, die er nie gegeben hatte. Nach dem Skandal war Debenedettis Karriere als Journalist zu Ende. Aber weil er nicht so ganz von der Bildfläche verschwinden wollte, spezialisierte er sich auf das Verbreiten von Falschmeldungen über die sozialen Medien:

Ich hätte das auch nicht gedacht, aber ich habe schon mit den ersten falschen Twitter-Accounts, die ich angelegt habe - die Accounts von fünf Ministern der ersten Regierung von Mariano Rajoy - gemerkt, dass es unglaublich leicht ist. Vielleicht, weil es diesen Hunger gibt, schnelle Nachrichten zu bekommen, als erster die News zu haben, vielleicht, weil es eine gewisse Arglosigkeit gibt, die man auch bei manchen der wichtigsten Journalisten und Tageszeitungen findet. Fake News zu verbreiten, das habe ich mit meiner täglichen Arbeit als Hoaxer begriffen, ist das einfachste der Welt.

Falsche Todesmeldungen verbreitet

Hoaxer, so nennen sich die Verbreiter von Falschmeldungen in den sozialen Medien. Und Debenedetti ist weltweit einer der erfolgreichsten. Seine Falschmeldungen haben es in viele etablierte Medien weltweit geschafft. Besonders häufig wurden falsche Todesmeldungen aufgegriffen. So meldete Tommaso Debenedetti, der sich selbst im Netz in der Regel mit doppeltem s, also "Tommasso", schreibt, den Tod von Papst Benedikt XVI., von Fidel Castro oder des Schriftstellers Cormac McCarthy.

Das Prinzip ist immer das gleiche: Er erstellt einen Twitter-Account einer bekannten Persönlichkeit, zum Beispiel des Erzbischofs von Salzburg, über den er irgendwann die Falschmeldung verbreitet. Oft dauert es nur 15 oder 20 Minuten, bis er enttarnt wird. Aber bis dahin hat die Meldung die Runde gemacht - auch weil viele Zeitungen, Fernsehsender, Radios den sozialen Medien zu viel Glauben schenken, wie Debenedetti erklärt:

Das Problem ist: Sie werden heute fast wie eine Presseagentur gesehen. Die Journalisten beziehen sich, ich weiß nicht warum, auf Nachrichten, die bei Twitter gepostet werden, als wäre Twitter eine Presseagentur. In Wirklichkeit sind die sozialen Medien die unzuverlässigste, die unsicherste aller Presseagenturen, die es auf der Welt gibt. Wenn eine Nachricht auf Twitter oder Facebook erscheint, dann müssten, so denke ich, Journalisten als erstes verifizieren, ob es ein echter Account ist oder nicht.

"Journalisten auf Verantwortung aufmerksam machen"

Debenedetti arbeitet derzeit als Italienisch-Lehrer und lebt in Israel. Er gibt nur wenige Interviews und will trotzdem als Aufklärer verstanden werden, wie er dem ARD-faktenfinder erzählte:

Einerseits ist das ein Spiel, ein Amüsement. Eine Art, über Jahre in der Welt der Nachrichten zu bleiben. Auf der anderen Seite ist es aber auch eine Kampfansage: Die Dinge, die im internationalen Journalismus nicht funktionieren, sollen ans Licht gebracht werden. Es ist auch ein Mittel, um die Presse, die Journalisten auf ihre Verantwortung aufmerksam zu machen und vor den Risiken ihres Berufs zu warnen.

Anonymität begünstigt Falschmeldungen

Solange es keine effektiven Kontrollen in den sozialen Medien gebe, solange sich jeder dort anonym anmelden und falsche Identitäten annehmen könne, hätten es Falschmeldungen leicht, sagt er. Das liege auch an der Leichtgläubigkeit vieler Mediennutzer - und nicht zuletzt an der Arbeitsweise vieler Journalisten:

Das Problem heute ist die Eile. Doch diese Schnelligkeit von heute, dieses ständige Aktualisieren, immer noch ein Update, noch eine Breaking News - dadurch entstehen kolossale Fehler. Sogar lächerliche Fehler. Wie kann man glauben, dass die Nachricht vom Tod eines emeritierten Papstes, bedeutend wie Benedikt XVI., nicht direkt von der vatikanischen Pressestelle kommt, nicht vom Kardinalstaatsekretär, sondern über Twitter? Und dennoch glauben die Leute das immer noch. Das sollte ein Alarmsignal für den Journalismus von heute sein.

Und so ist ein Ende der Falschmeldungen nicht in Sicht. Debenedetti macht jedenfalls weiter - und hält Mediennutzern, sozialen Medien und Journalisten den Spiegel vor.

Tommaso Debenedetti : erfolgreicher Hoaxer hält Medien den Spiegel vor
Jan-Christoph Kitzler, ARD Rom
23.04.2018 08:07 Uhr

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