Eine hochschwangere Frau umfasst ihren Bauch mit beiden Händen. | Bildquelle: dpa

Hebammen in Deutschland Geburtshilfe lohnt sich nicht mehr

Stand: 16.09.2017 14:24 Uhr

Eine gebärende Frau erhält von ihrer Hebamme wertvolle Unterstützung - wenn sie eine findet. Viele haben die Geburtshilfe aus Kostengründen aufgegeben. Ein ganzer Berufsstand kämpft ums Überleben.

Von Matthias Vorndran, mdr.

Die Elterninitiative "Mother Hood", die sich bundesweit zum Thema Geburtshilfe engagiert, griff im Juli zu einem drastischen Mittel: In einer "Reisewarnung" riet sie schwangeren Frauen vom Urlaub in einigen Regionen Deutschlands ab. Denn eine sichere Schwangerschaftsversorgung und Geburtshilfe seien beispielsweise in Bayern, Berlin und in Küstennähe nicht mehr möglich.

Das Medienecho war enorm und das Thema plötzlich wieder im Fokus der Öffentlichkeit. Denn der Streit um die Vergütung für Hebammen schwelt schon lange - und mit ihm die Diskussion um die Zukunft des ganzen Berufsstandes. Eine Online-Petition mit dem Titel "Frauen brauchen Hebammen" hat bereits mehr als 107.000 Unterstützer.

Landkarte der Unterversorgung

Noch liegen keine verlässlichen Zahlen vor, wie groß der Mangel an Hebammen und die damit verbundenen Belastungen für werdende Mütter wirklich ist. Aus diesem Grund hat der Deutsche Hebammenverband (DHV) auf seiner Website eine interaktive "Landkarte der Unterversorgung" veröffentlicht, in der Schwangere eintragen können, wann und wo sie keine Hebamme finden konnten.

Das Ergebnis mit rund 14.000 gemeldeten Fällen (Stand September 2017) verdeutlicht das Problem: Eine Schwangere kann sich nicht darauf verlassen, eine Hebamme in der Nähe ihres Wohnortes zu finden. In manchen Regionen liegt die nächste Geburtsklinik 50 Kilometer weit entfernt.

Mehr Hebammen, aber …

Branchenstatistiken zeichnen dabei auf den ersten Blick ein positives Bild: Die Zahl der in Deutschland tätigen Hebammen steigt. Laut einer Aufstellung des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages vom Februar 2017 ist die Zahl der in Kliniken festangestellten Hebammen von 1991 bis 2015 um 37 Prozent gestiegen, die der freiberuflich tätigen blieb in den vergangenen Jahren weitgehend stabil. Wie kommt es also zu dem oben beschriebenen Defizit?

Mehr als 7000 € für die Haftpflicht

Einer der wichtigsten Punkte: die Berufshaftpflichtversicherung. Freiberufliche Hebammen müssen sie zwingend abschließen und enorm hohe Prämien bezahlen, vor allem, wenn sie auch Geburtshilfe anbieten.  

Der Grund dafür sind stark gestiegene Kosten für einzelne Schadensfälle, die medizinische, pflegerische und soziale Versorgung und lebenslange Einkommenssicherung der Geschädigten. Auch hohe Prozess- und Anwaltskosten spielen eine Rolle.

Musste eine Hebamme im Jahr 1981 noch überschaubare 30,68 € für die Haftpflicht einkalkulieren, waren es nach der letzten Erhöhung im Juli 2017 bis zu 7.639 €. Zwar können Betroffene Zuschüsse beantragen, doch die reichen nach Ansicht der Hebammenverbände längst nicht aus, um die steigenden Kosten zu decken. Allein im Jahr 2010, so rechnet die Initiative "Hebammen für Deutschland" vor, stiegen die Versicherungsprämien um 55 Prozent, während die Vergütungen lediglich um 1,54 Prozent angehoben wurden.

"Schon seit Jahren sehen wir unseren Berufsstand gefährdet, da sich die hohe Verantwortung und unser körperlich und emotional anstrengender Arbeitsalltag in keiner Weise in unserer Vergütung widerspiegeln", schrieben Hebammen aus Baden-Württemberg in einem offenen Brief an die Politik.

Lösungsansatz Haftungsfonds?

Hebammen protestieren für eine Unterstützung in der Frage der Haftpflichtversicherung

Der DHV befürchtet, dass die Versicherungsprämien bis zum Jahr 2020 auf über 9000 € im Jahr steigen könnten und fordert einen Haftungsfonds mit einer Haftungshöchstgrenze.

Entsprechende Anträge der Linkspartei und der Grünen im Bundestag scheiterten jedoch im Mai 2016. Die Regierungsparteien verwiesen in der Debatte auf "viele versicherungsrechtliche und verfassungsrechtliche Probleme".

Gewinninteressen der Aktionäre?

Der GKV-Spitzenverband vertritt die Interessen der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen in Deutschland und ist der zuständige Verhandlungspartner für die Hebammen. Er verweist auf seiner Website auf die Chancen und Risiken der freiberuflichen Tätigkeit, die "individuell zu tragen" seien und weist die Verantwortung für die hohen Prämien von sich.

Warum (…) jedes Jahr Steigerungen bis zu 20 Prozent nötig werden, kann/können nur der/die privaten Versicherungsanbieter sagen. Berichtet wird, dass angeblich die Schadenssummen zugenommen haben. Daten, die das belegen, liegen dem GKV-Spitzenverband nicht vor. Genauso könnten höhere Gewinninteressen der Aktionäre oder steigende Schadensfälle hinter den stetig steigenden Prämien stecken.

Hebammen steigen aus der Geburtshilfe aus

DHV-Verhandlungsführerin Katharina Jeschke kritisierte hingegen bereits vor zwei Jahren den GKV-Spitzenverband scharf: "Sie wollen freiberufliche Hebammen quasi aushungern. Sie schaffen Regelungen, die es freiberuflichen Hebammen erschweren, überhaupt noch Geburtshilfe anzubieten."

Bereits jetzt verzichten 70 bis 80 Prozent aller Hebammen darauf, mit steigender Tendenz. Von 2008 bis 2010 haben laut einer Studie 25 % der freiberuflich tätigen Hebamme die Geburtshilfe aufgegeben. Aktuellere Zahlen gibt es bislang nicht, denn ob Hebammen Geburtshilfe anbieten oder nicht, wird statistisch nicht erfasst.

Mehr Geburten, aber weniger Kliniken und weniger Personal

Die Versicherungsproblematik ist nicht der einzige Faktor, der Hebammen daran zweifeln lässt, ob sie sich das Thema Geburtshilfe noch leisten können. Die Geburtenzahlen steigen, doch immer weniger Kliniken führen überhaupt Entbindungen durch.

Hoher Kostendruck in den Krankenhäusern und die Tatsache, dass der Zeitaufwand für Geburten kaum planbar ist, machen freiberuflichen Hebammen das Arbeitsleben schwer. Viele von ihnen sind als Hebammen für Kliniken tätig, aber selbst Mütter und arbeiten in Teilzeit.

Zwar dürfen sich die Hebammen jetzt nach zähen Verhandlungen über eine rund 17-prozentige Honorarerhöhung freuen, doch die gleicht nach Ansicht der Hebammenverbände bestenfalls die bisherige Unterbezahlung aus. Weitere Erhöhungen sind zudem bis 2020 ausgeschlossen.

Zwei Geburten pro halbe Stunde

Der GKV-Spitzenverband sieht darin ein gutes Ergebnis. "Die Honorare werden deutlich angehoben, zudem werden Schwangere in den Kliniken durch freiberuflich tätige Hebammen künftig individueller betreut", teilte der Verband mit.

Doch was die Versicherer als "individuellere Betreuung" bezeichnen, stößt bei der Gegenseite auf Kritik. In Zukunft sollen Hebammen nämlich nur noch die Betreuung von zwei Schwangeren pro 30 Minuten abrechnen dürfen. Stehen mehr Geburten an, müssten zusätzliche Hebammen hinzugezogen werden - die möglicherweise gar nicht vorhanden sind. 

Nach Ansicht von DHV-Präsidentin Martina Klenk geht die Regelung daher an der Realität vorbei: "Wir fragen uns: Wo sollen die Hebammen herkommen? Die neuen Bestimmungen bedeuten keine Qualitätssteigerung und sind kein Anreiz für Hebammen, in die Geburtshilfe zu gehen oder zurückzukehren."

Sachsen-Anhalt kündigt Studie an

Welche Folgen die Vereinbarungen überhaupt haben werden und wie gefährdet der Berufsstand der Hebammen wirklich ist, müssen nun künftige Erhebungen zeigen. Das Soziaministerium Sachsen-Anhalt hat bereits eine Studie angekündigt, deren Ergebnisse 2018 vorliegen sollen.

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