Feinstaub-Warnung in Stuttgart | Bildquelle: dpa

Debatte über Feinstaub Keine Kreuzfahrtschiffe an der Kreuzung

Stand: 22.10.2018 16:05 Uhr

Ein Kreuzfahrtschiff stößt mehr Feinstaub aus als 20 Millionen Diesel-Pkw - so ist in Medien zu lesen. Diese Aussage ist zwar korrekt, führt aber nicht weiter.

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Werner Eckert, SWR

Von Werner Eckert, SWR

In Stuttgart gilt in dieser Woche wieder Feinstaubalarm. Autofahrer sind zum freiwilligen Umstieg auf Busse und Bahnen aufgefordert. Das Befeuern privater Kaminöfen, die nur dem Wohlbefinden dienen, ist ab dem Abend verboten.

Bereits in den vergangenen Tagen waren an einer der schmutzigsten Kreuzung Deutschlands - dem Neckartor - jeweils fast 50 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft im Tagesmittel gemessen worden. Laut EU darf dieser Grenzwert maximal an 35 Tagen im Jahr überschritten werden.

In verschiedenen Medien wird argumentiert, die Warnungen vor Feinstaub durch den Autoverkehr seien vollkommen übertrieben. Andere Quellen würden viel stärker die Luft verschmutzen. Die "Autozeitung" beispielsweise rechnete vor, ein Kreuzfahrtschiff stoße so viel Feinstaub aus wie 21,45 Millionen Pkw. Auch Kamine, Silvester-Böller oder Zigaretten seien weit schlimmere Feinstaubschleudern als Diesel-Pkw.

Rechnung ist korrekt

Tatsächlich produzieren moderne Diesel mit Rußfilter gerade noch 0,2 bis 0,5 Milligramm Feinstaub pro km. Das entspricht bei einer durchschnittlichen Fahrleistung von 36 Kilometern maximal 18 Milligramm pro Tag. Das Kreuzfahrtschiff "Harmony of the Seas" stößt laut dem Artikel der "Autozeitung" bis zu 450 kg am Tag aus. Die Quelle für diese Berechnung ist in dem Artikel nicht angegeben, lässt sich aber zurückverfolgen: Die Umweltschutzorganisation NABU hatte bereits 2013 errechnet, dass "ein einziges modernes Kreuzfahrtschiff täglich rund 450 Kilogramm Rußpartikel ausstoße. Diese Menge entspricht dann dem Ausstoß von etwa 25 Millionen Autos.

Diese Schiffe könnten in der Tat sehr viel sauberer sein, wenn sie anderen Treibstoff fahren würden - also Gas oder mindestens schwefelfreien Diesel. Auch Scrubber, also Filter, reduzieren die Luftbelastung. Innerhalb von EU-Küstengewässern und vor allem in Häfen gelten dabei strengere Regeln als auf hoher See.

Feinstaub ist ein lokales Problem

Das Kreuzfahrtschiff kreuzt aber auch nicht auf der Kreuzung am Neckartor in Stuttgart. Und Feinstaub ist praktisch nur dort noch ein Problem. Denn dort werden noch Grenzwerte überschritten, die ganz konkret Menschen schützen sollen. Überall sonst haben sich die Werte dank der Diesel-Ruß-Filter drastisch entschärft.

Es nutzt eben nichts mit großen Zahlen zu hantieren. Feinstaub ist ein stark lokales Problem. Und in Stuttgart stammen 36 Prozent der Feinstaubpartikel von den Autos im nahen Umfeld der Messstelle. Neun Prozent zusätzlich vom Verkehr in der gesamten Stadt. Erst dadurch entsteht eine Belastung jenseits der Grenzwerte.

Verkehr heißt nicht nur Diesel

Wahr ist auch: Verkehr heißt hier nicht Diesel, denn tatsächlich ist aufgewirbelter Staub, sind Abrieb von Reifen und Bremsbelägen wichtiger. Die zweitwichtigste Feinstaubquelle in den Städten sind übrigens Kamine und Holzöfen. "Kleine und mittlere Feuerungsanlagen" bringen etwa 20 Prozent der Belastung. Dazu gehören auch Pellet-Heizungen und von diesem "Reichen-Feinstaub" (Jörg Kachelmann) aus "Komfortkaminen" gibt es immer mehr.

Aber - noch einmal: Das wirkliche Problem heißt heute gar nicht mehr Feinstaub. Da ist die Lage deutlich besser geworden über die Jahre. Das viel größere Problem sind die Stickoxide (NOx) beziehungsweise konkret Stickstoffdioxid (NO2). Da reißen mehr als 65 Städte den Jahres-Durchschnittsgrenzwert. Deshalb drohen Fahrverbote oder sind sie schon verhängt.

Diesel wichtigste Quelle

Dieses Gas ist noch flüchtiger als Feinstaub. Das heißt: Belastend sind nur Quellen direkt dort, wo Menschen leben - das Kreuzfahrtschiff auf dem Ozean also eher nicht (außer für die Menschen an Bord). Und in diesem Kontext ist der Dieselmotor die mit Abstand wichtigste Quelle. Mehr als 50 Prozent der NOx-Belastung einer stark befahrenen Kreuzung stammen direkt daher. Nimmt man den weiteren Umkreis dazu, sind Diesel zu fast drei Vierteln die direkte Ursache von hohen Werten.

Das kann man auch deutlich an den Belastungsspitzen sehen: Die werden exakt zu den Pendler-Ein- und Ausfahrzeiten registriert. Vergleicht man die Werte für solche Schadstoffe in Innenstädten mit jenen an vielbefahrenen Schifffahrtswegen, dann zeigt sich ebenfalls: Die Städte sind deutlich stärker belastet.

Wer raucht, braucht sich keine Sorgen um Feinstaub zu machen

Richtig ist auch: Wer raucht, der braucht sich über Feinstaub und andere Schadstoffe keine Sorgen mehr zu machen. Eine Zigarette hat von allem ein Vielfaches mehr, als die Luft an einer belasteten Innenstadtkreuzung. Allerdings ist das eben eine freie Entscheidung. Der Gesetzgeber ist nur verpflichtet, unbeteiligte Dritte zu schützen - ob vor Autoabgasen oder Zigarettenrauch. 

Fazit: Kreuzfahrtschiffe stoßen große Mengen Feinstaub aus und verschmutzen die Luft. Doch das ändert nichts an dem großen Anteil der Diesel-Pkw an der NOx-Belastung in deutschen Innenstädten.

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