Wahlplakate von Angela Merkel und Martin Schulz | Bildquelle: REUTERS

Studie zur Bundestagswahl 2017 "Viele kleine Fake News"

Stand: 26.03.2018 18:13 Uhr

Die großen Fake News blieben im Bundestagswahlkampf 2017 aus. Das bestätigt nun eine Studie der "Stiftung Neue Verantwortung". Doch die Analyse von zehn Fallbeispielen offenbart interessante Details.

Von Wolfgang Wichmann, tagesschau.de

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Wolfgang Wichmann, tagesschau.de

Vor der Bundestagswahl 2017 war die Verunsicherung groß: Nach den Erfahrungen aus dem US-Wahlkampf erwarteten viele auch hierzulande eine Beeinflussung des Wahlkampfs - etwa durch die massive Verbreitung von Falschnachrichten. Auf insgesamt 103 Seiten hat ein dreiköpfiges Autorenteam im Auftrag der "Stiftung Neue Verantwortung"(SNV) das Phänomen Fake News im Wahlkampf 2017 untersucht - dazu deren Verbreitungswege und Reichweiten. Das Ergebnis bestätigt im Kern die bisherigen Erkenntnisse: Die große Flut von Fake News, gesteuert aus dem Ausland, ist während des Bundestagswahlkampfes ausgeblieben.

Doch die umfangreiche Studie basiert auf einem Methodenmix und der Auswahl von zehn Beispielfällen präsentiert erstmals entsprechend detaillierte Erkenntnisse rund um relevante Fake-News-Meldungen aus den Wochen vor der Wahl im September 2017.

Von Schorndorf bis G20

In den ausgewählten Beispielfällen finden sich mehrere Meldungen, über die auch der ARD-faktenfinder seinerzeit berichtete und dabei richtig stellte: etwa die falsch wiedergegebene Aussage der Theologin Margot Käßmann auf dem Kirchentag in Berlin, die Falschmeldung der "Bild" über einen angeblich durch einen Böller erblindeten Polizisten beim G20-Gipfel in Hamburg oder die falschen Deutungen zu Gewalt und Flaschenwürfen auf einem Volksfest im baden-württembergischen Schorndorf. Darüber hinaus flossen aber auch Erkenntnisse über die Verbreitung von Satire-Nachrichten in die Auswertung ein: etwa zur Verbreitung der Falschnachricht des Künstlerkollektivs Peng, wonach Menschen per Online-Portal ihre Wahlstimme an nicht-wahlberechtigte Personen, beispielsweise Flüchtlinge, übertragen konnten.

Fake News vor allem von rechts

Im Ergebnis der Studie wird deutlich: Als Urheber und Absender von Fake News traten vor der Bundestagswahl 2017 - anders als von vielen erwartet - keine Akteure aus Russland in Erscheinung. Vielmehr seien die Quellen für Falschmeldungen hierzulande am rechten Rand zu suchen:

Fake News, so wie sich das Phänomen in Deutschland empirisch darstellt, werden vor allem von den Rechten, RechtspopulistInnen und Rechtsextremen verbreitet.

Besonders auffällig agierten demnach Vertreter der Alternative für Deutschland: Sieben der zehn untersuchten Fälle seien von AfD-Accounts verbreitet worden - darunter die reichweitenstarke Facebookseite der Bundespartei oder das Profil des Bundesvorsitzenden Jörg Meuthen.

"Stiftung Neue Verantwortung"

Die Stiftung beschreibt sich selbst als Think Tank für die Gesellschaft im technologischen Wandel. Als "unabhängige Denkfabrik" habe sie zum Ziel, konkrete Ideen für die aktuellen Herausforderungen des technologischen Wandels zu entwickeln. Um eine inhaltliche Unabhängigkeit zu gewährleisten, wird die Organisation mit Sitz in Berlin aus Stiftungen, öffentlichen Geldern und von Unternehmern finanziert.

Redaktionelle Medien sorgen für Verbreitung

Der Untersuchung zufolge spielt bei der Verbreitung in den sozialen Medien vor allem Facebook eine zentrale Rolle. Der Kurznachrichtendienst Twitter sei dagegen "mehr als zweitrangig". Aber auch die redaktionellen Medien sind laut Forschern von Bedeutung: "mal als versehentlicher Katalysator, mal als bewusster Auslöser, zumeist allerdings als kritisches Korrektiv und Richtigsteller falscher Informationen, wie Süddeutsche.de oder der faktenfinder der Tagesschau". Besondere Kritik äußerten die Autoren an zwei Online-Medien:

Manche Medien dagegen machen sich auffallend oft zum Verbreiter falscher Informationen, wie Bild.de oder Welt.de. Sei es aus ökonomischen Gründen, weil sich bestimmte Nachrichten „besser verkaufen", oder aufgrund extrem ungenauer journalistischer Arbeit, kann von außen nicht beurteilt werden.

Die Forscher betonen die besondere Verantwortung für Nachrichtenagenturen wie die dpa, deren unsauberes Arbeiten in zwei Fällen negativ bei der Verbreitung falscher Informationen auffiel.

"Innere Sicherheit und Flüchtlingskrise"

Eine Veröffentlichung gestohlener oder manipulierter Dokumente, die zuvor bei Hackerattacken gegen den Bundestag erbeutet worden waren, blieb im Wahlkampf aus. Stattdessen gab es der Studie zufolge "viele kleine Fake News" aus den Themenfeldern "Innere Sicherheit" und "Flüchtlinge und Kriminalität". Von den zehn Beispielfällen erzielte demnach der Fall Schorndorf "die mit Abstand größte Reichweite". Dabei sei die "Lebensdauer" von Falschnachrichten nicht besonders lang:

Was den Lebenszyklus betrifft, sind die meisten Fake News nicht sonderlich lange in der Welt. Nach etwa drei bis fünf Tagen hat sich die Debatte in der Regel gelegt.

Falschmeldungen mit höherer Reichweite

Dennoch erreichten die Falschmeldungen laut Studie - und das deckt sich mit bisherigen Erkenntnissen der Forschung - in der Regel viel mehr Leser, als deren Richtigstellung: So erzielten "alle Fake News grundsätzlich deutlich höhere Reichweiten als ihr Debunking", stellt die Studie fest. Mehrere Gründe seien dafür ausschlaggebend: die Funktionslogik der sozialen Medien einerseits, die verzögerte Veröffentlichung von teils aufwendigen Richtigstellungen und das Problem, dass diese Richtigstellungen dann oft die Abnehmer von Fake News nicht erreichten:

Wer den Fake News der AfD oder der Epoch Times bei Facebook aufgesessen ist, wird freilich nicht parallel dazu die Seiten des faktenfinders konsumieren, um herauszufinden, ob das eben gelesene Richtigkeit im Angesicht der Fakten behält. Das heißt: Das Debunking kommt dort, wo es gebraucht wird, in der Regel nicht an.

Verdruss über klassische Medienangebote

Um die Auswirkungen von Fake News auf die Wähler zu untersuchen, wurden im Auftrag der Autoren direkt nach der Bundestagwahl Befragungen durchgeführt. Wie bereits in einer Vorabveröffentlichung im Oktober 2017 deutlich wurde, gibt es demnach Grund anzunehmen, "dass es abgekoppelte Gruppen von Wählern gibt, deren Vertrauen in klassische Medienangebote so gering ist, dass sie sich in 'alternativen Medienrealitäten' in ihren eigenen Echokammern bewegen".

Methodik mit fünf Schritten

Die der Studie zugrunde liegende Methode war von den Autoren bereits im Dezember in einer gesonderten Veröffentlichung vorgestellt wurden: Demnach wurden zunächst relevante Fake-News-Fälle identifiziert und kategorisiert. Zur weiteren Analyse und Verbreitung wurden technische Lösungen und eine inhaltsbezogene Kategorisierung eingesetzt. Diese Daten wurden abschließend ergänzt durch die Befragung von Wählern, denen unter anderem Fragen zur Mediennutzung, zur Glaubwürdigkeit von Medienangeboten und zur Erinnerung an einzelne Fake-News gestellt wurden.

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