Wolken über Bayern | Bildquelle: dpa

Manipulierte Fotos erkennen "Wolkenmuster wiederholen sich nicht"

Stand: 19.05.2017 10:57 Uhr

Bilder haben scheinbar Beweiskraft und sie können vom Gehirn leicht erfasst werden. Deswegen verbreiten sich Foto-Fakes in Sozialen Netzwerken besonders schnell. Der Foto-Forensiker Jens Kriese erklärt, wie man solche Fälschungen erkennen kann.

ARD-faktenfinder: Warum sind Bilder so wirkungsmächtig?

Jens Kriese: Die Wirkungsmacht ist darauf zurückzuführen, dass wir uns visuellen Reizen kaum verschließen können. Die Augen sind immer auf. Und wir sind evolutiv darauf getrimmt, dem zu glauben, was wir sehen. Diese Lücke kann man ausnutzen und entsprechend Bilder auf den Betrachter einfließen lassen, die eine bestimmte Intention verfolgen. Man kann das Abgebildete verzerrt darstellen oder aus dem Zusammenhang gerissen, was viel einfacher, ist als eine Fälschung und auch viel häufiger geschieht.

ARD-faktenfinder: Wann sprechen Sie von einer Fälschung?

Kriese: Fotografie war schon immer nicht nur das Abbilden der Realität, sondern auch Kunst. Prinzipiell ist es Definitionssache. Ein Regelverstoß wäre aber beispielsweise eine Kopier-Retusche, mit der man eine Bildregion vom Punkt A zum Punkt B verlegt. Hier ist die Grenze der Bearbeitung überschritten.

alt Jens Kriese, Experte für digitale Bildforensik

Zur Person

Jens Kriese ist Experte für digitale Bildforensik. Der Diplom-Biologe kombinierte seine Kompetenzen in den Bereichen Programmierung, Bildbearbeitung und Fotografie. Heute beschäftigt er sich mit Methoden zur Erkennung der Bearbeitung und Manipulationen von digitalen Bilddaten.

ARD-faktenfinder: Geben Sie bitte ein Beispiel für eine technische Manipulation.

Kriese: Es gibt leicht erkennbare Fälle und schwere, die Experteneinschätzungen bedürfen. Ein leicht erkennbares Beispiel ist ein Bild eines Fotografen der Agentur Reuters aus dem Jahr 2006. Er hatte Rauchwolken nach einem israelischen Bombenangriff auf Beirut verstärkt. Dabei brachte er den Photoshop-Stempel zum Einsatz. Das Ganze sah so dilettantisch aus, dass die Redaktion bei bloßer Betrachtung darüber hätte stolpern müssen. Wolken weisen keine sich wiederholenden Mustern aus. Sie haben immer eine relativ unregelmäßige Struktur. Ein anderes Beispiel: Das Greenwashing in der BP-Affäre. Stichwort Deepwater Horizon. Der Konzern bemühte sich, alles sauber aussehen zu lassen, um den Anschein von Kontrolle der Situation zu wecken. Ein Fotograf hatte es eventuell etwas übertrieben.

ARD-faktenfinder: Inwiefern übertrieben?

Kriese: Er hatte ganz klar aus den Fotos Urlaubsfarben herausgekitzelt, die Farbsättigung sehr stark erhöht, so dass der Himmel immer rein blau erschien und die Anzüge der Arbeiter immer rein weiß. Irgendwann hat er sich ein bisschen übereifert. Es wurde beispielsweise ein Bild veröffentlicht, wo Piloten in einem Helikopter-Cockpit sitzen und im unteren Bildbereich sah man noch die Landeplattform. Das war dem Fotografen nicht aktionsreich genug, deshalb hat er die Heli-Plattform wegretuschiert und so den Eindruck erweckt, dass die Piloten bereits in der Luft sind, um das Chaos zu managen.

ARD-faktenfinder: Ist der Schattenwurf ein Merkmal, auf das man achten sollte?

Kriese: Fehlende Schatten sind ein Hinweis auf plumpe Manipulation. Generell ist es in der Praxis aber viel schwieriger. Die Geometrie des Schattenwurfes ist nicht immer laienverständlich. Ein sehr gutes Beispiel: Es gibt Leute, die glauben nicht an die amerikanische Mondlandung. Sie führen ein Bild an, bei dem die beiden Schatten der Astronauten nicht so verlaufen, dass es geometrisch plausibel scheint. Das liegt aber an der Oberfläche des Mondes. Die Astronauten befinden sich an einem Kraterrand. Wie sich dort der Schattenwurf verhält, ist Laien meist nicht klar. Nehmen Sie zuhause Spielfiguren und stellen sie sie in einen Suppenteller - ähnlich wie bei den Astronauten am Kraterrand - und sie werden sehen, dass die Schatten nicht so fallen, wie es plausibel scheint.

Drei Schritte, um mögliche Manipulationen zu erkennen
18.05.2017

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ARD-faktenfinder: Woran erkennt ein Laie Bildmanipulationen?

Kriese: Zum Beispiel an unnatürlichen Mustern und Wiederholungen - genau wie an unnatürlichen Farben. Wenn Objekte übersättigt aussehen oder zu blass, sollte das einen irritieren. Genauso wie Retusche-Artefakte. Fälschungen entstehen oft unter Zeitdruck. Stehengebliebene Elemente wie eine Fußspitze oder doppelte Bildartefakte können erste Hinweise für den Laien sein. Auch harte Übergänge in Bildbereichen, die nicht plausibel erscheinen, deuten auf Fotocollagen hin. Nicht zu vergessen: die inszenierte Bildwirkung. Viel einfacher als die Bearbeitung am Computer ist es tatsächlich, Dinge zu inszenieren. Ein Tierfotograf etwa, der einen dressierten Wolf über einen Zaun springen lässt. Dabei würde ein wildes Tier stets versuchen, unter dem Zaun durchzukriechen.

ARD-faktenfinder: Wie verfährt man bei der Überprüfung von Videomaterial?

Kriese: Man sollte darauf achten, dass sich beispielsweise ein geworfener Ball in einem Video nicht anders verhalten darf als in der Physik der realen Welt. Diese Parameter werden von Fälschern oft nicht bedacht und entsprechend nachgestellt. Und dann bewegt sich der Ball eben nicht auf der Wurfparabel.

Das Interview führte Verena Stöckigt, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. Januar 2017 um 20:00 Uhr.

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