Eine Journalistin fotografiert im NS-Dokumentationszentrum einen antisemistischen Kiebezettel | Bildquelle: dpa

Historische Fake News Gerüchte, Hetze und Propaganda

Stand: 04.04.2017 14:21 Uhr

Bisweilen wird so getan, als seien Fake News ein völlig neues Phänomen. Doch das Streuen gezielter Gerüchte und die Manipulation der öffentlichen Meinung existieren seit Jahrhunderten.

Von Andrej Reisin, NDR

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Andrej Reisin, NDR

Am 13. April 1844 druckte die "New York Sun", damals eine der auflagenstärksten Zeitungen der USA, die sensationelle Neuigkeit, dass der Ballonfahrer Monck Mason in einem 75-Stunden-Flug den Atlantik überflogen hätte. Zum ersten Mal sei der Ozean von einem Menschen in der Luft überquert worden. Die Geschichte verbreitete sich wie ein Lauffeuer und wurde von vielen großen Zeitungen nachgedruckt - obwohl sie frei erfunden war.

Sie stammte vom amerikanischen Schriftsteller Edgar Allen Poe, der zu den Pionieren der Krimi- und Science-Fiction-Genres zählt. Der einzig wahre Teil war die Existenz eines Ballonfahrers namens Monck Mason, der 1836 von London ins deutsche Weilburg geflogen war und ein Buch über seine Reise geschrieben hatte. Obwohl Poe den Schwindel am nächsten Tag aufdeckte und die Zeitung die Geschichte widerrief, fand sie weite Verbreitung in den gesamten Vereinigten Staaten.

Edgar Allen Poe | Bildquelle: picture alliance / United Archiv

Edgar Allan Poe war ein Pionier des Science-Fiction-Genres.

In der derzeitigen medialen Debatte geht zuweilen unter, dass das Streuen falscher Gerüchte und die Manipulation der öffentlichen Meinung alles andere als neue Phänomene sind. Praktisch mit Beginn des Buchdrucks vor gut 500 Jahren begannen auch gedruckte Falschmeldungen zu kursieren. Doch sogar schon im antiken Rom überzog Octavian seinen Gegenspieler Marcus Antonius mit Lügengeschichten, die dem späteren Kaiser Augustus helfen sollten, den Bürgerkrieg zu gewinnen.

Vom "Pasquill" zur "Ente"

In derselben Stadt versuchte der Dichter Pietro Aretino gut 1500 Jahre später die Papstwahl zu beeinflussen, indem er ab 1521 satirische und bösartige Schmählieder auf die Kandidaten verfasste. Ausgenommen davon war lediglich das von ihm bevorzugte Mitglied der Familie Medici, das ihn bezahlte. Da er seine Pamphlete an eine Pasquino genannte Statue heftete, wurde daraus eine literarische Gattung, das Pasquill bzw. die Pasquinade, worunter man eine in der Absicht der Verleumdung verfasste Schmähschrift versteht.

Im 17. Jahrhundert entstand in Paris eine populäre Form der fantastischen gedruckten Geschichten: die sogenannten "Canards". Während das Wort im Französischen bis heute als ein Synonym für Zeitungen gilt, setzte sich im Englischen und in der deutschen Übersetzung eine andere Bedeutung durch. Obwohl die genaue Begriffsherkunft ungeklärt ist, weiß heute jeder, was eine "Canard" ("Ente") in Bezug auf die Presse ist: eine Falschmeldung.

Die "Yellow Press" und ihre Folgen

Als im 19. Jahrhundert die moderne Zeitung entstand, gehörten erfundene Geschichten zum regulären Geschäft der Zeitungen. Edgar Allen Poe war keinesfalls der einzige berühmte Schriftsteller, der seine Mitmenschen hereinlegte: So veröffentlichte Mark Twain am 4. Oktober 1862 die Zeitungsgeschichte eines versteinerten Mannes. Obwohl die Illustration der vermeintlichen Mumie ihren Findern mit beiden Händen eine lange Nase drehte, wurde die Story von Zeitungen in den gesamten USA aufgegriffen und laut Twain sogar nach London telegrafiert (was allerdings ebenfalls umstritten ist). Wiederum in der "New York Sun" erschien 1835 eine frei erfundene Serie über die angebliche Entdeckung einer außerirdischen Zivilisation auf dem Mond.

Der Autor Mark Twain

Veröffentlichte eine Geschichte über einen versteinerten Mann: der Autor Mark Twain

Die sogenannte "Yellow Press" (nach der Farbe der Tinte), die auf Deutsch bis heute "Regenbogenpresse" genannt wird, verstand es mit sensationsheischenden Schlagzeilen und Geschichten Auflage zu machen, das Verhältnis zur Wahrheit war (und ist) dagegen flexibel. Auch Zeitungs- und Verlegergrößen wie Joseph Pulitzer und William Randolph Hearst beteiligten sich an der Verbreitung falscher oder sinnentstellter Nachrichten.

Kriegshetze und politische Propaganda

So waren ihre Publikationen maßgeblich an der Herbeiführung des Spanisch-Amerikanischen Krieges von 1898 beteiligt: Als es am 15. Februar an Bord der "USS Maine" im Hafen von Havanna auf Kuba zu einer verheerenden Explosion kam, beschuldigten die Zeitungen Spanien der Urheberschaft. Hearst wies seinen Korrespondenten in Havanna an, dieser solle die Bilder beschaffen, dann werde er - also Hearst - den Krieg beschaffen ("You furnish the pictures. I'll furnish the war").

In gleicher Manier beteiligten sich die Publikationen Europas vor und im Ersten Weltkrieg an der Kriegspropaganda. Britische Zeitungen vermeldeten, die Deutschen würden "Kadaververwertungsanstalten" betreiben, in denen die Körper der Gefallenen zu Seife, Kerzen und anderem verarbeitet würden. In Wien zürnte der Kritiker Karl Kraus über den "Untergang der Welt durch Schwarze Magie", womit er die Pressetinte meinte - und verfasste sein Weltkriegsdrama "Die letzten Tage der Menschheit", das zu mehr als einem Drittel aus Pressezitaten bestand und die publizistische Kriegsbegeisterung anprangerte.

Antisemitische "Fake News"

Nur kurze Zeit später entfachte die Hetze der Nationalsozialisten ihre verheerende Wirkung. Doch waren die Propaganda-Organe der NSDAP keinesfalls die ersten, die antisemitische Gerüchte und Lügen verbreiteten, diese haben eine lange Tradition. Schon Jahrhunderte zuvor, an Ostern 1475, war im oberitalienischen Trient das Kind Simon, Sohn eines deutschen Gerbers, als vermisst gemeldet worden. Als der Leichnam des Jungen in einem Graben unter dem Haus des jüdischen Gemeindevorstehers gefunden wurde, ließ man mehrere Juden sofort festnehmen und foltern. In der Folge gestanden Dutzende Verdächtige, den kleinen Simon rituell zu Tode gefoltert zu haben, um den Juden christliches Blut zu beschaffen.

Obwohl selbst der päpstliche Gesandte zu dem Schluss kam, die Juden seien unschuldig, wurde Simon jahrhundertelang als Märtyrer verehrt - und zum Vorbild zahlreicher anderer Opferkulte. Erst 1965 wurde die Legende von der Kirche verworfen, dennoch lebt sie genau wie zahlreiche andere Ritualmordlegenden bis heute in antisemitischen Publikationen, Webseiten und Traditionen fort.

Lügen wie gedruckt

Die politische Propaganda nimmt im Reich der Falschmeldungen und Gerüchte in Zeitungen und Nachrichtenmedien einen eigenen Platz ein: Von der "Dolchstoßlegende", wonach Deutschland im Ersten Weltkrieg militärisch unbesiegt geblieben, aber von Demokraten, Kommunisten und Juden an der "Heimatfront" verraten worden sei, über den angeblichen polnischen Überfall auf den Sender Gleiwitz, der als ein Vorwand für den deutschen Angriff auf Polen diente - bis hin zur Propaganda des Kalten Krieges. Auch wenn nur die Sowjets die Chuzpe hatten, ihr Zentralorgan "Prawda" auf Russisch gleich zur "Wahrheit" zu erheben - so scherten sich doch beide Seiten zuweilen nur bedingt um Fakten.

Was sind Fake-News?
tagesschau 12:00 Uhr, 03.04.2017, Nea Matzen, ARD-aktuell

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Journalismus als stets umkämpftes Terrain

Dennoch setzte sich parallel zur Propaganda in demokratischen Staaten auch die Erkenntnis durch, dass faktenbasierte Berichterstattung einen Wert an sich darstelle. 1921 formulierte der Herausgeber des britischen "Guardian" anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Zeitung sein berühmtes Diktum: "Comment is free, but facts are sacred" ("Der Kommentar ist frei, aber die Fakten sind heilig"). Die Trennung von Nachricht und Meinung als ethischer Standard einer freien und unabhängigen Presse war geboren.

alt Das Tagesschaulogo und das Wort Faktenfinder.

Hinweise auf Fake News

Haben Sie gezielte Falschmeldungen entdeckt? Schreiben Sie uns: redaktion@tagesschau.de - Stichwort faktenfinder.

Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte sich die Auffassung einer Presse als aufklärerische "Vierte Gewalt". In den meisten Demokratien - darunter in Deutschland - genießt die Pressefreiheit Verfassungsrang. Damit verbunden bleibt die Vorstellung, dass in einem demokratisch verfassten Gemeinwesen auf gemeinsamer Faktenbasis unterschiedliche Auffassungen diskutiert und vertreten werden. Natürlich blieb die Vorstellung eines objektiven Journalismus umstritten. Doch mit dem Aufkommen von vornehmlich Internet- und Social-Media-basierten "Fake News" wird der Konsens einer gemeinsamen Faktenbasis wieder ernsthaft in Frage gestellt.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. April 2017 um 12:00 Uhr und die tagesthemen am 03. April 2017 um 22:25 Uhr.

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