Das Facebook-Icon spiegelt sich in einer Pupille | Bildquelle: REUTERS

Anti-Fake-News-Kampagne Facebook lobt seine Faktenprüfer

Stand: 13.10.2017 16:23 Uhr

Facebook wertet seine Zusammenarbeit mit externen Faktenprüfern offenbar als Erfolg: Einer ersten Datenauswertung zufolge verlieren als Falschnachricht markierte Beiträge 80 Prozent ihrer Reichweite. Doch es gibt auch Kritik: Das Verfahren dauere zu lange.

Von Wolfgang Wichmann, tagesschau.de

Es ist nur eine kurze E-Mail, die der Chef der Facebook-Abteilung "News Partnership", Jason White, an die Kooperationspartner verschickte. Aber sie enthält zum ersten Mal Zahlen zur Anti-Fake-News-Kooperation des Unternehmens mit externen Faktenprüfern. Auf der Website des US-Medienunternehmens Buzzfeed ist die gesamte E-Mail nachzulesen.

Bislang hatte Facebook stets erklärt, dass ein Beitrag nach einer negativen Faktenprüfung deutlich weniger oft in die Timelines der User ausgespielt wird als zuvor. Demnach verhindert der Algorithmus, dass ein als Falschnachricht gekennzeichneter Beitrag im Netzwerk viral wird. Zahlen gab es dazu aber bislang nicht.

Über mehrere Wochen habe man die verfügbaren Daten sehr genau analysiert, heißt es nun in dem Schreiben von White. Nachdem Beiträge von externen Faktenprüfern als falsch markiert wurden habe man deren Reichweite um 80 Prozent reduzieren können.

We have been closely analyzing data over several weeks and have learned that once we receive a false rating from one of our fact checking partners, we are able to reduce future impressions on Facebook by 80 percent.

Selbstkritik: Faktenprüfung dauert zu lange

Allerdings, so heißt es weiter, blieben immer noch zu viele Falschnachrichten unentdeckt. Und es dauere meist zu lange, bevor Falschmeldungen als solche enttarnt würden - in der Regel länger als drei Tage. Gründe dafür sind offenbar ein zeitintensiver Meldevorgang bei Facebook selbst und eine oft aufwendige Überprüfung bei den Kooperationspartnern. Dabei ist bekannt, dass Falschnachrichten genau in dieser ersten Phase nach der Veröffentlichung die größte Reichweite generieren.

White appelliert an die Faktenprüfer: Das vorrangiste Anliegen bestehe darin, Falschmeldungen noch früher zu kennzeichnen. Die Geschwindigkeit zu steigern, dürfe aber nicht dazu führen, Dinge falsch zu machen: "Es ist wichtig, die Geschwindigkeit und Effektivität zu erhöhen, es ist aber genauso wichtig, dass wir es richtig machen und legitime Meinungsäußerungen nicht einschränken." Weitere Details aus der genannten wochenlangen Datenauswertung liefert Facebook - auch auf Anfrage - nicht.

In Deutschland prüft Correctiv

Nach teils heftiger Kritik für die unkommentierte Verbreitung von Falschnachrichten unter anderem im US-Wahlkampf, hatte Facebook im Dezember 2016 die Zusammenarbeit mit unabhängigen Faktenprüfern angekündigt. Beteiligt sind dort ABC News, die Agentur AP und die Portale PolitiFact, FactCheck.org und Snopes.

Im Frühjahr wurde der Plan dann auch für Facebook in Deutschland realisiert. Einziger Kooperationspartner hier ist das Recherchezentrum Correctiv mit Büros in Berlin und Essen. Erkenntnisse über geprüfte Facebook-Beiträge werden neben anderen unter dem Titel "EchtJetzt" online veröffentlicht. Ziel der Kooperation mit Facebook ist nach Correctiv-Angaben: schnell Falschmeldungen als solche kennzeichnen und ihre Verbreitung eindämmen. 

Kritik an Anti-Fake-News-Strategie

Auch Correctiv veröffentlichte die Facebook-Zahlen zur Anti-Fake-News-Kooperation auf seiner Website. Dass die Kooperation mit externen Faktenprüfern auch kritisch gesehen wird, verschweigt das Recherchezentrum dabei nicht: Während Facebook stets von einer erfolgreichen Strategie spricht - ohne konkrete Zahlen zu nennen - verweist Correctiv auf eine Studie der Yale Universität, die nur eine geringe Auswirkung auf die Wahrnehmung von Falschnachrichten festgestellt hatte. Eine als falsch markierte Nachricht führt der Studie zufolge nur bei sehr wenigen Lesern dazu, dass diese Nachricht auch tatsächlich als falsch beurteilt wird. Die von Facebook eingegangenen Kooperationen seien deshalb bei Weitem nicht ausreichend, so das Fazit der Forscher, um dem Problem von Falschmeldungen im Internet erfolgreich etwas entgegen zu setzen.

Aber das Recherchezentrum Correctiv selbst war zuletzt auch kritisiert worden: So hatte Journalismusforscher Volker Lilienthal von der Universität Hamburg für eine Fallstudie die Arbeit von Correctiv analysiert. Zur Fact-Checking-Kooperation mit Facebook stellte Lilienthal dabei fest, die Tätigkeit für Facebook sei "eine reine Dienstleistung" und verwässere den Markenkern des Recherchezentrums. Denn, so der Wissenschaftler, bei der Faktenprüfung handele es sich um rückwärtsgewandte Reflexe auf schon veröffentlichtes Material. Die Verbindung zum Recherchejournalismus, verstanden als einer, der Verborgenes und noch nicht Bekanntes ans Licht der Öffentlichkeit bringt, sei nur noch eine sehr lose.

Correctiv: "Der Prozess kann besser werden"

Dem widerspricht Correctiv-Geschäftsführer David Schraven auf Anfrage des ARD-faktenfinders. Die Tätigkeit sei keineswegs eine Dienstleistung für Facebook und werde auch nicht bezahlt. "Wir wählen aus, was wir machen", sagt Schraven und bestätigt die Finanzierung durch die Stiftung Open Society Foundation des ungarischen Milliardärs George Soros in Höhe von etwa 100.000 Euro. Auf der Correctiv-Website heißt es dazu: "Unsere Faktenchecker werden von der Open Society Foundation finanziert. Wir erhalten kein Geld von Facebook."

Schraven ergänzt: "Der Prozess kann wesentlich besser werden." Gemeint ist damit der Austausch mit Facebook über Links und fragwürdige Inhalte, die zur Prüfung vorgeschlagen werden. Oft seien die Informationen dazu nicht zufriedenstellend. Ganz der Tätigkeit entsprechend wünschen sich die Correctiv-Faktenprüfer von Facebook dabei vor allem eins: mehr Genauigkeit.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. Oktober 2017 um 12:24 Uhr und am 30. September 2017 um 13:10 Uhr.

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