Fans und Polizei stehen vor dem Fußballstadion in Dortmund  | Bildquelle: dpa

Nach Anschlag in Dortmund Ist das Bekennerschreiben der Antifa ein Fake?

Stand: 12.04.2017 14:53 Uhr

Nach dem Anschlag auf den BVB-Bus ist im Netz ein zweites Bekennerschreiben aufgetaucht. Demnach soll "die Antifa" hinter der Attacke stehen. Allerdings wirkt das Schreiben wenig authentisch. Rechtsradikale machen dennoch bereits Stimmung damit.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

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Patrick Gensing, tagesschau.de

"Antifa bekennt sich zu Anschlag auf BVB-Bus" - das vermeldet heute Morgen als erstes die Seite "PI-News". Bei dem Portal handelt es sich um eine der einflussreichsten rechtsradikalen Internet-Seiten in Deutschland, auf dem kontinuierlich gezielt Stimmung gegen politische Gegner, Journalisten und vor allem Minderheiten gemacht wird.

Die Basis für die Meldung von "PI-News" zu dem angeblichen Bekennerschreiben ist dünn: "PI-News" bezieht sich auf einen anonymen Eintrag auf der Seite "Indymedia". Dabei handelt es sich um ein Internet-Projekt der linksradikalen Szene, das zur Vernetzung, Diskussionen und Mobilisierung zu Demonstrationen genutzt wird. Auch Bekennerschreiben von beispielsweise linksradikalen Gruppen aus Griechenland wurden hier bereits veröffentlicht. Auf "Indymedia" kann generell jeder anonym Inhalte einstellen.

Fake-Bekennerschreiben

Das angebliche Bekennerschreiben auf "Indymedia".

Genau dies ist gestern Abend um 23:53 Uhr geschehen. Ein unbekannter Nutzer mit dem Namen "Antifa" vermeldete:

Wir haben heute den Bus des BVB mit eigens hierfür angefertigten Sprengsätzen attackiert. Der Bus ist hierbei ein Symbol für die Politik des BVB, die sich nicht genügend gegen Rassist_innen, Nazi_innen und Rechtspopulist_innen einsetzt. Im Gegenteil dürfen seit Jahren auch Mensch_innen mit einer menschenverachtenden Gesinnung ins Stadion, anstatt lokale Antifaschist_innen zu Rate zu ziehen, um solches Gedankengut aus dem Stadion zu verbannen.  Der Bus war hierbei nur ein Symbol und keinesfalls waren die Spieler_innen Ziel dieser symbolischen Tat, jedoch auch sie taten in der Vergangenheit zu wenig für eine antifaschistische Stadionszene.  Kein Fußbreit den Faschist_innen! Antifa heißt Angriff! Deutschland verrecke!

Offenkundig hat hier jemand versucht, Parolen und Sprachcodes der linksradikalen Szene zu imitieren - beispielsweise, indem eine Feminin-Endung wie "Nazi_innen" oder "Rechtspopulist_innen" benutzt wird. Allerdings hat sich der Urheber sonst wenig Mühe gemacht, denn die inhaltliche Begründung für das angebliche Motiv des Anschlags ist nur sehr knapp formuliert. Für die linke Szene, die zu sehr ausführlichen theoretischen Abhandlungen neigt, eher untypisch.

Weder der Inhalt und die Form des Schreibens lassen es also authentisch erscheinen. "PI-News" meldet dennoch faktisch, die Antifa habe sich zu dem Anschlag bekannt. Auf "Indymedia" vermutete hingegen bereits der erste Kommentator, es handele sich um ein "nazifake" - also eine Fälschung, die mutmaßlich von Rechtsextremen veröffentlicht wurde, um den Verdacht auf die Antifa als Täter zu lenken. Kurze Zeit später wurde die Seite mit dem angeblichen Bekennerschreiben von den "Indymedia"-Betreibern gesperrt.

Falsches Bekennerschreiben zu Anschlag in Dresden

Ähnlich war es nach einem Anschlag in Dresden im September 2016, als ein gefälschtes Bekennerschreiben aufgetaucht war, das bundesweit für Aufsehen sorgte. Sachsens Innenministers Markus Ulbig berichtete damals sogar im ZDF-Morgenmagazin sowie im Sächsischen Landtag über das Schreiben, das ebenfalls auf "Indymedia" erschienen war. Darin hieß es, die "Antifa Dresden" habe die Anschläge verübt.

Allerdings distanzierte sich die genannte Gruppe umgehend von dem Bekennerschreiben und bezeichnete es als Fälschung. Auch auf "Indymedia" wurde es nach wenigen Stunden wieder gelöscht. Verbreitet wurden Screenshots von dem Schreiben zunächst vor allem von Rechtsradikalen. Am folgenden Tag informierte Ulbig dann die große Öffentlichkeit über das Papier. Einige Tage später sagte der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Dresden auf Anfrage von tagesschau.de, das Schreiben sei eine Fälschung. Später stellte sich heraus, dass es bei dem Hauptverdächtigen um einen Rechtsradikalen handelt.

Auch im aktuellen Dortmunder Fall ist das angebliche Bekennerschreiben auf "Indymedia" umgehend von den Betreibern gelöscht worden. Doch durch die Berichterstattung auf "PI-News" verbreitet sich die Geschichte nun im Netz, mittlerweile berichten auch große Medien, dass die Ermittler das Schreiben prüften.

Attacke auf politische Gegner

Auf rechtsradikaler Seite belässt man es aber nicht dabei, das angebliche Bekennerschreiben als authentisch zu verbreiten, sondern nutzt den Anschlag bereits, um gezielt politische Gegner zu attackieren. So heißt es in dem Artikel auf "PI-News":

Seit Jahren terrorisieren die Linken dieses Land und jenen Teil der Bürger, deren Meinung ihnen nicht passt. Sie drohen, erpressen und wenn das nichts nützt werden sie gewalttätig. Gerade die SPD schützt und unterstützt diese Verbrecher und wird es wohl auch weiterhin tun.

Namentlich wird Justizminister Heiko Maas in dem Artikel erwähnt, eine Vorlage, die eine andere Internet-Seite aufnimmt und schreibt:

Ob das Schreiben authentisch ist, ist noch nicht geklärt. Auffällig ist freilich, dass ausgerechnet Justizminister Heiko Maas gestern schon kurz nach dem Vorfall sein Bedauern über den Vorfall twitterte. Der MDR berichtete bereits vor geraumer Zeit, von dem Gerücht, dass der Sohn des Politikers bei der Antifa aktiv sei.

So wird bereits der Nährboden für neue Verschwörungstheorien bereitet: Der Anschlag in Dortmund sei von der Antifa verübt worden, die SPD unterstütze die Antifa - und der Bundesjustizminister habe auffällig schnell sein Beileid bekundet, was offenbar suggerieren soll, er sei möglicherweise ein Mitwisser.

Polizei spricht von Gerüchten

Nach den vorliegenden Informationen lässt sich nicht sagen, wer hinter dem Anschlag von Dortmund steckt.

Auf Anfrage teilte die Polizei Dortmund mit, man könne sich nicht zu dem Inhalt des am Tatort gefundenen Bekennerschreibens äußern. Auf Nachfrage, was von dem vermeintlichen Bekennerschreiben auf "Indymedia" zu halten sei, sagte der Sprecher der Polizei, dies seien Gerüchte. Die Bundesanwaltschaft teilte mittlerweile in einer Pressekonferenz mit, man habe erhebliche Zweifel an der Echtheit des Bekennerschreibens.

Was ist vom Bekennerschreiben der Antifa zu halten?
12.04.2017

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