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Amnesty-International-Projekt Verbrechen per Video entlarven

Stand: 08.11.2017 16:25 Uhr

Youtube-Videos aus Aleppo, Twitterfotos aus Kongo - immer häufiger nutzen Aktivisten Material aus den sozialen Medien, um Menschenrechtsverletzungen zu belegen. Aber kann man den Bildern trauen? Amnesty International hat dazu ein Verifizierungsnetzwerk aufgebaut.

Von Kristin Becker, SWR

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Kristin Becker, SWR

Ein pinkfarbenes Haus, ein großer Baum, eine Moschee im Hintergrund. Im Nachhinein wirkt es so einfach, wenn Olivia Iannelli erklärt, wie sie den Ort bestimmt hat, an dem ein Video über einen Streubombenangriff in Syrien aufgenommen wurde. Tatsächlich hatte es Stunden gedauert, bis die 25-jährige Engländerin die Bilder verifizieren konnte. Erfolg braucht Zeit. Nicht immer, sagt sie, gibt es am Ende ein Ergebnis.

Iannelli analysiert Bildmaterial aus Konfliktgebieten, um zu klären, ob das Aufgenommene wirklich zeigt, was die zugehörigen Beschreibungen behaupten. Hilfreich ist dabei, dass die Studentin mehrere Sprachen beherrscht, darunter Arabisch. Sie hat in Jordanien gelebt, hat einen Teil ihrer Kindheit in der Türkei verbracht. Sie ist ein Glücksfall für das "Digital Verification Corps" (DVC) von Amnesty International.

Digitale Aufklärer von Amnesty International untersuchen Bilder von Syriens Fronten
tagesthemen 22:15 Uhr, 08.11.2017, Kristin Becker, SWR

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Wann, wo, wer?

Seit einem Jahr betreibt die Menschenrechtsorganisation Amnesty International dieses internationale Verifizierungsnetzwerk. Auf drei Kontinenten arbeiten rund 100 Studenten an Bildschirmen, um Fotos und Videos aus den sozialen Netzwerken auszuwerten, die mutmaßliche Menschenrechtsverletzungen zeigen. Es sind Bilder von Luftangriffen in Syrien, Foltervideos aus Kamerun oder Aufnahmen von Attacken in Afghanistan. Immer wieder geht es darum: Stimmen die Zuordnungen, von wann, von wo und von wem stammt das Material?

Für das DVC kooperiert Amnesty International mit sechs Universitäten in Kalifornien, Kanada, Großbritannien, Italien und Südafrika. Viele der Studenten kommen aus Europa und Nordamerika, aber auch aus Ländern wie Sudan, Nigeria, Mexiko, Indien oder China.

Unterschiedlichste Hintergründe, verschiedenste Sprachen - das ist eine der Stärken der Studentengruppe. Wichtig ist aber auch, dass es an sich kein Spezialwissen braucht, um mitzumachen. Nötig ist vor allem Durchhaltevermögen. Verifikation bedeutet kleinteiliges Prüfen, akribische Recherche, genaues Draufschauen.

Ermittlungen mit Sonnenstand

Sam Dubberley leitet das "Digital Verification Corps". Er bringt den Studenten bei, wie sie vorgehen müssen, um Material zu verifizieren. Der ehemalige Journalist und sein Team arbeiten mit "Open Source"-Methoden - ihre Mittel und Instrumente sind öffentlich zugänglich. Es geht darum, Recherchen transparent und nachvollziehbar zu machen.

Kartendienste wie Google Earth und Wikimapia dienen zur Ortsbestimmung, Archive wie WolframAlpha helfen dabei, Wetterbedingungen zu prüfen. Auch Informationen zum Sonnenstand und Schattenwurf an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort lassen sich im Netz finden. Besonders wichtig für die digitalen Detektive: die Rückwärtssuche von Bildern. Wurde ein Foto oder Video schon mal an anderer Stelle, vielleicht Monate, Jahre zuvor benutzt?

Digitale Verifikation

Neben dem "Digital Verification Corps" (DVC) von Amnesty International gibt es verschiedene andere Projekte von Menschenrechts- und Netzaktivisten, die sich mit der Prüfung digitaler Inhalte und Material aus sozialen Medien beschäftigen.

So gibt es zum Beispiel das Recherchenetzwerk Bellingcat, das unter anderem durch ausführliche Analysen zum Absturz der Passagiermaschine MH-17 bekannt geworden ist.

Kampf gegen falsche Zuordnungen

Es sind aber nicht erster Linie bewusste Fakes, die den Verifikatoren bei der Suche in den sozialen Netzwerken Mühe machen, sondern falsch zugeordnetes Material. "Das ist nicht unbedingt bösartige Täuschung", meint Olivia Iannelli. "Die Menschen suchen Bilder, die zu ihren Emotionen passen und nehmen dann eben irgendetwas."

Für die Menschenrechtler aber ist entscheidend, dass Bilder und Behauptungen stimmen. "Es geht darum, belastbare Fakten zu sammeln. Wenn man Verantwortliche zur Rechenschaft ziehen will, müssen die Informationen unbedingt richtig sein."

Das betont auch DVC-Chef Dubberley: "Es wäre ein Fehler, Dinge zu veröffentlichen, bei denen wir nicht wirklich sicher sind." Es gehe darum "ehrlich und genau zu sein, also klar zu sagen: Ja, das haben wir herausgefunden - und nein, in diesem Bereich sind wir nicht sicher." Die Verifikationsarbeit steht nicht für sich allein, betont Dubberley. Sie soll Augenzeugenaussagen und Experteneinschätzungen ergänzen und einordnen, kann aber auch dazu dienen, Aussagen zu prüfen, die Behörden veröffentlichen.

Die Aktivisten konnten nachweisen, dass australische Polizisten in Papua-Neuguinea nicht nur in die Luft geschossen hatten.

Die offizielle Version korrigieren

Beispielhaft dafür ist dieser Fall: Zu Ostern fielen Schüsse in der Nähe eines extraterritorialen Flüchtlingscamps, das die australische Regierung auf der Insel Manus in Papua Neuguinea betrieb. Von offizieller Seite wurde der Vorfall zunächst heruntergespielt: Soldaten hätten lediglich in die Luft geschossen.

Das DVC konnte allerdings auf Basis von Videos und Fotos aus den sozialen Netzwerken rekonstruieren, dass die Lage deutlich gefährlicher war als behauptet: "Wir konnten beweisen, dass direkt in das Lager geschossen wurde", so Sam Dubberley. "Die zuständigen Behörden in Papua Neuguinea und Australien mussten daraufhin ihre Darstellung ändern."

Traumata verhindern

Die Krisenherde dieser Welt komprimiert am Laptop analysieren zu können, ist ein Vorteil, wenn Menschenrechtlern die Einreise in bestimmte Länder verweigert wird. Oder es zu riskant ist, in ein Gebiet zu reisen. Vor Querschüssen und Bomben sind die Verifikatoren sicher, nicht aber vor den Folgen, die solche Bilder haben können.

Wieder und wieder dramatische Aufnahmen zu sichten, in denen zum Teil Gräueltaten zu sehen sind, ist nicht harmlos. "Es kann traumatisch sein und zu einer psychischen Belastung werden, solche Inhalte anzuschauen", warnt Dubberley. Deshalb achtet das Team darauf, die Studenten intensiv zu betreuen, um zu verhindern, dass die Arbeit zum Problem für den Einzelnen wird.

Bilder und Videos enthalten viele Details, anhand derer Angaben über Ort und Zeit geprüft werden können.

Digitale Beweismittel

Eine andere Herausforderung liegt in der Flüchtigkeit mancher digitalen Inhalte: Immer schneller löschen die Online-Plattformen Dinge, die sie als anstößig oder extremistisch ansehen. Für Dubberley ist das problematisch, denn auch Videos und Bilder, die Menschenrechtsverletzungen dokumentieren, können davon betroffen sein.

Trotzdem hoffen die Aktivisten, dass durch die digitale Prüfung entsprechendes Material von Facebook, Twitter & Co. auch bei Menschrechtsfällen als Beweismittel vor Gericht genutzt werden kann. Erste positive Anzeichen gibt es. So erließ der internationale Strafgerichtshof in Den Haag kürzlich Haftbefehl gegen einen mutmaßlichen Kriegsverbrecher aus Libyen. Zentrale Grundlage dafür: Videos aus sozialen Netzwerken.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 07. November 2017 um 22:18 Uhr.

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