Rauch über Demonstranten und Hilfs-Lastern an der Grenze zwischen Kolumbien und Venezuela | Bildquelle: AFP

Hilfslieferungen für Venezuela Wer zündete die Lastwagen an?

Stand: 22.03.2019 22:55 Uhr

An der Grenze zwischen Venezuela und Kolumbien brannten Ende Februar Lkw mit Hilfsgütern. Viele Medien, auch die tagesschau, berichteten, für das Feuer seien Regierungsanhänger verantwortlich. Daran gibt es nun Zweifel - ausgelöst wurden sie von der "New York Times", in Deutschland berichtete uebermedien.de.

Es war eine unübersichtliche Lage im Grenzort Cúcuta zwischen Kolumbien und Venezuela im Februar. Seit Wochen schon tobte ein Machtkampf zwischen Präsident Nicolás Maduro und dem selbsternannten Interimspräsidenten Juan Guaidó in Venezuela.

Guaidó hatte angekündigt, Hilfslieferungen mit medizinischer Versorgung und Lebensmitteln nach Venezuela zu bringen. Freiwillige sollten die Hilfsgüter unter anderem von Kolumbien aus ins Land befördern und dort verteilen.

Maduro ließ daraufhin die Grenzen schließen, um die Einfuhr der Hilfsgüter zu blockieren. Die Regierung mutmaßte, Guaidó wolle mit den Hilfslieferungen eine ausländische militärische Intervention und den Sturz Maduros einleiten.

Auseinandersetzungen auf der Brücke

Ungeachtet der Blockade fuhren am 23. Februar 2019 mehrere Lkw beladen vorwiegend mit US-Hilfsgütern aus der kolumbianischen Stadt Cúcuta in Richtung Grenze. Auf der Brücke Francisco de Paula Santander wurden sie von der venezolanischen Nationalgarde gestoppt, auch unter dem Einsatz von Tränengas und Gummigeschossen. Viele Menschen wurden verletzt. Von der anderen Seite flogen Steine und Molotowcocktails auf die Soldaten. Einige Lastwagen gingen in Flammen auf.

Im Verlauf der Auseinandersetzungen gerieten drei der vier Lkw mit Hilfsgütern in Brand. Journalisten, Agenturen und Oppositionelle berichten am Ort des Geschehens, die venezolanische Polizei habe die Lkw in Brand gesteckt.

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Übereinstimmende Berichte von vor Ort

Die Nachrichtenagentur AFP berichtete: "Auf der Santander-Brücke in Ureña wurden zwei Lastwagen von Maduros Truppen angezündet." Ähnlich klang es bei AP: "Einige Augenzeugen berichteten, Nationalgardisten hätten eine Plane, die die Kisten mit den Gütern bedeckte, mit Benzin übergossen und in Brand gesteckt."

Auch die oppositionelle Parlamentsabgeordnete Gaby Arellano, die für die Koordinierung der humanitären Hilfe zuständig war, erhebt bei Periscope am Ort des Geschehens den Vorwurf. Diese eindeutigen, voneinander unabhängigen Aussagen, gaben Anlass von einer gesicherten Information auszugehen. Viele Medien und so auch die tagesschau, berichteten daraufhin, die Lastwagen seien durch venezolanische Sicherheitskräfte in Brand gesetzt worden.


Zweifel durch "NYT"-Bericht

Reporter der "New York Times" gingen dem Fall nach und kamen in ihrem am 10. März veröffentlichten Artikel zu einem anderem Ergebnis: Sie veröffentlichten Videomaterial, das zeigt, wie sich ein "Zünder", also vermutlich ein mit Benzin oder ähnlichem getränkter Lappen, aus einem selbstgebauten Molotow-Cocktail beim Wurf aus der Flasche ablöst. Statt in Richtung venezolanischer Sicherheitskräfte fliegt der Lappen in Richtung Lastwagen. 30 Sekunden nach Abwurf sollen die Hilfsgüter in Brand geraten sein. Ähnliche Ergebnisse präsentierte das Recherche-Portal "Bellingcat". Aber auch auf diesen Videos ist nicht zu sehen, wo dieser brennende Lappen genau landete und wie das Feuer entsteht.

Der Artikel bietet Anlass zum Zweifel, ob sich die Aussage, die Polizei, Nationalgarde oder das Militär habe die Lkw in Brand gesteckt, in dieser Eindeutigkeit aufrechterhalten lässt.

Der Zweifel war Anlass genug zu überprüfen, ob die Augenzeugen bei ihren Aussagen bleiben und wie sie ihre Aussagen begründen. Auf Nachfrage des ARD-Studios Mexiko bleiben die Abgeordnete Gaby Arellano, der Journalist Luis Perez und die Journalistin Karla Salcedo bei ihren Aussagen, die Polizei habe die Lkw in Brand gesetzt. Demnach wurden die Hilfsgüter durch Tränengasgeschosse entzündet, von denen Dutzende auf die Lastwagen geflogen seien.

Ihr Argument: Die Tränengaskartuschen aus Metall seien extrem heiß und hätten so den Brand verursacht. Die Augenzeugen beschreiben, dass der erste Lkw bereits in Flammen stand, bevor der erste Molotowcocktail geworfen wurde. Den unmittelbaren Moment, als das Feuer begann und was es ausgelöst hat, haben Perez, Salcedo und Arollo nicht gesehen. Unabhängig voneinander sehen sie heiße Tränengaskartuschen als Ursache des Brandes. In ihrer Wahrnehmung gab es zum Zeitpunkt des Brandes keine Demonstranten mit Molotowcocktails.

Mit dem Wissen von heute lässt sich der tatsächliche Ablauf nicht exakt rekonstruieren. Zumindest sind Zweifel angebracht. Genau deshalb hätte die tagesschau wesentlich vorsichtiger texten sollen und nicht eine der möglichen Versionen als Gewissheit darstellen sollen.

Aussage von Gaby Arellano, Parlamentsabgeordnete Voluntad Popular

Xenia Böttcher: Haben Sie gesehen, wie das Feuer...?
Gaby Arellano: Ja, ich habe es gesehen. Ich war da. Ich habe die Tränengaskartuschen gesehen. Wenn sie das Tränengas abfeuern, verursacht der Metallzylinder das Feuer. Der Zylinder drehte sich auf der Lkw-Plane und verursachte das Feuer. Und es sind nicht wenige Gaskartuschen, es sind viele, die den Brand verursachen.
Xenia Böttcher: Sie haben persönlich gesehen, wie diese Gaskartuschen auf den Lkw landeten und sie angezündet haben?
Arellano: Sie haben sie entflammt.
Xenia Böttcher: Wann gerieten die Lkw in Brand?
Arellano: Gegen 14 Uhr.

Aussage von Luis Perez, Journalist NTN24

Xenia Böttcher: Im Video der "NYT" sieht es nicht so aus, als ob schon alles brennt, als der Molotow-Cocktail fliegt...
Luis Perez: Das stimmt, genau das betrachte ich als unstimmig in der Veröffentlichung. Im Video sieht es aus, als habe ein Demonstrant die humanitäre Hilfe in Flammen gesetzt. Aber so war es nicht. Das war danach. Sie aber stellen es in der Chronologie so dar.
Xenia Böttcher: Was haben Sie genau gesehen?
Perez: Als die Auseinandersetzungen beginnen, holen zwei venezolanische Polizisten die Fahrer aus den Lkw. Ein Funktionär versucht sie nach Venezuela zu bringen. Zwei Lkw kollidieren. Die humanitäre Hilfe war mit Stoffplanen abgedeckt. Die Tränengaskartuschen sind heiß, wer sie berührt, muss sich mit Stoff oder Handschuhen schützen, um sich nicht zu verbrennen. Es gibt eine chemische Reaktion innerhalb der Kartuschen. Ich habe mit Augenzeugen gesprochen, die sagten es waren die Tränengasgeschosse der Polizei, die den ersten Lkw angezündet haben, dann brennen beide.
Xenia Böttcher: Sie haben gesehen, wie das Tränengas abgeschossen wurde?
Perez: Ja, alles.
Xenia Böttcher: Und sie haben gesehen, dass die auf den Lkw landeten.
Perez: Ja, klar.

Aussage von Karla Salcedo, Journalistin Rafael Poveda Television

"Ich war Zeugin, als die Angriffe von venezolanischer Seite begannen. Es gab eine Menge Tränengas. In keinem Moment sah ich, dass zu der Zeit Molotowcocktails benutzt oder vorbereitet wurden. Ich sah, wie die Lkw anfingen zu brennen. Ich habe nicht die eine Tränengaskartusche gesehen, die den Lastwagen angezündet hat. Weil es waren viele, unglaublich viele. Und dann brennt der Lkw. Wer hat den Lkw angezündet? Aus meinem Standpunkt das Tränengas. Ich kam mit den Lastwagen an."

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