Donald Trump bei der Unterzeichnung seines China-Memorandums | Bildquelle: AFP

Nach Gewalt in Charlottesville Trump und die "Alt-Left"

Stand: 16.08.2017 21:42 Uhr

US-Präsident Trump macht zuletzt wieder Demonstranten und Gegendemonstranten für die Gewalteskalation in Virginia verantwortlich und beschuldigte neben Rechtsextremisten auch Anhänger der "Alt-Left". Dabei bedient er sich eines Kampfbegriffs, der vor allem im rechten Lager benutzt wird.

Von Christoph Tanneberger, tagesschau.de und Fiete Stegers, NDR

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Christoph Tanneberger, tagesschau.de

Es war eigentlich geplant, dass der US-Präsident am Dienstag im Trump-Tower ein Statement zur Infrastruktur abgibt. Doch dann stellten die Reporterinnen und Reporter wieder Fragen zur Gewalt von Charlottesville - und es wurde hitzig. Die Journalisten konfrontierten Trump mit der Einschätzung von Senator John McCain, Leute aus dem Lager der ultrarechten "Alt-Right-Bewegung" seien für die Eskalation verantwortlich.

Da platzte es förmlich aus Trump heraus: "Okay, was ist mit der Alt-Left, die kam und angriff? Entschuldigung, was ist mit der Alt-Left, die kam und die, wie Sie sagen, die Alt-Right, angriff? Haben die irgendwelche Schuldgefühle?"

Trump gibt "beiden" Seiten die Schuld an Gewalt in Charlottesville
tagesschau 20:00 Uhr, 16.08.2017, Jan Philipp Burgard, ARD Washington

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Gleiche Schuld auf beiden Seiten?

Bei vielen Bürgerrechtlern, Sozialisten und Kirchenanhängern, die am Wochenende in Charlottesville demonstriert hatten, dürften Trumps Worte zu großem Unverständnis geführt haben. Sie hatten gegen den größten Aufmarsch von Rechtsextremisten, Neonazis, weißen Rassisten, Militanten und Mitgliedern des Ku-Klux-Klans seit einem Jahrzehnt protestiert. Zudem wurden auch Antifa-Anhänger gesichtet, die die Auseinandersetzung mit den Rechten nicht gescheut haben. Nun setzte der US-Präsident sie alle verbal mit den Rechtsextremisten gleich. Analog zu den Anhängern der „Alt-Right“ nannte er sie „Alt-Left“ und verwendete ein in der politischen Debatte relativ neues Wort.

Konservative Attacken auf die Linke

So kursiert der Begriff "Alt-Right" mindestens seit 2010, als der rechtsextreme Publizist Richard B. Spencer sein eigenes Onlinemagazin "Alternative Right" nannte. Der Terminus "Alt-Left" dagegen findet sich erst seit etwa einem Jahr in der öffentlichen Debatte wieder, wie das US-Nachrichtenportal "Heavy.com" schreibt. Er wird aber diffus verwendet, was sich in dem verhältnismäßig breiten Spektrum der Personen spiegelt, die manche Kommentatoren der "Alt-Left" zurechnen: Die einen zählen eher den Journalisten Glenn Greenwald oder die Schauspielerin Susan Sarandon zur "Alt-Left". Andere sehen die "Alt-Left" eher durch den US-Demokraten Bernie Sanders, den britischen Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn oder den ehemaligen linken französischen Präsidentschaftskandidaten Jean-Luc Mélenchon repräsentiert.

Diffuser Begriff

Der Terminus "Alt-Left" wird eher nicht von Linken verwendet, erstmals prominent aber von dem konservativen Publizisten Joseph Farah im August 2016. Damals schrieb er, die "Alt-Left" sei eine "selbstgerechte" Bewegung, die "Mitgefühl missbrauche", um ihre Macht zu erweitern.

Attackierte Farah damals Hillary Clinton? "Heavy.com" machte kürzlich darauf aufmerksam, dass Farahs Attacke kurz nach einer Wahlkampfrede der demokratischen Präsidentschaftsbewerberin in Nevada erschienen war. Clinton hatte Trump in ihrer Rede damals scharf angegriffen und ihm vorgeworfen, er treibe ein gefährliches Spiel mit Vorurteilen.

Fox News macht sich Vokabular zu eigen

In den Monaten danach wurde der Begriff auch von Medien mit mehr Reichweite verwendet, wie das US-Portal "Heavy.com" berichtet. So machte sich der konservative Fox-Moderator Sean Hannity die Worte im vergangenen Februar zu eigen. Er sagte seinen Zuschauern unter anderem mit Bezug auf die New York Times, sie sollten nicht den "Propaganda-Medien der Alt-Left" Glauben schenken. Im März 2017 legte Hannity nach, als US-Richter den von Trump verhängten Einreisestopp für Muslime wieder aufhoben. Er schrieb, Richter der "Alt-Left" riskierten das Leben amerikanischer Bürger, wenn sie das Trumpsche Dekret wieder aufhöben.

Jan Philipp Burgard, ARD Washington, über die jüngsten Äußerungen Trumps
nachtmagazin 00:25, 16.08.2017

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Politische Beobachter stehen dem neuen Begriff skeptisch gegenüber: Mark Pitcavage von der Anti-Defamation League bezweifelt, dass es eine politische Gruppe wie die "Alt-Left" überhaupt gebe. Er hält den Begriff vielmehr für ein Mittel, mit dem der politische Gegner diffamiert werden soll. Der "New York Times" schrieb er, der Begriff sei erfunden. "Es ist so ähnlich, wie wenn Leute Nachrichten 'Fake News' nennen, einfach weil sie ihren Inhalt nicht mögen."

Konservative Ablenkungsmanöver?

Ähnlich argumentiert Aaron Blake von der "Washington Post". In der Erfindung des Begriffs "Alt-Left" erkennt er zudem den Versuch einiger Konservativer, von der Nähe abzulenken, die zwischen der republikanischen Partei und der "Alt-Right" entstanden ist. So hat Trump sich mit Steve Bannon, dem ehemaligen Chefredakteur des Portals Breitbart, einen Chefstrategen ins Weiße Haus geholt, der der "Alt-Right" mindestens nahe steht. Schon im vergangenen Dezember schrieb Blake, manch Konservativer wolle durch die Verwendung des Begriffs "Alt-Left" von der eigenen Partei ablenken und sagen, auch bei Euch Linken gibt es Extremisten.

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