Polizisten am Tatort in Toronto | Bildquelle: AFP

Nach Anschlag in Toronto Rechte Hetze und Gerüchte im Netz

Stand: 25.04.2018 18:41 Uhr

Nach dem Anschlag in Toronto tobt in den sozialen Medien ein Kampf: Rechte hetzen gegen Muslime - andere mahnen zur Besonnenheit. Über den mutmaßlichen Täter finden sich viele Gerüchte und wenige Fakten.

Von Wolfgang Wichmann, tagesschau.de

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Wolfgang Wichmann, tagesschau.de

Die Tat in Toronto ereignete sich gestern in der Mittagszeit in einem belebten Viertel. Viele mussten mit ansehen, wie ein weißer Mietwagen zielgerichtet in Passanten gelenkt wurde. Zehn Menschen starben.

Kurz darauf wurde der mutmaßliche Täter gefasst: Es handelt es sich um den 25-Jährigen Alek M., den die Polizei in Kanada mit vollem Namen nennt. Er lebte zuletzt in einem Vorort von Toronto, in Richmond Hill. Bislang gibt es über das Motiv oder die Hintergründe der Tat keine offizielle Erklärung seitens der Behörden.

Verdächtigungen und Gerüchte im Netz

Doch in den sozialen Medien wurden schnell Schuldzuweisungen veröffentlicht: Obwohl der mutmaßliche Täter kurz nach der Tat gefasst war, wurden generell Ausländer und insbesondere Muslime verantwortlich gemacht. Zum Teil wurden gewaltverherrlichende Fantasien gegen den oder die Schuldigen verbreitet. Rechte Aktivisten hetzten gegen Migranten und verbreiteten die These, eine freundliche Politik gegenüber Einwanderern der kanadischen Regierung habe die Tat in Toronto erst möglich gemacht.

Sicherheitsminister Ralph Goodale sagte dagegen: "Ob es sich einen Terrorakt handle, könne er noch nicht sagen. Die Terrorwarnstufe sei nicht geändert worden und er habe keine Informationen, die einen solchen Schritt nahelegen würden."

Täter angeblich aus Syrien

Noch bevor der Name des mutmaßlichen Täters öffentlich wurde, verbreitete der britische Politiker und muslimfeindliche Autor David Vance die Aussage auf seinem Twitter-Kanal mit mehr als 60.000 Followern: "Zeugen zufolge sehe der Angreifer aus, als stamme er aus dem 'Nahen Osten'." Und ergänzte wenig später: Der mutmaßliche Attentäter stamme wohl aus Syrien. Ein vermeintliches Opfer sei von Premierminister Trudeau ins Land geholt worden - um selbst zum "Opfer-Macher" zu werden. Belege präsentierte Vance nicht.

Vance schreibt unter anderem für das Islam-feindliche Portal "Altnewsmedia". Dort berichtete er Anfang April unter anderem über die Auto-Attacke in Münster. Damals räumte Vance zwar ein, dass der deutsche Einzeltäter psychisch krank war. Doch er stellte gleichzeitig einen Bezug zur Einwanderungspolitik von Kanzlerin Angela Merkel her und ergänzte: Deutschland werde brennen, "während sich der radikale Islam durchsetzt (...)".

Hass gegen Muslime

Auch der US-amerikanische Blogger und Youtube-Aktivist Ramz Paul verbreitete teils menschenverachtende Äußerungen auf seinem Account mit mehr als 40.000 Followern. Und er forderte nach dem Angriff sichere Grenzen, um das Heimatland zu verteidigen. Begleitend postete Paul ein älteres Foto von Kanadas Premier Trudeau: Der hatte sich 2013 mit kanadischen Muslimen getroffen und gebetet und dabei filmen lassen.

Mehrere Nutzer kritisierten den offen formulierten Rassismus im Netz und appellierten an alle, die Behörden in Ruhe arbeiten zu lassen. Es sei an der Zeit die rassistischen Nachrichten und menschenverachtenden Tweets sein zu lassen - ebenso wie die Verbreitung gefälschter Social-Media-Accounts unter M.s Namen.

Das Foto des LinkedIn-Profils von Alek M. wurde inzwischen von CBS-Quellen bestätigt.

Falsche Profile bei Facebook

Es kursierten unmittelbar nach dem Anschlag verschiedene Facebook-Profile, die dem Namen Alek M. zugeordnet werden. So wurde auch das Gerücht verbreitet, M. stamme aus Syrien und sei gläubiger Moslem. Er sei erst vor sechs Monaten aus dem Libanon nach Kanada eingereist. Keiner der aktiven Accounts bei Facebook ist aber offenbar real - die Informationen wohl schlicht erfunden.

Echte Informationen über M. im Netz sind dagegen knapp: Wie mehrere Medien inzwischen meldeten, hat M. unter anderem ein spärliches Profil bei der Businessplattform LinkedIn. Es beinhaltet ein Foto, das auch von diversen Fake-Accounts auf Facebook verwendet wurde. Das Bild wurde Inhaltlich geht aus dem Profil hervor, dass M. zwischen 2011 und 2018 das Seneca College in Toronto besuchte.

Bei Twitter veröffentlichte eine ehemalige Klassenkameradin von M. ein altes Jahrgangsbild. "Er war in meiner Klasse", schrieb Tara Goel und ergänzt. Manchmal sei er etwas seltsam gewesen. Einem Reporter von Buzzfeed berichtete sie von der gemeinsamen Zeit "vom Kindergarten bis zum Alter von etwa 10 Jahren".

Verbindung zu Amoklauf in Kalifornien?

Inzwischen gibt es Hinweise darauf, dass der mutmaßliche Täter von Toronto psychisch krank ist und möglicherweise aus Hass gegen Frauen gehandelt haben könnte. NBC-Journalist Tom Winter verbreitete unter Bezug auf Ermittler aus den USA und Kanada: Die vorrangigste Theorie sei, das M. psychisch krank war und sich vor Jahren mit Eliot Rodger ausgetauscht haben soll.

War M. ein "Incel"?

Rodger hatte 2014 in der Nähe der Universität von Santa Barbara in Kalifornien sechs Menschen getötet und 13 Personen verletzt, bevor er sich selbst das Leben nahm. Der damals 22-Jährige hatte in einem Video erklärt, er sei seit Jahren von Frauen abgewiesen worden - und er werde die Mädchen dafür bestrafen. Rodger hatte zudem laut "Spiegel" in einem Forum geschrieben: "Eines Tages werden die "Incel"s ihre wahre Stärke und Anzahl begreifen und das bedrückende, feministische System stürzen. Stell dir eine Welt vor, in der Frauen dich fürchten." "Incel" ist eine Abkürzung für "involuntarily celibate" - Männer, die nach eigenen Angaben noch nie oder seit geraumer Zeit keine sexuelle Kontakte hatten - und unfreiwillig im Zölibat leben.

Auch ein angeblicher Screenshot einer Facebookseite lässt auf eine Verbindung zwischen M. und Rodger schließen. Wie die Journalistin Catherine McDonald bei Twitter erklärte, sei die Echtheit des Screenshots inzwischen von Facebook bestätigt worden. "Es ist eine schreckliche Tragödie", wird eine Sprecherin von Facebook zitiert. "Wir haben die Facebookseite entdeckt und umgehend gelöscht." Zuvor war die Echtheit des Facebook-Posts angezweifelt worden, unter anderem von "Heavy.com".

Ermittlungen dauern an

Welches Motiv Alek M. hatte, wird derzeit von den Ermittlern geklärt. Erkenntnisse erhoffen sie sich auch durch die Untersuchung seiner privaten Gegenstände, die inzwischen in seinem Heim in Richmond Hill sichergestellt werden konnten. Doch die Auswertung kann dauern.

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