Chan Scheichun am 5. April 2017 | Bildquelle: REUTERS

Bericht von Chemiewaffen-Experten Chan Scheichun: Sarin und viele Fragen

Stand: 06.07.2017 08:14 Uhr

Noch wochenlanger Recherche ist der Bericht der internationalen Chemiewaffen-Kontrolleure zu Chan Scheichun in Syrien veröffentlicht worden. Auf fast 80 Seiten teilen die Experten mit, dass Sarin freigesetzt wurde. Trotzdem bleiben Fragen offen.

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Wolfgang Wichmann, tagesschau.de

Von Wolfgang Wichmann, tagesschau.de

Der Abschlussbericht der internationalen Organisation für das Verbot chemischer Waffen, kurz OPCW, zu den Ereignissen von Chan Scheichun in Syrien ist wenige Tage nach seiner offiziellen Vorstellung komplett ins Internet gestellt worden. Das pdf-Dokument der sogenannten Fact-Finding Mission zu dem Vorfall mit vielen Toten am frühen Morgen des 4. April 2017 hat 78 Seiten. Darin haben die OPCW-Experten ihre Ermittlungsergebnisse der vergangenen Monate zusammengefasst.

Ende Juni hatte die OPCW zunächst mitgeteilt, dass in Chan Scheichun - nach den Erkenntnissen ihrer Experten - der chemische Kampfstoff Sarin freigesetzt worden sei. Weitere Details wurden an dem Tag aber nicht öffentlich gemacht - sondern auf die spätere Veröffentlichung des Abschlussberichts verwiesen. Die inhaltliche Aussage aber deckt sich mit früheren Einschätzungen der Organisation. Denn die OPCW hatte schon im April mitgeteilt, Giftgas in Chan Scheichun sei "unbestreitbar".

Bericht als Grundlage zur Ermittlung der Verantwortlichen

Wer für das Giftgas in Chan Scheichun und mehr als 80 Tote und Hunderte Verletzte verantwortlich ist, beantwortet der nun veröffentlichte Bericht der OPCW-Experten nicht. Ihr Auftrag lautete zunächst nur, zu klären, ob Giftgas für die Toten in Chan Scheichun ursächlich war.

"Sarin als chemische Waffe"

Das Abschlussdokument zur Untersuchung des Vorfalls in Chan Scheichun beginnt mit einer Übersicht: Darin stellen die OPCW-Ermittler unter anderem fest, dass ihre Untersuchung sie zu dem Schluss bringt, dass eine "große Anzahl von Menschen, von denen einige starben, Sarin oder einer Sarin-ähnlichen Substanz ausgesetzt gewesen sind". Als Ausgangspunkt für die Giftgaswolke wird auf einen Krater in einer Straße verwiesen. Die Experten argumentieren, dass eine solche Art der Freisetzung nur den Schluss zulässt, dass Sarin als chemische Waffe verwendet worden sei. Einschränkend heißt es in dem Bericht, dass dem Team keine gesicherte Schlussfolgerung darüber möglich sei, mit welcher Technologie das Giftgas freigesetzt worden ist. Die Ermittler hätten zum "Freisetzungsmechanismus" nur eingeschränkt Informationen erhalten.

Die Erkenntnisse der OPCW-Experten wiedersprechen der These, dass die Opfer von Chan Scheichun durch eine giftige Wolke aus Chlorgas und anderen Chemikalien ums Leben kamen. Diese Theorie hatte der US-Journalist Seymour Hersh hatte am 25. Juni in einem Exklusiv-Artikel für die "Welt am Sonntag" behauptet und war dafür teils heftig kritisiert worden.

Dass Sarin oder eine Sarin-ähnliche Substanz in Chan Scheichun freigesetzt worden ist, sei unzweifelhaft, heißt es auf der ersten Seite des Abschlussberichts. Dies sei auch aus Sicht der syrischen Regierung erwiesen, die den OPCW-Ermittlern "eigene Informationen und Material als Belege zur Verfügung gestellt" hätte.

Eine Vor-Ort-Untersuchung durch die Ermittler gab es demzufolge nicht und soll es auch nicht mehr geben: Die Risiken stünden in keinem Verhältnis zu dem, was an zusätzlichen Belegen zu erwarten gewesen sei. Der Bericht beziehe sich dagegen auf die Analyse von biologischen Proben, Interviews und ergänzendes Material, dass während der Interviewphase übergeben worden sei. Zusätzliche Daten habe man durch die Analyse von Umweltproben erhalten. Die Beweismittel seien dabei gegeneinander geprüft und abgeglichen worden.

The conclusions were derived from analysis of biomedical specimens, interviews, and supplementary material submitted during the interview process. Additional data came from analysis of environmental samples. (Seite 3)

Überreste einer Bombe im syrischen Chan Scheichun | Bildquelle: REUTERS

Überreste einer Bombe im syrischen Chan Scheichun. Die Ermittler der OPCW gehen davon aus, dass hier der chemische Kampfstoff Sarin freigesetzt wurde.

"Keine Genehmigung für Vor-Ort-Besuch"

Der Bericht enthält einen eigenen Abschnitt (Punkt 3) zur Herangehensweise der OPCW-Ermittler. Auf diesen Seiten wird unter anderem ausführlicher dargelegt, warum eine Untersuchung vor Ort generell die wohl bestmöglichen Beweise erbringen würde - und welche Gründe im Fall von Chan Scheichun dagegen sprachen. Das Team hält dabei fest, dass zu dem Zeitpunkt, als Ermittler kurz nach dem Vorfall mit der Recherche beauftragt wurden, keine Genehmigung für einen Besuch in der damals von Rebellen gehaltenen Region gegeben habe. Ein späterer Besuch sei dann weniger aussichtsreich gewesen, heißt es, da der "wissenschaftliche und beweissicherende Wert eines Vor-Ort-Besuchs" mit fortschreitender Zeit abnimmt.

(...) Whereby no permission was in place when the team initially deployed, which would have provided the best circumstances for evidence retrieval (...). (Seite 6)

Stattdessen seien in Nachbarländern Opfer von Chan Scheichun versorgt und Leichen obduziert worden. Dadurch sei es den Ermittlern möglich gewesen, biologische Proben und medizinische Akten zu sichern beziehunsweise einzusehen.

However, the presence of casualties for treatment in a neighbouring country provided potential for interviews, the collection of biomedical samples, and access to medical records. (Seite 7)

Karte: Syrien mit Chan Scheichun

Tests in zwei Labors

Biologische Proben erhielten die Ermittler den Angaben zufolge von verschiedenen Quellen: So wurden Proben von Getöteten untersucht, dazu von zunächst zehn Überlebenden im benachbarten Ausland Blutproben und teils auch Urinproben. Weitere Proben wurden von Ärzten in Syrien und von der von Rebellen kontrollierten Gesundheitsverwaltung der Provinz Idlib bereitgestellt.

Die Tests dieser Proben wurden dem Bericht zufolge in zwei unterschiedlichen Labors durchgeführt - eines davon in den Niederlanden. Die aus Syrien bereitgestellten Proben seien mit Zeugenaussagen, Fotos und Videoaufzeichnungen abgeglichen worden. Dabei habe sich in den meisten Fällen "ein hoher Grad von Verlässlichkeit in die Kette der Überbringer" gebildet, die die Proben an die Ermittler weitergegeben hatten. Dennoch habe die Kette der Überbringer nicht in jedem Fall grundsätzlich abgesichert werden können.

Although the documentation and testimony, in most cases, provided a good degree of confidence in the chain of custody prior to receipt by the FFM, the entire chain of custody could not be categorically verified. (Seite 14)

Screenshot des OPCW-Berichts: Ergebnisse der Blutproben

Screenshot des OPCW-Berichts: In acht von elf Blutproben, bei deren Entnahme die Ermittler persönlich anwesend waren, wurde Sarin oder eine Sarin-ähnliche Substanz nachgewiesen (Seite 38).

"Ohne das laute Geräusch einer Explosion"

Auf den Abschnitt "Details zur Entsendung und Chronologie" (Punkt 4) folgt ein Teil mit dem Titel "Zusammenfassung des Ereignisses und Analyse" (Punkt 5). Hier wird erläutert, was sich aus Sicht der Ermittler am Morgen des 4. April 2017 in Chan Scheichun zugetragen hat. Demnach erreichte am frühen Morgen - nach vorheriger Warnung über Funk ab 6:30 Uhr Ortszeit - ein Kampfjet das Gebiet um Chan Scheichun. Interviews mit Zeugen zufolge gab es kurz danach ein Geräusch, dass typisch für einen angreifenden Jet gewesen sei, aber zunächst ohne das folgende Geräusch einer Explosion. Danach gab es dem Bericht zufolge aber noch mehrere Explosionen. In der Folge werden die Erkenntnisse der Ermittler über die weiteren Hilfsmaßnahmen durch die Bevölkerung zusammengefasst.

(...) There was a swooping sound, as made by a jet when it attacks, but without a subsequent loud explosive sound. (Seite 19)

Dem entgegen stehen die Erkenntnisse von zwei Zeugenaussagen, die von der syrischen Regierung an die Ermittler vermittelt worden seien. Diese Interviews seien dann in Damaskus geführt worden. In einer der Aussagen ist von einem Waffenlager der Rebellen die Rede, welches am 4. April beschädigt worden sei. Die andere Aussage spricht von einer Explosion und einer Wolke über einem als "Chemielager" beschriebenen Gebäude. Beide Zeugen hätten erklärt, dass es an besagtem Morgen keine Vorwarnung über einen Angriff per Funk gegeben habe. Angesichts fehlender weiterer Zeugen, die deren Thesen stützen würden, sei es den Ermittlern nicht möglich gewesen, diese Aussagen weiter zu belegen.

A different narrative was given by witnesses identified by the Government of the Syrian Arab Republic. Due to the inability to interview more of such witnesses, it was not possible to corroborate this narrative. (Seite 19)

Todesursache: Sarin oder Sarin-ähnliche Substanz

Das Fazit der Ermittler bildet den Abschluss des Dokuments (Punkt 6). Darin heißt es unter anderem, mindestens drei Personen seien an den Folgen von Sarin oder einer Sarin-ähnlichen Substanz gestorben, nachdem sie aus Syrien in ein benachbartes Land gebracht worden waren. Zudem seien bei Autopsien von drei Personen als Todesursache Sarin oder eine ähnliche Substanz festgestellt worden. Zusammenfassend sei festzustellen, dass die plötzliche hohe Zahl von Todesopfern, die hohe Zahl von Menschen mit ähnlichen Symptomen am selben Ort und das Fehlen von schweren Verletzungen die Hypthese stützten, dass eine giftige Chemikalie in die Umwelt verteilt wurde.

In summary, the sudden high number of fatalities, the high number of people presenting the same symptoms at the same moment, and the location and the absence of traumatic injuries among the casualties all support the hypothesis of an incident involving a toxic chemical dispersed in the environment. (Seite 52)

Eine Aussage zur technischen Quelle des Sarins treffen die Experten wie erwähnt nicht. Auch wenn Augenzeugen von einem Munitionsabwurf aus der Luft als Ausgangspunkt sprächen, sei der "Fact-Finding Mission" diesbezüglich keine verlässliche Aussage möglich.

After analysing photographs and video supplied by witnesses, the FFM could not establish with a great degree of confidence the means of deployment and dispersal of the chemical. (Seite 52)

Basierend auf topografischen und meteorologischen Begebenheiten, vielen Zeugenaussagen und der Auswertung von Fotos und Videos schließen die Ermittler auf einen Krater in einer Straße unweit der Silos im Norden der Stadt als Ausgangspunkt für die Verbreitung des giftigen Gases.

Screenshot des OPCW-Berichts: Markiert ist der Ausgangspunkt für die Giftgaswolke

Screenshot des OPCW-Berichts: Ausgangspunkt für die Giftgaswolke war den Ermittlern zufolge ein Krater in einer Straße im Norden der Stadt Chan Scheichun (Seite 38).

Abschlussbericht als Grundlage für weitere Untersuchung

Die Erkenntnisse der "Fact-Finding Mission" der OPCW sollen nun die Grundlage sein für eine gemeinsame Untersuchung von Teams von UN-Behörden und der OPCW. Ziel dieser Anstrengungen ist es, die Verantwortlichen zu ermitteln.

Bisher gibt es vor allem zwei Sichtweisen auf das Geschehen: Das Assad-Regime teilte unmittelbar nach dem Vorfall mit, durch einen Angriff auf ein Munitionslager der Rebellen sei eine Giftgaswolke freigesetzt worden sei. Das ist auch die Version, die Russland stützt. Westliche Politiker, unter ihnen US-Präsident Donald Trump, machen Assad für die Toten von Chan Scheichun verantwortlich. Er reagierte schließlich mit dem Beschuss eines syrischen Militärflughafens, von dem aus der Angriff auf Chan Scheichun gestartet worden sein soll.

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