Die russische Flagge | Bildquelle: dpa

Fragen und Antworten Russland und das Nowitschok-Gift

Stand: 04.04.2018 12:14 Uhr

Hat die Sowjetunion nie Nowitschok hergestellt? Hat Russland sämtliche Chemiewaffen zerstört? Das behauptet zumindest der Kreml. Was ist dran an diesen Behauptungen?

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Von Birgit Virnich und Darja Schdanowa, ARD-Studio Moskau

Russland weist jegliche Schuld am Giftgasanschlag von Salisbury, den die britische Premierministerin als einen bewaffneten Angriff gegen Großbritannien deutet, vehement zurück. Zudem behauptet Moskau, man habe nie das Nervengas Nowitschok produziert, Großbritannien hingegen schon.

Was behauptet Moskau?

Die russische Nachrichtenagentur Ria Nowosti veröffentlichte am 20. März unterschiedliche Aussagen des Leiters des Staatlichen Chemie-Forschungs-Instituts, Leonid Rink. Zunächst hieß es, Nowitschok sei keine Substanz, sondern ein ganzes System chemischer Waffen. Dann wurde diese Aussage korrigiert: Das Programm zur Entwicklung habe nicht Nowitschok geheißen, sondern einen anderen Namen getragen. In einer dritten Fassung hieß es dann, es habe gar kein Chemiewaffenprogramm mit dem Namen Nowitschok gegeben.

Was wirft Russland dem Westen vor?

Der russische UN-Botschafter Wasilij Nebenzya erklärte in einer Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats am 14. März, dass es in der russischen Föderation keine Forschung und keine Experimente unter dem Decknamen Nowitschok gegeben habe: "Seit den 1970er-Jahren entwickelten eine ganze Reihe von Staaten Nervengase, vor allem die USA und die Sowjetunion." Auf Anordnung des russischen Präsidenten sei die Weiterentwicklung chemischer Waffen 1992 gestoppt worden, so der russische UN-Botschafter.

Russland behauptet, London habe Nowitschok produziert.

Er unterstellte zudem, andere hätten das Nervengas entwickelt: Westliche Geheimdienste hätten alles dran gesetzt, russische Experten für sich zu gewinnen. Sie hätten ihre Arbeit in Großbritannien und in den USA fortgesetzt und Chemiewaffen wie Nowitschok im Labor des britischen Verteidigungsministeriums in Porton Down entwickelt und produziert.

Diese Behauptungen des UN-Botschafters wurden sofort von russischen Beamten und Diplomaten aufgegriffen, im staatlichen Fernsehen wiederholt und zur offiziellen Position Russlands.

Großbritannien widerspricht dieser Darstellung vehement und sagt, man habe Beweise, dass Russland auch in den vergangenen zehn Jahren noch chemische Kampfstoffe produziert und gelagert habe.

Haben Russland oder die UdSSR Nowitschok entwickelt?

Anfang der 1990er-Jahre veröffentlichte der russische Chemiker Wil Mirsajanow einen Artikel mit Informationen über die Existenz von Nowitschok. Mirsajanow hatte für das Nervenkampfstoffprogramm der Sowjetunion gearbeitet, wurde kurz nach der Veröffentlichung im Januar 1992 entlassen. Nowitschok sei in der Sowjetunion als Reaktion auf das Chemiewaffenprogramm der USA entwickelt worden, erklärte der Chemiker. Später veröffentlichte er gar ein Buch, das technische Einzelheiten des Nowitschok-Programms enthält.

Auch andere Chemiker haben über das damalige Programm berichtet. Sie widersprechen damit der Behauptung der russischen Regierung, Nowitschok sei nie entwickelt worden.

Hat Russland sämtliche Chemiewaffen zerstört?

Tatsächlich verkündete die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) im September 2017, Russland habe sein Chemiewaffenarsenal vollständig zerstört. Dies bezieht sich aber auf die offiziell deklarierten Chemiewaffen.

Der russische Chemiker Mirsajanow weist jedoch darauf hin, dass Nowitschok offiziell nicht als Teil des Chemiewaffenprogramms geführt worden sei. Das bedeutet, dass es in keiner der Listen der OPCW auftaucht - und somit nicht unter den vernichteten Chemiewaffen sein konnte.

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