Politika

Skandal um serbische Tageszeitung Fake News von Fake-Autoren

Stand: 29.07.2017 11:47 Uhr

Experten, die für Zeitungen schreiben - nichts Ungewöhnliches. Problematisch wird es, wenn sich hinter der Meinung Vorurteile verbergen. Noch schwieriger wird es, wenn der Autor gar nicht existiert. Genau das bringt Serbiens Zeitung "Politika" in Erklärungsnot.

Von Srdjan Govedarica, ARD-Studio Wien

Ein skurriler Fall von Fake News beschäftigt die serbische Öffentlichkeit. Die regierungsnahe Traditionszeitung "Politika" hat in den vergangenen Monaten drei frauenfeindliche Meinungsbeiträge veröffentlicht. Die Autoren waren vermeintliche Experten aus dem Ausland mit wohlklingenden Titeln. Das Problem: Sie existieren nicht.

Sanja Pavlović vom Autonomen Frauenzentrum in Belgrad ist sauer: "Das ist ein Skandal - weil es sich um die 'Politika' handelt, weil die Identitäten der Autoren erfunden waren und auch wegen des Inhalts."

Der Autor? Nicht zu finden.

Die "Politika" ist die wichtigste Tageszeitung Serbiens. In dem Blatt ist am 18. Juli ein Artikel erschienen mit dem Titel "Gegen Gewalt - nicht gegen Männer oder Frauen". Auf den ersten Blick ein normaler Meinungsbeitrag. Ein forensischer Psychiater aus Kanada, ein gewisser Dr. Petar Veličković, schrieb über häusliche Gewalt. Bei genauem Hinsehen entpuppte sich der Text als antifeministische Streitschrift: Von aggressiven Feministinnen ist die Rede, die politische Propaganda betrieben und davon, dass es vor allem Frauen seien, die Kinder ermordeten und nicht etwa Männer. Doch ein forensischer Psychiater mit dem Namen Petar Veličković existiert weder in Kanada noch sonst irgendwo auf der Welt. Sein angebliches Foto war in Wahrheit das Wikipedia-Bild eines deutschen Schauspielers.

"Solche frauenfeindlichen Texte sehen wir regelmäßig in der 'Politika', und nur selten und nur unter besonderen Voraussetzungen gibt es eine Reaktion der Öffentlichkeit darauf", sagt Frauenrechtlerin Pavlović. Aber dieses Mal hat die Öffentlichkeit schnell reagiert. Bereits einen Tag nach der Veröffentlichung des Textes hatte sich in den sozialen Netzwerken herumgesprochen, dass der Artikel ein Fake ist.

Zeitung sprach von Hackerangriff

Die Redaktion entschuldigte sich im Blatt lediglich für das falsche Foto und veröffentlichte eine Erklärung, in der von einem Hackerangriff die Rede war. Man habe das auch bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. Der Redakteur der Rubrik bezeichnete die Texte in einem Artikel als Beitrag zur Meinungsvielfalt und betonte, dass nicht alle Beiträge der Rubrik unbedingt die Meinung der Redaktion widerspiegelten.

Auf Anfragen des ARD-Studios Wien hat "Politika" bislang nicht reagiert. Ljiljana Smajlović war bis 2016 Chefredakteurin der Zeitung und ist heute Vorstandsmitglied im Europäischen Zentrum für Presse- und Medienfreiheit. Dass die "Politika" Opfer eines Betrugs geworden sei, hält sie für unwahrscheinlich: "Eine einfache Google-Recherche hätte ausgereicht, um festzustellen, dass dieser Autor nicht existiert. Ich glaube nicht an einen Fehler und natürlich auch nicht, dass hier ein Hackerangriff vorliegt. Ich glaube eher, dass jemand aus der Redaktion - wahrscheinlich sogar jemand aus der Chefredaktion - genau weiß, wie es dazu gekommen ist."

Zusätzlich zum Text des erfundenen Autors Veličković hat die "Politika" zwei weitere Texte veröffentlicht, die den Feminismus verteufeln. Beide Male sollten die Autoren renommierte Experten sein, beide Male ließ sich auch nach sehr gründlicher Recherche keine Spur von ihnen finden.

Falschmeldungen als politischer Gefallen?

Smajlović macht noch etwas stutzig: Alle drei Artikel sind erschienen, nachdem der Belgrader Bürgermeister Siniša Mali den Sorgerechtsstreit um seine drei Kinder überraschend gewonnen hatte. Vorausgegangen war ein monatelanger Rosenkrieg, bei dem es auch um häusliche Gewalt ging. Das Pikante: Mali gilt als Vertrauter des serbischen Präsidenten Aleksander Vučić. Daher hat Smajlović eine Vermutung: "Diese umstrittenen Kommentare der erfundenen Autoren sind erschienen, um die Entscheidung des Gerichts zu legitimieren. Ich habe den Eindruck, das 'Politika' benutzt worden ist, um einen mächtigen Mann zu verteidigen." Für die ehemalige Chefredakteurin ein "schrecklicher Missbrauch der 'Politika'".

Slavisa Lekić, Präsident des unabhängigen Journalistenverbands Serbiens "Nuns" zeigt sich von den Vorfällen nicht besonders überrascht: "Das Problem ist die Selbstzensur - vor allem der Redakteure. Sie antizipieren, was Vučić oder seinem Umfeld gefallen könnte und was nicht und dementsprechend füllen sie das Blatt." Seine Theorie: Der jetzige "Politika"-Chefredaktuer habe vielleicht geglaubt, Präsident Vučić durch die Artikel einen Gefallen zu tun.

Eine Rüge ohne Durchschlagskraft

Mit dem Fall der erfundenen Autoren hat sich auch der Serbische Presserat beschäftigt. Das Gremium stellte fest, dass "Politika" die journalistische Sorgfaltspflicht verletzt habe und sprach eine Rüge aus. Eine der Beschwerden beim Presserat kam vom Autonomen Frauenzentrum in Belgrad. Pavlović begrüßt die Rüge, befürchtet aber auch, dass sie folgenlos verhallen wird. "Ich bin nicht optimistisch, dass die 'Politika' die Entscheidung des Presserats überhaupt veröffentlichen wird."

Was aber nachwirken werde, ist das öffentliche Interesse und die Empörung, die die Texte der erfundenen Autoren ausgelöst habe, sagt Lakić vom serbischen Journalistenverband NUNS. "Ich glaube nicht, dass 'Politika' so etwas wiederholen wird. Sobald die Gesellschaft reagiert und zeigt, dass sie da ist und dass sie etwas stört, zieht die Zeitung die Handbremse. Solange die 'Politika' aber nicht unabhängig ist, wird sie sich auch weiterhin so verhalten, wie man es von ihr erwartet."

Erfundene Experte: Serbiens wichtigste Tageszeitung in Erklärungsnot
Srdjan Govedarica, ARD Wien
29.07.2017 13:41 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 03. April 2017 um 22:25 Uhr.

Darstellung: