Bewohner von Newtown haben zum Gedenken an die Opfer des Amoklaufs ein Herz mit Kreuzen aufgehängt | Bildquelle: REUTERS

Nach Massaker in Schule Irreführende Zahl zu Schießereien

Stand: 15.02.2018 14:36 Uhr

In verschiedenen Medien wird berichtet, es habe in diesem Jahr in den USA bereits 18 Schießereien an Schulen gegeben - so wie nun in Florida. Doch diese Behauptung ist irreführend.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

"Das Jahr 2018 ist noch nicht einmal sieben Wochen alt, doch seine Bilanz ist in Hinsicht auf Schulschießereien in den USA bereits grauenvoll." Das schreibt die österreichische Zeitung "Kurier". Und weiter:

Im Land der fast unbegrenzten Waffengesetze sind heuer nach der neuesten Tragödie mit 17 Toten an einer High School in Florida bereits 18 bekannt gewordene Massenschießerein an Schulen gemeldet worden.

Ein Schweizer Blog berechnete, es gebe "alle 60 Stunden eine Schießerei an einer Schule" in den USA. Mehrere andere Medien zitierten ebenfalls die Zahl von jetzt 18 Schießereien in diesem Jahr. In den USA war es unter anderem Hollywood-Star Reese Witherspoon, die diese Zahl anführte:

Und Chris Murphy, demokratischer Senator aus Connecticut, sagte im US-Kongress: "It looks to be the 19th school-shooting in this country - and we don`t have even march." Übersetzt: Es handele sich offenkundig um die 19. Schießerei an einer Schule in diesem Land - und es sei noch nicht einmal März.

Wie Murphy auf 19 Schießereien kommt, ist unklar; vermutlich basiert die Aussage des Senators auf Zahlen von der Nichtregierungsorganisation "Everytown". Diese war von zahlreichen Bürgermeistern in den USA gegründet worden und setzt sich für schärfere Waffengesetze ein. "Everytown" führt für dieses Jahr bislang 17 "School Shootings" auf, einige Medien berichteten von 18 dort aufgelisteten Fällen.

In diesem Jahr gab es bereits zahlreiche Vorfälle mit Waffen an Schulen.

Allerdings handelt es sich nicht in jedem der Fälle um Massaker wie nun in Florida: Bei acht der 17 aufgelisteten Vorfälle wurde den Angaben zufolge niemand verletzt. Bei einigen Fällen seien die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen. Bei einem Vorfall hatte sich ein Schuss versehentlich gelöst - warum eine 12-jährige Schülerin die Waffe mit in die Schule gebracht hatte, wird noch untersucht.

Bei anderen aufgeführten Vorfällen ging dem Gebrauch einer Schusswaffe ein Streit zwischen einzelnen Personen voraus. In einem Fall erschoss sich ein 31-jähriger Mann auf einem Parkplatz einer zu diesem Zeitpunkt geschlossenen Schule. Der folgenschwerste Vorfall ereignete sich in Benton in Kentucky, wo ein 15-Jähriger im Januar zwei Mitschüler tötete.

Verschiedene Definitionen

Die NGO "Everytown" zählt als Schulschießerei jeden Vorfall, bei dem eine Waffe in oder auf dem Gelände einer Schule oder eines Colleges abgefeuert wird:

any time a firearm discharges a live round inside a school building or on a school campus or grounds, as documented by the press and, when necessary, confirmed through further inquiries with law enforcement or school officials. 

Dazu gehören auch Selbsttötungen oder Streitigkeiten zwischen einzelnen Personen außerhalb der Schulzeit. Diese Definition ist verglichen mit anderen sehr weit gefasst. Die "New York Times" untersuchte Vorfälle an Schulen und nutzte dabei eine Definition, nach der es entscheidend sei, dass ein Vorfall nicht nur an einer Schule, sondern auch während der Unterrichtszeit bzw. während schulischen Veranstaltungen stattfinde.

Die Encyklopaedia Britannica definiert den Begriff "school shooting" als einen Vorfall, bei dem ein Schüler mindestens einen Mitschüler oder Schul-Mitarbeiter durch eine Schusswaffe verletzt oder tötet:

School shooting, an event in which a student at an educational facility—namely, elementary, middle, junior, and high schools as well as colleges and universities—shoots and injures or kills at least one other student or faculty member at school. Such events are typically characterized by multiple deaths. 

Die Freie Universität Berlin betont in einer Definition hingegen, dass es sich um gezielte Angriffe handele, nämlich

um zielgerichtete, bewaffnete Angriffe mit Tötungsabsicht auf Lehrer oder Mitschüler, bei denen entgegen dem etwas irreführenden Begriff nicht nur Schusswaffen zum Einsatz kommen können, sondern z.B. auch Klingenwaffen, stumpfe Gegenstände oder Bomben. School Shootings stellen die schwerste Art zielgerichteter Schulgewalt dar. Ausgenommen von der Definition sind Taten, die sich aus der Auseinandersetzung von Gruppen ergeben oder die unmittelbar aus einem Konflikt zwischen Einzelpersonen entstehen.

Im laufenden Jahr hat es in den USA bislang also nicht 18 "Massen-Schießereien" gegeben, so wie es in einigen Medien heißt. Die Definition von "Everytown" ist weit gefasst und dokumentiert daher Beispiele als "school-shooting, die andere Organisationen oder Forscher nicht als solche einstufen.

Doch auch wenn die Definitionen enger gefasst werden, kommen die meisten Experten zu dem Schluss, dass es in den USA ein massives Problem mit Schusswaffen an Schulen gibt. Senator Murphy sagte, dies geschehe "nirgendwo sonst, außer in den Vereinigten Staaten". Und solche Vorfälle passierten "nicht durch Zufall, nicht durch Unglück, sondern als Konsequenz aus unserer Untätigkeit".

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