Soldaten tragen Schutzanzüge während der Ermittlungen zur Vergiftung des Ex-Doppelagent Skripal und dessen Tochter.  | Bildquelle: dpa

Russland und die Skripal-Affäre Angriff als beste Verteidigung

Stand: 20.03.2018 16:14 Uhr

Nach dem Anschlag auf den Ex-Spion Skripal weist Russland jede Mitschuld zurück und macht sich über die Affäre lustig. Zunächst hatte der Kreml Unterstützung angeboten, nun stellt man Bedingungen.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Die erste Reaktion aus Moskau kam schnell: Einen Tag, nachdem britische Medien berichtet hatten, dass der ehemalige Spion Sergej Skripal mutmaßlich vergiftet aufgefunden worden sei, bezog Russland erstmals Stellung. Dmitri Peskow, Sprecher von Präsident Putin, teilte am 6. März in Moskau mit, man sei bereit, der britischen Polizei bei den Ermittlungen zu helfen. Allerdings habe man noch gar keine entsprechende Anfrage erhalten. In Großbritannien war zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal offiziell bekannt, dass es sich bei dem Opfer um Skripal und seine Tochter handelt.

Polizisten vor einer Absperrung in Salisbury

Die russische Botschaft in London forderte die britischen Behörden zudem auf, Informationen zu dem Vorfall zu liefern. Spekulationen in Medien über eine Beteiligung Moskaus an der Vergiftung bezeichnete die Botschaft als neue Dimension einer anti-russischen Kampagne.

"Verschwörung gegen Russland"

Dmitri Kowtun, den britische Behörden verantwortlich machen für den Anschlag auf Litwinenko, vermutete umgehend eine Verschwörung gegen Moskau: "Wenn wirklich jemand Skripal vergiftet haben sollte, dann ist das kein Zufall, sondern natürlich eine Provokation der britischen Geheimdienste", sagte er der russischen Agentur Interfax zufolge. Russland und seine Behörden sollten vor der Präsidentenwahl am 18. März diskreditiert werden.

Erst nach diesen Äußerungen bestätigte Großbritannien überhaupt, dass es sich bei dem 66-jährigen Mann um den Ex-Spion Skripal handelt. Noch gebe es zwar keine Beweise, dass Russland seine Hand im Spiel habe, doch der Fall erinnere an den Giftmord an Litwinenko, sagte Außenminister Boris Johnson im britischen Parlament.

London will angeblich Grund für WM-Boykott schaffen

In russischen Staatsmedien schrieben Kommentatoren derweil von einer russophoben Kampagne des Westens, der von internen Konflikten ablenken wolle. Die Demokratien stünden vor einem Kollaps, hieß es beispielsweise bei Russia Today.

Im Staatsfernsehen wurde die Spekulation verbreitet, nur London profitiere von dem Anschlag. Damit solle Russenfeindlichkeit geschürt und ein Grund für einen internationalen Boykott der Fußball-WM konstruiert werden.

Die Pressesprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, bezeichnete eine Erklärung der britischen Premierministerin Theresa May abfällig als "Zirkus-Show".

Bedingungen für Zusammenarbeit

Während Russland zunächst eine Kooperation angeboten hatte, als es noch gar keine entsprechende Anfrage gab, erklärte Moskau am 13. März, man werde nicht auf ein Ultimatum für eine Antwort aus London reagieren, so lange man keine Probe der chemischen Substanz erhalte.

Zudem solle London mit der OPCW kooperieren, forderte Russland. Genau das werde London tun, kündigte Außenminister Boris Johnson in der FAZ an. Der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) solle die Möglichkeit gegeben werden, die Ergebnisse der britischen Ermittler zu überprüfen.

Die EU forderte Russland auf, das Nervengift und ein dazugehöriges Programm bei der OPCW offenzulegen. Moskau erklärte im Gegenzug, weder Russland noch die Sowjetunion hätten jemals ein Programm zur Entwicklung von Nervengiften mit dem Namen Nowitschok betrieben.

Moskau macht Vorwürfe lächerlich

Die russische Botschaft in London setzte zudem diverse Tweets ab, die mit diplomatischem Stil wenig zu tun haben. Am 11. März twitterte die Botschaft ein Bild von James Bond und witzelte, ob die russische Länder-Vorwahl 007 die Filmfigur zu einem russischen Spion mache.

In Anspielung auf die Ausweisung von 23 russischen Diplomaten wurde ein Thermometer veröffentlicht, das -23 Grad anzeigen soll - mit dem Kommentar: Die Temperatur der Beziehungen sei auf -23 Grad gefallen, aber man habe keine Angst vor kaltem Wetter. Zudem warf Russland Großbritannien am 13. März "Fake News" vor.

"Komplette Verachtung"

Großbritannien sprach am 14. März davon, dass man Russland korrekterweise die Möglichkeit gegeben habe, sich in der Sache zu erklären. Doch die Antworten hätten eine komplette Verachtung für den Ernst der Angelegenheit demonstriert.

Russlands Außenminister Lawrow warf der britischen Premierministerin May Verhalten wie zu Kolonialzeiten vor. Zudem behauptete er, Großbritannien wolle von den Problemen beim Brexit ablenken.

Am 15. März kritisierte Moskau Äußerungen des britischen Verteidigungsministers Gavin Williamson als unsinnig. "Seine rüpelhaften Bemerkungen sind offensichtlich die letzten gebliebenen Waffen der britischen Streitkräfte", sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums in Moskau, Igor Konaschenkow. Sie bewiesen lediglich, dass man die Vorwürfe nicht ernstnehmen müsse.

Der neueste Vorschlag von Außenminister Lawrow lautet, man solle doch Skripal selbst befragen: "Warum fragen wir nicht einfach den Betroffenen selbst, wenn es ihm hoffentlich besser geht?" Davon kann bislang aber keine Rede sein, der Gesundheitszustand gilt weiterhin als kritisch. Und ein 83-jähriger Whistleblower, der geholfen hatte, das Mittel Nowitschok zu entwickeln, sagte in einem Interview mit einer Zeitung "Novaya Gazeta", die Skripals hätten vermutlich kaum eine Überlebenschance.

Die Reaktionen Russlands in der Skripal-Affäre erinnern an Strategien, die schon früher zu beobachten waren. Beispielsweise bei den Vorwürfen wegen staatlicher Doping-Programme, nach dem Abschuss der Passagiermaschine MH17, dem Mord an Litvinenko, dem Krieg in der Ukraine oder bei der mutmaßlichen Einmischung bei der US-Wahl: Sämtliche Vorwürfe werden pauschal zurückgewiesen, verspottet und als anti-russisches oder russophobes Komplott abgetan.

Weiteres Vorgehen festgelegt

Der ehemalige UN-Waffeninspekteur Jan van Aken von der Linkspartei kritisiert sowohl London als auch Moskau: Großbritannien müsse schon mehr auf den Tisch legen, als nur die Behauptung, Russland sei schuld, sagte er im Deutschlandfunk. Daher sei es richtig, dass die Organisation zum Verbot von Chemiewaffen (OPCW ) nun Proben erhalten solle.

In der Chemiewaffen-Konvention sei unter Artikel Neun das weitere Vorgehen genau festgelegt, so van Aken: Die OPCW müsse die Proben nun analysieren und dann müssten die Russen innerhalb von zehn Tagen darauf antworten. Bis dahin wird der Krieg der Worte weitergehen. Mindestens.

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