Screenshot: Frau schüttet Wasser in den Schoß eines Mannes in Bahn | Bildquelle: Screenshot youtube

"Manspreading"-Video Fake-Vorwurf ohne Beweise

Stand: 24.10.2018 12:55 Uhr

Erst sorgt ein Video für Aufsehen: Eine junge Frau gießt darin in St. Petersburg Männern Flüssigkeit in den Schritt. Dann behauptet die EU, das Video sei ein Fake des Kreml. Doch Beweise dafür gibt es nicht.

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Patrick Gensing, tagesschau.de

Von Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

Am 25. September hat die Russin Anna Dovgaljuk ein Video im Netz veröffentlicht. Die "soziale Aktivistin" aus St. Petersburg nennt es ein Video-Manifest gegen "Manspreading". Dieser Begriff beschreibt ein Verhalten von Männern, die sich beispielsweise in der U-Bahn besonders breitbeinig hinsetzen und damit mehr Platz für sich beanspruchen.

In dem Video sieht man eine junge Frau, die in der U-Bahn von St. Petersburg unterwegs ist und immer, wenn ein Zug gerade in eine Station einfährt, Männern eine Flüssigkeit aus einer Flasche in den Schritt gießt. Dann flieht sie aus dem Waggon. Insgesamt kippt sie in dem Video mehr als 50 Männern Flüssigkeit über die Hose. Dabei soll es sich um Wasser versetzt mit Bleichmitteln handeln.

Aktion gegen "Manspreading" in St. Petersburg

Viraler Hit

Das Video schlägt in den sozialen Medien ein: Auf YouTube-Kanälen wird es Millionen Mal angeschaut, auf Facebook Zehntausende Mal geteilt. Zahlreiche große Medien berichten umgehend über die Aktion: in Russland, ganz Europa und bis nach Australien. Zudem kommentieren Zehntausende Nutzer das Video; die meisten sind empört und schimpfen über einen radikalen Feminismus, viele beleidigen die Macherinnen des Videos auf übelste Art und Weise.

Ein Ziel hat Anna Dovgaljuk also erreicht: Sie hat Aufmerksamkeit für das von ihr angeprangerte "Manspreading" provoziert. Der Preis sind Anfeindungen und Beleidigungen bis hin zu Morddrohungen. Zuvor hatte sie bereits eine andere Aktion initiiert, mit der angeprangert werden sollte, dass Männer Frauen unter den Rock schauen oder sogar fotografieren. Sonst veröffentlicht sie auf Instagram vor allem Modelfotos von sich.

Fake-Vorwurf

In den sozialen Medien sorgt die Geschichte für Diskussionen, Empörung und auch Fragen: Ist dieses Video überhaupt echt? Die norwegische Zeitung "Aftenposten" berichtet dann am 4. Oktober, es handele sich bei dem Video um einen Fake. Die "Ex-Ballerina" Dovgaljuk habe Millionen Menschen hereingelegt, es handele sich bei dem Video um einen Bluff.

Was spricht dem Bericht zufolge für einen Inszenierung des Videos?

  • Russische Staatsmedien hätten das Video umgehend verbreitet und als Beispiel für einen aggressiven westlichen Feminismus angeführt. Sogar im russischen Parlament griffen Nationalisten die Angelegenheit auf und forderten zum Kampf gegen den Feminismus auf.


  • Das Video habe von anderen Konflikten in Russland abgelenkt. Mit solchen viralen Hits würden die Videos von Oppositionellen in Russland in den Schatten gestellt, heißt es in dem "Aftenposten"-Artikel.


  • Weiterhin heißt es in dem Bericht, das Video sei von der Produktionsgesellschaft "My Ducks Vision" realisiert worden. Diese produzierten Social-Media-Clips mit Verschwörungstheorien und anti-westlicher Propaganda.


  • Zudem bezieht sich "Aftenposten" auf einen Artikel einer russischen Zeitung, die einen jungen Mann zitiert, der von sich behauptet, in dem Video als Schauspieler mitgewirkt zu haben. Er habe zwei Männer dargestellt, die mit Wasser begossen wurden.

EU spricht ebenfalls von Fake

Die EU-Beobachtungsstelle gegen Desinformation berichtete am 8. Oktober ebenfalls, es handele sich bei dem Video um eine Inszenierung des Kreml. Es sei viral gegangen, nachdem der zu "Russia Today" gehörende Social-Media-Kanal "In the Now" das Video veröffentlicht habe.

Das Video zeige die "soziale Aktivistin Anna Dovgaljuk", schreibt die Seite "EU vs Disinfo" und bezieht sich zudem auf einen Bericht der russischen Agentur Tass vom 26. September. Darin wird berichtet, es handele sich bei dem Video möglicherweise um eine Inszenierung. Denn keiner der betroffenen Männer habe sich bei der Verkehrsgesellschaft oder der Polizei gemeldet.

Die EU-Beobachtungsstelle beruft sich zudem auf den Bericht der norwegischen Zeitung und folgert, mit der Inszenierung wolle der Kreml heftige Diskussionen und Konflikte provozieren. Dies passe zu bekannten Strategien von russischen Trollen - beispielsweise bei den US-Wahlen. Der Beitrag der EU-Beobachtungsstelle wird Hunderttausendfach gelesen und in verschiedenen großen Medien zitiert.

Fragwürdige Indizien

Die angeführten Indizien für einen Fake sind allerdings fragwürdig, die Berichte teilweise fehlerhaft. Die Punkte im Einzelnen:

Das Video zeigt nicht wie behauptet Anna Dovgaljuk, sondern ihre Mitstreiterin Maria Rein. Diese war zuvor bereits bei der Video-Aktion von Dovgaljuk gegen das Fotografieren unter Röcken aufgetreten. Zwar hat Dovgaljuk die Videos veröffentlicht und gibt Statements dazu ab, aber sie ist nicht die Frau, die Männern Flüssigkeit über die Hose gießt, so wie es bei der EU-Beobachtungsstelle und in vielen folgenden Medienberichten heißt.

Anna Dovgaljuk tritt selbst in dem Video gar nicht auf.

Zu sehen ist ihre Mitstreiterin Maria Rein.

Kein aufwändiger Dreh

Für die Behauptung, die Produktionsgesellschaft "My Ducks Vision" habe das Video realisiert, gibt es keinerlei Belege. Es handelte sich dabei um Spekulationen aus dem Netz, die noch nicht einmal mit Quelle benannt wurden. Anna Dovgaljuk und die Gesellschaft selbst dementierten die Gerüchte.

Dovgaljuk betont in Interviews, sie habe das Video mit einigen Mitstreitern selbst produziert. Tatsächlich scheint das Video nicht besonders aufwändig gedreht worden zu sein: Es gibt zumeist zwei Kamera-Einstellungen. So trägt offenkundig die junge Frau, die die Flüssigkeit vergießt, eine Kamera am Körper. Außerdem ist in mehreren Szenen am Rande ein Begleiter zu sehen, der wohl die zweite Kamera bei sich hatte - möglicherweise in einer Tasche.

"The Sun" berichtet umgehend

Das Video war zudem keineswegs zuerst von dem RT-Kanal "In the Now" verbreitet worden, sondern am 25. September von Anna Dovgaljuk selbst. "In the Now" veröffentlichte es am 26. September auf Facebook - und wies sogar darauf hin, dass es Stimmen gebe, die das Video für eine Inszenierung hielten.

Bereits am 25. September hatten große Medien, wie beispielsweise die britische Zeitung "The Sun", das Video veröffentlicht und über die Aktion gegen "Manspreading" berichtet. Auch in den sozialen Medien sorgte das "Manifest gegen Manspreading" umgehend für Aufsehen.

"The Sun" berichtete bereits am 25. September über das Video.

Post schnell wieder gelöscht

Bleibt noch die Aussage eines Mannes, der behauptet, er habe als Darsteller in dem Video mitgewirkt und zwei Betroffene gespielt. Diese Behauptung stammt aus der russischen Zeitung "Bumaga", die sich wiederum auf einen Beitrag in einem sozialen Netzwerk bezog. Darin behauptete ein Stanislav Kudrin demnach, er sei mit zwei Ersatzhosen zu einem Drehset gekommen und habe zwei Männer gespielt. In dem Video selbst lässt sich nicht eindeutig erkennen, ob Kudrin tatsächlich zwei Mal auftaucht.

Allerdings löschte er sein Posting schnell wieder. Und in einem Gespräch mit der russischen Zeitung "Metro" nahm er seine Behauptung sogar zurück. So erklärte Kudrin seine Behauptung damit, dass er sich geschämt habe, weil viele ihn erkannt hätten. Daher habe er behauptet, der Vorfall sei inszeniert gewesen. Kurz nach dem Interview löschte Kudrin sein Profil in dem sozialen Netzwerk.

Stanislav Kudrin hatte zunächst behauptet, er sei als Schauspieler aufgetreten. Diese Aussage nahm er umgehend wieder zurück und erklärte, er habe sich geschämt und diese Behauptung daher erfunden.

"Keine Feministin"

In verschiedenen Medien, die von einer angeblichen Inszenierung durch den Kreml berichteten, wurde zudem betont, Anna Dovgaljuk sei gar keine Feministin. Allerdings hatte sie dies auch nie behauptet. In einem Interview betonte sie, bezeichnete sie sich ausdrücklich nicht als Feministin, sondern als "soziale Aktivistin".

In verschiedenen Medien bekräftigte sie die Echtheit des "Manspreading"-Videos. Auf Instagram griff sie die EU-Informationsstelle scharf an: Die Kommission, die gegen Kreml-Fälschungen vorgehen solle, habe nun selbst eine Fake News verbreitet, schrieb Dovgaljuk - und sprach von "Idioten".

Die EU-Beobachtungsstelle spricht von einer Kreml-Inszenierung.

Dovgaljuk wies Berichte, es handele sich um einen Fake, zurück.

Dünne Indizien

Fazit: Die Indizien für eine Inszenierung sind äußerst dünn, Beweise liegen gar keine vor. Die Medienberichte dazu sind teilweise fehlerhaft: Das Video zeigt nicht Anna Dovgaljuk und es wurde nicht nur von russischen Staatsmedien verbreitet, sondern umgehend auch von vielen westlichen Medien.

Für die Beteiligung einer Produktionsgesellschaft liegen ebenfalls keine Belege vor. Und die Behauptung eines Mannes, er habe in dem Video mitgespielt, wäre allein noch kein Beweis für eine Kreml-Inszenierung. Zudem löschte Stanislav Kudrin sein Posting zeitnah wieder und erklärte, sich die Geschichte mit der Inszenierung ausgedacht zu haben.

Belege für eine Inszenierung für den Kreml fehlen.

Eine Analyse zeigte, dass in dem Video mehr als 50 Männern Flüssigkeit über die Hose gegossen wurde. Dopplungen sind nicht zu erkennen. Und selbst wenn einige Fälle inszeniert worden wären, beweist dies noch lange nicht eine Auftragsarbeit für den russischen Staat.

Die EU-Stelle gegen Desinformation antwortete bislang nicht auf eine Anfrage des ARD-faktenfinders, ob weitere Indizien für eine Kreml-Inszenierung vorliegen. In einer Nachricht verwies die EU-Stelle auf Medienberichte zu dem Fall. Eine weitere Reaktion steht bislang aus.

"Cui bono?" ist nicht genug

Offenkundig spielt das Video dem Kreml ideologisch in die Hände und kam durchaus gelegen. Dies gilt aber genauso für Massenmedien und rechte Regierungen in Europa oder den USA. Die Frage "Cui bono?" (Wem nützt es?) zu beantworten, reicht nicht aus, um Fake-Vorwürfe zu erheben. Nach den vorliegenden Informationen handelt es sich bei dem "Manspreading"-Video um keine Kreml-Inszenierung.

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