Proteste und Barrikaden auf dem Maidan in Kiew mit der ukrainischen Flagge im Vordergrund

Italienische Reportage im Faktencheck Georgische Sniper auf dem Maidan?

Stand: 01.12.2017 14:51 Uhr

Vor vier Jahren begann der Maidan-Aufstand in der Ukraine. Mehr als 80 Demonstranten und Polizisten wurden getötet. Drei Georgier gaben nun an, auf Seiten der Opposition bei Schießereien dabei gewesen zu sein. Doch es fehlen Belege.

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

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Silvia Stöber, tagesschau.de

Auf beiden Seiten der Institutskaja-Straße im Zentrum von Kiew erinnern Reihen von Fotos an die Toten des Maidan-Aufstands. Jeden Tag legen dort Menschen Blumen nieder, zünden Kerzen an und lassen sich vor den Bildern der meist jungen Männer fotografieren, die vor vier Jahren getötet wurden.

Soldaten gedenken der auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew getöteten Menschen.

Die Proteste hatten im November 2013 zunächst friedlich begonnen, doch Präsident Viktor Janukowitsch ließ Sicherheitskräfte mit Gewalt gegen die Demonstranten vorgehen. Der Protest radikalisierte sich und eskalierte um den 20. Februar 2014. Zu dieser Zeit wurden 48 Maidan-Aktivisten getötet. Nach Angaben der ukrainischen Generalstaatsanwaltschaft wurde gegen 239 Personen Anklage erhoben und 49 für schuldig befunden.

Italienischer TV-Bericht sorgt für Aufsehen

Doch viele Fragen sind offen: So wurden auf dem Maidan auch Polizisten getötet. Immer wieder gibt es Berichte, es seien Scharfschützen im Einsatz gewesen - auch in Gebäuden, die die Demonstranten kontrollierten. Letzteres soll eine zwanzigminütige TV-Dokumentation belegen, die kürzlich im Magazin "Matrix" des italienischen Senders "Canale 5" ausgestrahlt wurde.

Was der Kriegs- und Krisenreporter Gian Micalessin zusammengetragen hat, verbreiteten danach auch russische, ukrainische und deutsche Webseiten wie heise.de. Sein Bericht scheint zu bestätigen, was immer wieder kolportiert wird: Dass hinter dem Maidan-Protest ein Komplott steht, in das Ausländer involviert waren - in diesem Bericht mehrere Georgier und ein US-Amerikaner. Doch bei genauer Betrachtung fällt auf: Es fehlen Belege.

Angeblich georgisch-amerikanisches Komplott

Als Zeugen kommen in dem "Matrix"-Bericht drei Georgier zu Wort. Ihre Namen: Koba Nergadze, Zalogi Kvaratskhelia und Alexander Revazishvili. Nergadze erzählt, sie hätten auf Befehl von Georgiens Präsident Michail Saakashvili am 15. Januar 2014 zur Unterstützung der Maidan-Proteste in die Ukraine fliegen müssen. Jeder habe 1000 US-Dollar erhalten und weitere 5000 US-Dollar versprochen bekommen. Ihr Befehlsgeber sei Saakaschwilis Militärberater Mamuka Mamulashvili gewesen.

Ausgewählt worden seien sie als Mitglieder der Sicherheitskräfte Georgiens, berichtet Nergadze. Über Revazishvili heißt es, er habe in der georgischen Armee gedient und sei als Scharfschütze ausgebildet worden. Mamulashvili habe ihm gesagt: "Du musst nach Kiew gehen. Leute wie dich brauchen wir dort, um Scharfschützenpositionen auszusuchen."

Revazishvili zufolge wurden ihnen um den 15. Februar Waffen gegeben. "Uns wurde befohlen, wahllos auf die Polizisten und die Demonstranten zu schießen", sagt Revazishvili. Nergadze erklärt: "Wir sollten irgendwohin schießen, um Chaos anzurichten." In Begleitung ihres Befehlsgebers Mamulashvili sei der Amerikaner Brian Christopher Boyenger gewesen, der als Scharfschütze in einer US-Eliteeinheit gedient haben soll.

Der Maidan gleicht am 20. Februar 2014 einem Kriegsschauplatz. Die Waffenruhe, die in der Nacht geschlossen worden war, wurde am Vormittag gebrochen. Bei den Protesten sterben mehr als 80 Menschen - Demonstranten und Polizisten.

Ein krimineller Söldner?

Doch die Angaben der drei Georgier werfen Fragen auf. So findet sich der Name Alexandre Revazishvili auch in einer Mitteilung des georgischen Innenministeriums vom 15. September 2011. Handelt es sich um dieselbe Person und stimmen die offizielle Angaben, kann er während des Maidan-Aufstands nicht in Kiew gewesen sein.

In der Mitteilung geht es um die Aufklärung eines schweren Verbrechens an einer Familie mit Kidnapping, Gelderpressung und brutalem Mord im Jahr 1994. Die Täter, darunter Alexandre Revazishvili, seien festgenommen worden. In einem Video des Innenministeriums ist ein Foto des Mannes zu sehen. Es weist Ähnlichkeit mit dem Mann namens Revazishvili in der TV-Doku auf:

Screenshot der TV-Reportage: Revazishvili berichtet über seinen Auftrag in Kiew

Sceenshot eines georgischen Polizeivideos: Revazishvili wurde gefasst (2011)

Auf Anfrage des ARD-faktenfinders und des georgischen Senders "Erster Kanal" teilte das Ministerium für Strafvollzug in Tiflis mit, Revazishvili sei nach Zusammenarbeit mit den Behörden in dem Fall nur zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Aus dem Gefängnis entlassen wurde er demnach aber erst am 14. August 2014 - sechs Monate nach den Ereignissen auf dem Kiewer Maidan.

Zweifelhaftes Video vom Maidan

Als Beleg für seine Anwesenheit auf dem Maidan zeigt Revazishivli in der TV-Dokumentation ein Video auf einem Smartphone: "Das bin ich", sagt er dem italienischen Reporter Micalessin. Zu sehen sind drei Männer in einem Zelt. Am ähnlichsten sieht ihm ein Mann mit einer Kappe im Gesicht, sowie Trinkbecher und Zigarette in den Händen.

Screenshot der TV-Reportage: "Das bin ich", sagt Revazishvili

Wie ein BBC-Reporter herausfand, handelt es sich bei dem Video um einen Beitrag des Kreml-nahen Fernsehsenders "Life" vom 1. Dezember 2016, in dem ebenfalls behauptet wird, georgische Scharfschützen seien auf dem Maidan gewesen. Dessen Autor Semyon Pegov gibt an, er habe die Bilder 2014 in Kiew aufgenommen. Der Mann mit der Kappe sei Giorgi Svaridze, der in den 1990er-Jahren am Krieg um die von Georgien abtrünnige Region Abchasien teilgenommen habe.

Svaridze ist in diesem Bericht Pegovs nur in dieser einen Aufnahme zu sehen. In einem weiteren Report Pegovs aus Kiew ist er jedoch ein weiteres Mal zu sehen, und dort gibt er selbst seinen Namen mit Svaridze an. Deutlich wird zudem, dass er keine Ähnlichkeit mit Revazishvili hat.

Von den anderen beiden Georgiern in der italienischen TV-Reportage gibt es keinerlei Bildmaterial als Beleg dafür, dass sie tatsächlich während der Maidan-Proteste in Kiew waren.

Mitglied im "Security Service of Defend"

Außerdem ist fraglich, ob die drei Georgier, die sich als Söldner ausgeben, tatsächlich bei den georgischen Sicherheitskräften tätig waren: Als Beleg zeigt Nergadze dem italienischen Reporter ein Dokument, das ihn als Mitglied eines georgischen "Security Service of Defend" ausweist. Zu dieser sprachlich falschen englischen Bezeichnung kommt, dass auf demselben Dokument zwei verschiedene Schreibweisen für dasselbe Wort verwendet werden: "Certifikate" und "Certificate".

Screenshot der "Matrix"-Reportage: Zu sehen sind angebliche Militärausweise aus Georgien

Fragen an das Innenministerium und das Verteidigungsministerium Georgiens über das mögliche Bestehen einer solchen Behörde und weitere Fragen zu den drei Männern wurden bisher nicht beantwortet.

In öffentlich zugänglichen georgischen Quellen findet sich wenig über Nergadze und Kvaratskhelia: Kvaratskhelias Name steht zwar im öffentlichen Register und in den Listen der Zentralen Wahlkommission Georgiens von 2012, aber nicht mehr in den danach aktualisierten georgischen Wählerlisten.

Mamulashvili spricht von "russischer Propaganda"

Auch für die Angaben zu Befehlsgeber Mamulashvili und den US-Amerikaner Boyenger werden in der Doku keine Belege präsentiert. Auf Anfrage des ARD-faktenfinders und des georgischen "Ersten Kanals" erklärte Mamulashvili, er habe nichts mit diesen drei Männern zu tun. Es handele sich um russische Propaganda.

Mamulashvili gibt an, erst im April 2014 in die Ukraine gekommen zu sein, um im Donbass als Anführer der "Georgischen Legion" zu kämpfen. In der TV-Reportage ist er zwar gemeinsam mit Boyenger zu sehen. Doch dabei handelt es sich um eine Pressekonferenz vom 24. Februar 2016, wie die ukrainische Organisation StopFake herausfand.

StopFake verweist darauf, dass es bei diesem Pressetermin darum gegangen sei, dass sich Boyenger offiziell der "Georgischen Legion" in der Ukraine anschloss. Aus den Aussagen Mamulashvilis und Boyengers bei dieser Pressekonferenz gehe hervor, dass beide erst nach den Maidan-Ereignissen in die Ukraine gekommen seien - ein Widerspruch zu den Behauptungen in der italienischen TV-Reportage.

Saakashvili längst nicht mehr im Amt

Auch der in der TV-Doku hergestellte Zusammenhang zu Georgiens Ex-Präsident Mikheil Saakashvili kann so nicht stimmen. Nergadze gibt an, er und seine Mitstreiter hätten im Januar 2014 in die Ukraine gehen müssen: "Wir hatten keine Wahl. Es war der Befehl der Führung. Es war der Befehl von Präsident Saakashvili." Zu diesem Zeitpunkt war Saakashvili aber bereits nicht mehr Präsident Georgiens.

Er hatte sein Amt am 17. November 2013 an seinen Nachfolger Giorgi Margvelashvili von der Koalition "Georgischer Traum" übergeben. Diese hatte bereits ein Jahr zuvor die Regierung und damit die Kontrolle über die Ministerien und Behörden übernommen.

Saakashvili wischte in einem Facebook-Post sämtliche Behauptungen der italienischen Reportage beiseite und sprach seinerseits von einem russischen Komplott gegen ihn, in das seine politischen Gegner in Georgien und in der Ukraine involviert seien.

Mangels belastbarer Belege bleibt ungeklärt, ob die drei Georgier während der Maidan-Proteste überhaupt in Kiew waren und ihre Behauptungen damit stimmen können. Viele Medien verbreiteten diese Behauptungen aber, ohne diese selbst noch einmal zu prüfen oder weitere Recherchen anzustellen. Zur Aufklärung der Ereignisse auf dem Maidan trägt dies nicht bei. Auf Nachfragen reagierte der Journalist Micalessin nicht.

Mitarbeit: Dato Parulava und Irakli Absandze

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