Ein OPCW-Mitarbeiter untersucht in einem Labor in den Niederlanden Proben. | Bildquelle: AFP

Chlorgas in Sarakeb Wie die OPCW zu ihrem Ergebnis kam

Stand: 16.05.2018 15:40 Uhr

Augenzeugen, Proben und Videoanalysen sind die Basis für die Einschätzung, dass in Sarakeb Chlorgas wohl als Waffe eingesetzt wurde. In einem Bericht dokumentiert die OPCW ihr Vorgehen.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Die Organisation für das Verbot Chemischer Waffen (OPCW) hat den Einsatz von Giftgas bei einem Angriff in Syrien im Februar bestätigt. Eine Erkundungsmission sei zu dem Ergebnis gekommen, dass in der Stadt Sarakeb (englisch: Saraqeb) am 4. Februar 2018 Chlorgas aus Zylindern freigesetzt worden sei, teilte die Organisation mit. Es sei "wahrscheinlich als chemische Waffe eingesetzt worden".

Sarakeb liegt in der Region Idlib, etwa 50 Kilometer südwestlich von Aleppo an der Autobahn nach Damaskus. Vor Ausbruch des Kriegs in Syrien hatte die Stadt etwa 34.000 Einwohner. Im Februar 2018 stand die Stadt nicht unter der Kontrolle der Regierung.

Die OPCW-Experten legten einen 34-seitigen Bericht vor. Darin erklären sie ihre Arbeitsweise. So führten sie Interviews mit 19 männlichen Personen vom 14. Februar bis zum 4. März. Zeugen beschrieben, dass sie am 4. Februar um 21.15 Uhr einen Helikopter über der Stadt gehört hätten. Außerdem hätten sie das Geräusch von zwei Fässern vernommen, die heruntergefallen seien. Eine Explosion habe es nicht gegeben.

Die Zeugen beschrieben, wo die Zylinder - zumeist als Fässer bezeichnet - im Ostteil der Stadt heruntergefallen seien. In welcher Reihenfolge sie aufschlugen, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Auf Fotos ist auch zu sehen, wie rund um die Zylinder das Gras wie verbrannt oder ausgetrocknet wirkt.

An diesen Stellen schlugen die Zylinder laut OPCW-Untersuchungen in Sarakeb auf. Links ist die Abu Adh Dhuhur-Brücke der Autobahn nach Aleppo zu sehen. In dem Keller (Basement) hatten sich Augenzeugen in Sicherheit gebracht.

Wie Haushaltsreiniger - nur intensiver

Da es keine Explosionsgeräusche gegeben hatte, verließ ein Augenzeuge einen Keller, in dem er sich in Sicherheit gebracht hatte. Als er zurückkehrte, berichtete er von einem Chlorgeruch und verlor das Bewusstsein. Auch die anderen Personen in dem Keller verspürten Atemnot, Übelkeit und ein Brennen in den Augen. Der Geruch habe sie an Haushaltsreiniger erinnert - allerdings intensiver.

Um sich vor Giftgas zu schützen, versuchten mehrere Augenzeugen auf das Dach eines Gebäudes zu gelangen; auf dem Weg dorthin verloren aber mehrere von ihnen das Bewusstsein. Auch Rettungskräfte erklärten, sie hätten unter Atemnot gelitten und einige von ihnen das Bewusstsein verloren.

Die ersten Proben wurden einen Tag nach dem Angriff durch Mitglieder der oppositionellen Syria Civil Defence (SCD) genommen - den sogenannten Weißhelmen - und am 19. Februar den OPCW-Experten übergeben. Diese bereiteten das Material für den Transport vor. Es handelte sich dabei um Erde, Gras, metallische Gegenstände und Tücher, mit denen die Zylinder abgewischt worden waren. Die Proben wurden an mehreren Stellen rund um den Einschlagsort genommen und sind in dem OPCW-Bericht einzeln dokumentiert.

Die SCD hatte die Entnahme durch Fotos und Videos dokumentiert; die Fact-Finding-Mission überprüfte diese Angaben durch Befragungen und einen Abgleich vor Ort. Zudem wurden die Proben aufgeteilt und an verschiedene OPCW-Laboratorien geschickt.

Fotos von der Entnahme der Proben

Fotos von der Vermessung der Zylinder

Zudem wurden die Zylinder genau untersucht und vermessen. Laut OPCW beträgt ihr Volumen jeweils etwa 120 Liter. Die vorliegenden Zeugenaussagen sowie Fotos und Videoaufzeichnungen wurden durch Begehungen vor Ort abgeglichen. Laboranalysen bestätigten schließlich, dass in den Zylindern Chlorgas transportiert worden war.

Regierung um Hilfe gebeten

Am 6. März wurde zudem die syrische Regierung darüber informiert, dass die Fact-Finding-Mission der OPCW in Sarakeb dem Verdacht nachgehe, dort sei Giftgas eingesetzt worden. Zudem bat die OPCW um Unterstützung bei der Untersuchung.

In einem Schreiben vom 12. März antwortete die Regierung, Sarakeb stehe schon lange nicht mehr unter ihrer Kontrolle. Zudem hatte die Regierung eine technische Analyse auf Basis von frei zugänglichen Medien und Material beigefügt.

Am 14. März schrieb die OPCW erneut an die syrische Regierung und forderte weitere Informationen an. Eine Anfrage, die bis heute ohne Antwort geblieben ist.

Zwischen 2013 und 2017 wurden mehr als 30 Chemie-Attacken in Syrien dokumentiert. Für die meisten soll die Regierung verantwortlich sein, bei einigen ist es unklar, wer das Giftgas einsetzte. (Quelle: http://www.ohchr.org/SiteCollectionImages/Bodies/HRCouncil/IICISyria/COISyria_ChemicalWeapons.jpg)

Unklar blieb laut OPCW, warum auch andere Chemikalien in den Proben gefunden wurden. Zudem seien einige Symptome, über die Augenzeugen berichteten, anders gewesen, als es bei dem Einsatz von reinem Chlorgas zu erwarten wäre. Die OPCW-Experten konnten dies jedoch nicht weiter untersuchen, da sie nicht genügend Informationen für weitere Rückschlüsse hätten.

Die Experten betonten in diesem Kontext die Wichtigkeit, sofort und vollständigen Zugang zu betroffenen Gebieten zu erhalten. So gebe es die besten Chancen, Informationen zu sammeln.

OPCW untersucht den Fall Duma

Derzeit untersucht die OPCW den mutmaßlichen Giftgaseinsatz in Duma. Dort konnten die Experten erst mit erheblicher Verzögerung arbeiten. Während die USA und andere westliche Staaten davon ausgehen, dass es einen Giftgaseinsatz durch das syrische Militär gab, sprechen Russland und Syrien von einer kompletten Inszenierung durch die Weißhelme.

Die Fact-Finding-Mission (FFM) der OPCW wurde 2014 mit dem Mandat beauftragt, den wiederholten Einsatz von Giftgas in Syrien zu untersuchen. Die FFM soll feststellen, ob in Syrien chemische Waffen oder toxische Chemikalien als Waffen eingesetzt wurden. Das Mandat umfasst nicht den Auftrag, die jeweilige Urheberschaft zu bestimmen.

Syrien war nach einem Giftgasangriff 2013 unter starken internationalen Druck der OPCW beigetreten und hatte der Vernichtung seiner Chemiewaffen zugestimmt. Bis jetzt ist aber unklar, ob Damaskus tatsächlich alle Bestände gemeldet hatte. Chlorgas fällt zudem nicht unter das Verbot, da es auch für zivile Zwecke eingesetzt werden kann.

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