Nordkoreanische Rakete | Bildquelle: AP

Analyse zum Atomkonflikt Nordkoreas gefährliche Schwäche

Stand: 19.08.2017 13:52 Uhr

Unberechenbare Diktatoren und gefährlichste Waffen: Die jüngere Geschichte kennt viele Lektionen, wie die Welt damit umgehen kann - und wie besser nicht. Welche Lehren könnten die USA für den Konflikt mit Nordkorea daraus ziehen?

Eine Analyse von Georg Mascolo, WDR/NDR

Georg Mascolo, NDR | Bildquelle: picture alliance / dpa Logo NDR
Georg Mascolo, NDR

Donald Trump war gerade zum 45. Präsidenten der USA gewählt, da ereigneten sich zwei scheinbar nicht zusammenhängende Ereignisse: Barack Obama bat seinen Nachfolger zum Gespräch ins Weiße Haus. Der Vorgänger, so ist es Tradition, berichtet über die Krisen und Konflikte in der Welt, mit der es der neue Präsident zu tun haben wird. Nordkorea, so sagte es Obama nach übereinstimmenden Medienberichten, werde das schwerste Problem werden, mit dem Trump es nun zu tun bekomme.

Auch amerikanische Nuklear-Experten meldeten sich zu Wort. Es sei nun an der Zeit darüber nachzudenken, ob es nicht neue Regeln für den Einsatz von Atomwaffen brauche, denn es herrsche eine Art "nukleare Monarchie." Niemand, weder Parlament noch Gerichte, könnte dem Präsidenten in den Arm fallen, wenn er den Einsatz der Waffe befehle. Ein einzelner Mann entscheide über Krieg und Frieden. Und nun würde der sogenannte nukleare Football - eine Ledertasche voller High-Tech, die es dem US-Präsidenten erlaubt von jedem Ort der Welt aus Atomwaffen einzusetzen - ausgerechnet jemandem wie Trump hinterher getragen. Jemandem ohne jede militärische oder politische Erfahrung - und mit wenig Selbstbeherrschung.

US-Präsident Trump | Bildquelle: AFP

US-Präsident Trump

Seit dieser Woche teilen viele in der Welt diese Sorgen. Der Ton aus Washington und Pjöngjang ist zunehmend aggressiv, es ist eine gefährliche Mischung aus großen Egos und tödlichen Waffen. Wie lässt sich eine solche Weltkrise lösen? Lässt sie sich lösen?

Ein nie beendeter kalter Krieg

Historiker sagen: Die größte Gefahr für den Ausbruch eines neuen Krieges ist ein zuvor nicht wirklich ordentlich beendeter vorheriger Krieg. Nordkorea ist ein solcher Fall, ein von vielen lange vergessener Konflikt am anderen Ende der Welt. Ähnlich wie die Kuba-Krise drohte der Korea-Krieg Anfang der 50er-Jahre die Welt in einen atomaren Konflikt zu stürzen: China und die USA standen sich zum ersten und einzigen Mal direkt gegenüber, amerikanische Militärs wollten 34 Atombomben auf chinesische Städte abwerfen. Es war die größte Auseinandersetzung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs - eine Krise, die dazu beitrug, dass die Deutschen sich wieder bewaffneten und Teil der NATO wurden.

Einen Friedensvertrag gibt es bis heute nicht, es herrscht Kalter Krieg, und anders als in Europa ist er nie zu Ende gegangen. Die Mauer in Asien ist der 38. Breitengrad, der Nord- und Südkorea teilt. Beide Landesteile waren einmal gleichauf. Heute gehört der Süden zu den wirtschaftlich erfolgreichsten Ländern der Welt, die Quote der Universitätsabsolventen gehört zu den höchsten in der Welt. Im Norden herrscht Hunger. Wiedervereinigung - und die nordkoreanische Verfassung verlangt die Überwindung der Teilung - würde wohl den den Untergang des Systems im Norden bedeuten. So wie das System der DDR nach dem Fall der Mauer nicht gegen die Bundesrepublik bestehen konnte.

Nur bei der Rüstung Spitze

Nur in einem Bereich hat Nordkorea Weltniveau erreicht, bei der Produktion tödlicher Waffen. Der erste aus der Kim-Dynastie ließ 1956, drei Jahre nach dem Ende des Korea-Krieges, in Russland Atomphysiker ausbilden. Lange vor all den anderen späteren Atommächten, vor Israel, Indien, Pakistan (und denen, die es später versuchten) erkannte die Kim-Clique die wahre Macht der Atombombe: Sie ist eine Überlebensgarantie.

Seither hat das Regime noch jedem amerikanischen Präsidenten Sorgen bereitet und alle hofften erfolglos darauf, dass auch diese kommunistische Diktatur endlich einmal implodieren würde. Mal mit Drohungen, mal mit Zugeständnissen versuchten die USA, Nordkorea das ehrgeizige Atomprogramm abzuringen.

Aber statt Erfolgen gab es nur Rückschläge: Als George W. Bush im Oval Office saß, zündete Nordkorea seine erste Atombombe. In Obamas Amtszeit kamen vier weitere hinzu. Nur die Rüstung verschafft der nordkoreanischen Elite die Aufmerksamkeit, nach der sie sich so sehr sehnt.

Start einer nordkoreanischen Interkontinentalrakete | Bildquelle: dpa

Start einer nordkoreanischen Interkontinentalrakete

In der Geschichte der nuklearen Rüstung ist Nordkorea in zweierlei Hinsicht ein besonderer Fall und ein besonderes Risiko. Nach anfänglicher Hilfe - vermutlich durch Russland und China - ist es heute kaum mehr auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen. Sanktionen und das Verbot der Ausfuhr von Hochtechnologie aus dem Westen helfen daher kaum. Und Nordkorea verkauft anderen Regimen was es hat, um Geld zu verdienen. Schon der frühere US-Außenminister Colin Powell warnte einmal: Nordkorea sei nicht verrückt genug, andere Staaten anzugreifen. Aber arm genug, um seine Waffen an jeden zu verkaufen, der genügend dafür bezahlt. Syrien war einer der Kunden. Im September 2007 zerstörte die israelische Luftwaffe in der Operation "Obstgarten" einen Atomreaktor in der syrischen Wüste, den Nordkorea gebaut haben soll.

Sanktionen und wirtschaftliche Hilfen

Von solchen militärischen Maßnahmen gegen Nordkorea selbst hat sich noch jeder amerikanische Präsident gescheut. Nicht wegen der Stärke, sondern wegen der Schwäche Nordkoreas. Jede Eskalation, so sagen es amerikanische Militärs und Geheimdienstler, könne sofort zum Äußersten führen. Es ist eine alte Gleichung: Schon Richard Nixon verzichtete wegen eben dieser Sorgen 1969 auf harte Gegenmaßnahmen, nachdem Nordkorea ein US-Marineflugzeug abgeschossen hatte.

Unberechenbare Diktatoren und gefährlichste Waffen - die jüngere Geschichte kennt viele Lektionen, wie die Welt damit umgehen kann. Und wie sie es besser nicht tun sollte. Der Angriff auf den Irak - obwohl Saddam Hussein überhaupt nicht mehr an Raketen noch an Atomwaffen baute - war ein Desaster, dessen Folgen bis heute zu spüren sind: Krieg, Terrorismus und Flüchtlingswellen gehören dazu. Libyens Gaddafi-Regime zum Verzicht auf sein Atomprogramm zu bewegen, war ein Erfolg. Das Nuklearabkommen mit dem Iran ist eine diplomatische Meisterleistung. Es verhinderte höchst wahrscheinlich einen weiteren Krieg im Nahen Osten. Allerdings dauerte dies auch weit länger als ein Jahrzehnt.

Kim Jong Un | Bildquelle: AP

Kim Jong Un

Entlang dieser Linie gingen seit Jahren auch die Überlegungen der USA, wie man mit Nordkorea umgehen muss. Harte Sanktionen, um den Druck zu erhöhen, eine Schließung des nordkoreanischen Reaktors in Yong-Bon (in dem der Bomben-Stoff Plutonium produziert wird) und ein Ende der Urananreicherung (mit der hochangereichertes Uran für den Sprengsatz entsteht). Das spaltbare Material muss unter Aufsicht aus dem Land geschafft werden. Und im Gegenzug: Wirtschaftliche Hilfe, ein Ende der Sanktionen. Letztlich auch Anerkennung der marxistischen Erb-Monarchie. Entlang dieser Linien versuchte es schon Bill Clinton.

Schwierige diplomatische Verhandlungen

Beunruhigend ist nur: Alle bisherigen diplomatischen Versuche, das muss man sagen, sind gescheitert. Mit jedem Jahr gibt es in Nordkorea mehr atomare Sprengsätze und die Raketen fliegen ein Stück weiter. Passen die Sprengköpfe eines Tages in Raketen, die die amerikanische Westküste erreichen können, ist für die USA die rote Linie endgültig überschritten.

Gibt es Zeichen für Verhandlungsbereitschaft? Niemand aus der Kim-Clique spricht mit westlichen Medien. Aber es reicht schon ein Besuch beim nordkoreanischen Botschafter in Berlin, um zu ahnen, wie mühsam diplomatische Verhandlungen mit diesem Regime sein müssen. Zu den aktuellen Verschwörungstheorien dort gehört ein gerade enttarnter Plot, dass die CIA versuche, die Staatsführung mit chemischen und biologischen Waffen zu töten.

Mit solchen Leuten ist ein Erfolg bei diplomatischen Verhandlungen nicht garantiert, es gibt keine guten Optionen. Man kann sich aber an die klugen Worte des früheren US-Spitzen-Diplomat Nicolas Burns halten, einer der das Iran-Abkommen mit verhandelte und heute als Professor an der Harvard-Universität lehrt. Die Raketen-Abwehr in der Region ausbauen und China endlich klar machen, dass es seinen Einfluss auf Nordkorea nutzen muss, um die Atom-Rüstung zu beenden. Davon hänge die gesamte Zukunft des Verhältnisses zwischen den beiden großen Mächten dieser Zeit ab. Notfalls müsse es Sanktionen auch gegen jene chinesische Firmen geben, die mit Nordkorea Handel treiben.

Den Ernst der Lage erkannt

China hat den Ernst der Lage erkannt: Immerhin hat es der jüngsten Sanktionsverschärfung gegen Nordkorea zugestimmt. Man bemüht sich um ein gutes Verhältnis zu den USA. Eine gemeinsame und endgültige Lösung eben jenes Konfliktes, der China und die USA vor so langer Zeit einmal an den Rand eines großen Kriegs brachte, wäre ein diplomatischer Triumph. US-Diplomat Burns sagt, dafür brauche es nun die gleiche Kaltblütigkeit und strategische Weitsicht wie in den gefährlichsten Momenten des Kalten Krieges.

In jedem Fall müsse Trump mit den "schrillen und bombastischen Drohungen" aufhören. Zur amerikanischen Politik habe stets gehört, nicht mit dem Einsatz jener Waffe zu drohen, die die USA erfanden und als bisher einzige Macht der Welt 1945 auch zwei Mal einsetzen.

Nun entscheidet jemand wie Donald Trump darüber. Für die Welt wird viel davon abhängen, ob er auch etwas anderes als schrill und bombastisch beherrscht.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 11. August 2017 um 14:00 Uhr.

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