Unruhen in der nigerianischen Stadt Jos | Bildquelle: picture alliance / AA

Vorwürfe von rechten Blogs Gewalt gegen Christen verschwiegen?

Stand: 20.03.2019 10:00 Uhr

Nach dem Anschlag auf Muslime in Christchurch verweisen rechte Blogs auf Gewalt gegen Christen in Nigeria. Diese würde "verschwiegen". Tatsächlich ist der Dauerkonflikt in Nigeria aber nicht religiös motiviert.

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Patrick Gensing, tagesschau.de

Von Patrick Gensing, ARD-faktenfinder

"120 Christen in Nigeria ermordet - Medien schweigen", schreibt die Seite "Kath.net"; "Fulani-Islamisten ermorden 120 Christen in drei Wochen" - das berichtet die Internet-Seite "Epoch Times". Ähnliche Schlagzeilen sind seit dem Anschlag auf Muslime in Christchurch in verschiedenen rechten Blogs zu lesen. Viele behaupten, weltweit würde um Muslime getrauert, während Morde an Christen verschwiegen würden.

Als Basis für viele solcher Artikel und Kommentare in sozialen Medien dient das rechte Nachrichtenportal "Breitbart", das am 16. März berichtete, militante Muslime hätten in Nigeria innerhalb von drei Wochen 120 Christen getötet. "Breitbart" bezeichnete die Angreifer als Dschihadisten, also muslimische "Gotteskrieger".

Das US-Magazin beruft sich dabei wiederum auf die nigerianische Zeitung "The Guardian", die bereits am 27. Februar über Gewalttaten in dem Land berichtet hatte. Allerdings ist in dem Artikel nicht von Christen und Muslimen die Rede, sondern von einem Konflikt zwischen Bauern und Fulani-Nomaden. Auch die Zahl 120 taucht dort nicht auf.

"Religion nicht Ursache"

Die Nomaden leben vor allem im Norden Nigerias, während der Trockenzeit ziehen sie in zentrale Bundesstaaten.

Wolf Kinzel, der bei der Stiftung Wissenschaft und Politik zu Westafrika forscht, sagt im Gespräch mit dem ARD-faktenfinder: Dieser Konflikt gäre "seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, und er spitzt sich weiter zu". Grund seien unter anderem das starke Bevölkerungswachstum in Nigeria sowie die Folgen des Klimawandels: "Durch die zunehmende Trockenheit ziehen die Nomaden aus dem Norden weiter ins Zentrum des Landes, gleichzeitig wird im gleichen Gebiet immer mehr Fläche von Bauern beansprucht. Sie konkurrieren damit um Weideland und zunehmend knappe Flächen."

Der Konflikt habe zwar auch eine religiöse Komponente, sagt Kinzel. Die Bauern sind ganz überwiegend christlich, die Nomaden muslimisch. Aber die Religion sei nicht die Ursache. Es handele sich "um ein Konglomerat aus Gründen, die in dem Konflikt eine Rolle spielen". Dazu komme, dass Nigeria mit verschiedenen Problemen zu kämpfen hat; Politik und Sicherheitskräfte sind dadurch ständig überfordert und bekommen solche Konflikte nicht in den Griff.

"Mord und Totschlag, seit Jahren schon"

ARD-Korrespondent Jens Borchers schätzt die Lage ähnlich ein. Im Januar hatte er zuletzt über den Konflikt zwischen den Fulani-Nomaden und den Bauern berichtet:

Nomadische Viehzüchter suchen Gras und Wasser für ihre Tiere. Die ansässigen Bauern bauen Getreide und Früchte auf ihren Feldern an. Dafür brauchen sie die knappen Ressourcen Wasser und Land. Die Folge: Mord und Totschlag, seit Jahren schon, und wütende Proteste.

Was die rechten Blogs nicht erwähnen: Die Gräueltaten richten sich nicht nur gegen die Bauern, sondern auch gegen die Fulani-Nomaden. Beide Seite bewaffneten sich zunehmend, berichtet ARD-Korrespondent Borchers. Milizen hätten sich gebildet, es sei schon längst kein lokal begrenzter Konflikt mehr: 17 nigerianische Bundesstaaten sollen betroffen sein.

Fulani-Nomaden ziehen mit ihrem Vieh während der Trockenzeit in Regionen mit Wasser.

Osai Ojigho, Direktorin von Amnesty International in Nigeria, sagte der ARD, dieser Konflikt betreffe nicht nur Nigeria. Rasantes Bevölkerungswachstum und Klimaveränderungen führten zu immer mehr Druck auf die natürlichen Ressourcen. Zudem hätten sich "immer mehr Menschen in den Gebieten niedergelassen, in die Nomaden immer ihr Vieh getrieben haben. Das geht quer durch die Sahelregion, durch Westafrika."

Ob in Mali, Niger oder Nigeria: Die nomadischen Fulani-Viehhirten geraten oft in Konflikte mit Landwirten um knappe Ressourcen, berichtete die Deutsche Welle im Mai 2018. Oftmals sei es ein Kampf um politische Vorherrschaft.

"Wegen Fake News sterben Menschen"

Es handelt sich also um eine Spirale von Gewalt und Gegengewalt. Dazu wird die angespannte Situation noch durch Fake News angeheizt. Gezielt werden Fotos von anderen Verbrechen geteilt, die Polizei in Nigeria gibt Facebook eine Mitschuld an der Eskalation: Zwar seien Auseinandersetzungen zwischen den Volksgruppen älter als das soziale Netzwerk, doch hätten die dramatischen Aufnahmen zur Eskalation beigetragen. "Wegen Falschmeldungen auf Facebook sterben Menschen", sagte der Sprecher.

"Versagen von Politik und Sicherheitskräften"

Amnesty-Direktorin Ojigho kritisiert die Politik in Nigeria scharf:

Die Grundursache dieses Konflikts hat nichts mit Religion oder Ethnizität zu tun; es geht vor allem um Land und Zugang zu Weideland. Aber an manchen Orten wird der Wettbewerb um Ressourcen aufgrund des Versagens der Sicherheitskräfte als Vorwand für das Töten und Verstümmeln nach ethnischen oder religiösen Gesichtspunkten benutzt. Der Konflikt wurde auch von einigen Regierungsbeamten gefährlich politisiert.

Wie heftig der Konflikt im vergangenen Jahr eskaliert ist, zeigen Zahlen von Amnesty International. Demnach zählte die Organisation von Anfang 2016 bis Ende 2018 mehr als 3600 Todesopfer - mehr als die Hälfte davon waren im vergangenen Jahr zu beklagen. In einem ausführlichen Bericht listet Amnesty die gegenseitigen Angriffe auf und zitiert aus Gesprächen mit Augenzeugen.

Ausblenden und vereinfachen

Der Konflikt zwischen Bauern und Nomaden ist tatsächlich weiter eskaliert, zuletzt wegen der bevorstehenden Wahl in Nigeria. Experten betonen, es gebe verschiedene Ursachen für den Konflikt, die Religion sei eine von vielen Komponenten. Rechte Blogs reduzieren den komplexen Konflikt hingegen auf eine Ursache und erwähnen ausschließlich die Angriffe auf Bauern, blenden dafür Attacken auf Fulani-Nomaden aus.

Nachvollziehbar erscheint Kritik, dass die internationale Öffentlichkeit den Dauerkonflikt in Nigeria wenig beachtet. Zu einer seriösen Berichterstattung gehört es aber, die Ursachen nicht zu vereinfachen und Gräueltaten von einer Seite auszublenden.

Morden für Gras und Wasser – Konflikt der Viehzüchter und Bauern in Nigeria
Jens Borchers, ARD Rabat
09.02.2018 11:32 Uhr

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