Messer-Angreifer vor iranischer Botschaft in Wien erschossen | Bildquelle: dpa

Statistiken zur Kriminalität Anstieg von Messerattacken in Österreich

Stand: 07.04.2018 05:20 Uhr

In Deutschland werden Messerattacken bislang nur vereinzelt in Statistiken ausgewiesen. In Österreich zeigen Daten einen Anstieg solcher Delikte. Eine Analyse der Zahlen fehlt aber.

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Patrick Gensing, tagesschau.de

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Eine Zahl, die aufhorchen lässt: In Österreich sei die Zahl der Messerattacken zwischen 2007 und 2016 um fast 300 Prozent gestiegen. Das meldeten diverse Medien im März unter Berufung auf Zahlen des Bundeskriminalamts in Wien. Klar ist: Die Zahl der Delikte mit Stichwaffen ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen - die Angabe von fast 300 Prozent ist aber fragwürdig, wie ein genauer Blick auf die Statistik zeigt.

Messerdelikte seit 2003 erfasst

In Österreich wird bereits seit 2003 in der Polizeilichen Kriminalstatistik dokumentiert, bei wie vielen Straftaten ein Messer als Tatmittel registriert wurde. Zu den aufgeführten Gewaltdelikten gehören unter anderem Körperverletzung, schwere Körperverletzung, Vergewaltigung, geschlechtliche Nötigung und Mord.

Seit 2007 stehen diese Daten online zur Verfügung; für die Jahre davor stellte das Bundeskriminalamt auf Anfrage des ARD-faktenfinder die Zahlen zusammen. Daraus ergibt sich folgendes Bild:

Polizeiliche Kriminalstatistik Österreich
JahrGewaltdelikte mit Stichwaffen
2003123
2004191
2005174
2006148
2007189
2008201
2009214
2010476
2011461
2012413
2013416
2014522
2015633
2016743
2017701

Auffällig sind die relativ niedrigen Zahlen in den ersten Jahren nach Einführung der Statistik. Im Jahr 2010 verdoppelt sich die Fallzahl plötzlich. Eine Sprecherin des BKA in Wien teilte auf Nachfrage mit:

Seit 2010 werden die Daten zur PKS mittels dem Polizeilichen Protokollierungssystem PAD (Protokollieren, Anzeigen, Daten) erfasst. Erst seitdem ist die Auswahl eines Tatmittels zur Pflicht geworden.

Das heißt: Bis 2010 konnte ein Tatmittel eingetragen werden - seitdem muss es genannt werden. Der Schluss liegt somit nahe, dass die Zahl der Delikte mit Messern vor 2010 deutlich höher lag als in der Statistik erfasst. Ein Vergleich der Jahre 2007 und 2016 ist somit nur bedingt aussagekräftig, die Zahl von 300 Prozent eher unrealistisch. Denn dann müsste man erklären, warum die Zahl zwischen 2009 und 2010 um mehr als 100 Prozent gestiegen ist.

Anteil an Gesamtzahl relativ gering

Zudem erscheint es sinnvoll, die Zahl der Delikte mit Stichwaffen in Relation zu setzen zur Gewaltkriminalität insgesamt. 2007 gab es in Österreich 43.447 Gewaltdelikte, darunter 214 mit Stichwaffe - 2017 waren es 42.071, darunter 701 mit Stichwaffe. Die Zahl ist also insgesamt zurückgegangen, der Anteil der Delikte mit Stichwaffen gestiegen. Der Anteil von Messerattacken bleibt in Relation zur Gesamtzahl der Gewaltdelikte weiterhin relativ gering.

Zahl der Gewaltdelikte in Österreich
JahrInsgesamtMit Stichwaffe
200943.447214
201742.071701

Zu diesen Angaben gehört auch die Information: Die meisten der Taten mit Stichwaffen fallen in den Bereich Körperverletzung. Bei Straftaten wie Vergewaltigung und sexueller Nötigung lagen die Zahlen 2016 unter denen von 2010.

Delikte mit Stichwaffen in Österreich
Delikt20102016
Mord6173
Körperverletzung135265
Schwere Körperverletzung155165
Vergewaltigung1311
Geschlechtliche Nötigung63

Fakt bleibt aber, dass die Zahl der Delikte mit Stichwaffen gestiegen ist. Auch in Österreich sorgten einige besonders schwere Fälle für große Aufmerksamkeit, so beispielsweise die Messerattacke auf einen Wachsoldaten oder ein Angriff auf eine Familie in Wien-Leopoldstadt.

Traditionelle Männlichkeitskonzepte

Viele Experten und Medien vermuten, dass die steigende Zahl von Delikten mit Stichwaffen mit der Zuwanderung zu tun habe. Eine frühere Analyse des BKA kam dem Magazin "Profil" zufolge zu dem Ergebnis, dass der Anstieg der Gewaltdelikte von 2015 auf 2016 zu 75 Prozent auf "intrakulturelle" Konflikte zurückzuführen war. Dies betreffe beispielsweise Auseinandersetzungen zwischen Gruppen aus Afghanistan und Tschetschenien.

Und gerade in Gruppen mit jungen Männern gehe es nicht um Religion oder Ethnie, sondern um traditionelle Männlichkeitskonzepte, sagten Experten dem "Profil"-Magazin. Auch Sozialarbeiter, Richter und Polizisten berichten in Medien, dass das Messer als Tatmittel bei Konflikten zwischen jungen Migranten, aber auch Österreichern, eine zunehmend wichtige Rolle spiele. Wirtshausschlägereien gehörten der Vergangenheit an, heute werde schneller ein Messer gezückt.

Kein statistischer Beweis

"Der Standard" merkte allerdings an, es sei statistisch nicht bewiesen, dass der Anstieg der Delikte mit bestimmten Nationalitäten verknüpft sei:

Ob, wie manche Medienberichte insinuieren, Straftäter aus Afghanistan oder Tschetschenien überdurchschnittlich oft zu Hieb und Stichwaffen greifen und wegen der vermehrten Asylwerber aus diesen Ländern die Verwendung dieser Tatwaffen zugenommen hat, wird statistisch nicht ausgewertet. Der Anteil von Afghanen an allen fremdländischen Tatverdächtigen in Österreich lag 2016 bei 5,7 Prozent (84 Prozent davon waren Asylwerber). Tschetschenen werden als Staatsangehörige der Russischen Föderation erfasst, ihr Anteil an der Gesamtanzahl ausländischer Tatverdächtiger betrug nur 3,1 Prozent (ein Drittel davon Asylwerber). Die höchsten Anteile an der sogenannten Fremdenkriminalität machten mit jeweils rund zehn Prozent Beschuldigte aus Rumänien, Deutschland und Serbien aus.

Aus dem Affekt

Reinhard Haller, der als psychiatrischer Gerichtsgutachter schwere Delikte mit Stichwaffen analysiert hat, zählt mehrere Gründe dafür auf, warum ein Mensch zum Messer als Waffe greift. In der "Tiroler Tageszeitung" führt er aus:

Bei uns dominieren Körperverletzungen und Tötungen aus zwischenmenschlichen Motiven wie Eifersucht, Partnerstreit, familiäre Konflikte. Das wird nicht vorbereitet, sondern erfolgt situativ. Gerade bei Affektdelikten, also bei aufgeschaukelten Erregungen, ist der Griff zum Messer ohne lange Planungen und Überlegungen möglich."

Der Psychiater betont, dass Stichverletzungen oft schwerer zu behandeln seien als Schussverletzungen. Experten erklären zudem, dass ein Messer oft zur Verteidigung mit sich geführt werde. Wenn es dann zu einem Konflikt kommt, wird die Stichwaffen gezückt und schnell auch für den Angriff verwendet. Mit dramatischen Folgen.

Kritisiert wird daher auch die Gesetzeslage in Österreich: Im Gegensatz zu Deutschland ist das Tragen von Stichwaffen erlaubt - sowohl Kampf-, Butterfly- und Klappmesser jeder Art. Eine Verschärfung der Gesetze ist aber derzeit kein Thema. Dafür soll die Polizei neue Schutzwesten erhalten, um sich gegen Stichwaffen besser schützen zu können.

Was folgt aus den Zahlen?

Doch was folgt aus dem Befund, dass die Delikte mit Messer zugenommen haben, die Zahl der Gewalttaten aber insgesamt zurückgeht? Das BKA teilte auf Anfrage des ARD-faktenfinder mit, eine Detailanalyse der Zahlen - beispielsweise über Opfer und Täter sowie Tatorte - liege nicht vor.

Und Franz Lang vom Bundeskriminalamt sagte dem ORF: "Wir müssen das näher untersuchen. In der Regel tun wir aber das nicht alleine, sondern hier werden wir die Universität Wien oder andere universitäre Institute bitten, mit uns das gemeinsam näher zu erforschen."

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