Österreichs Außenminister Sebastian Kurz | Bildquelle: dpa

Islam-Studie manipuliert? Streit um die "Kurz-Fassung"

Stand: 08.07.2017 20:23 Uhr

Das Wiener Stadtmagazin "Falter" hat schwere Vorwürfe gegen das Wiener Außenministerium erhoben. Die Ergebnisse einer Studie über islamische Kindergärten seien frisiert worden. Doch der Autor der Untersuchung widerspricht.

Stephan Ozsváth, BR

Von Stephan Ozsváth, ARD-Hörfunkstudio Wien

"Frisier-Salon Kurz", so betitelt die Wiener Wochenzeitung "Falter" ihre Recherche zu einer umstrittenen Studie über Islamkindergärten. Der Vorwurf der Stadtzeitung: Beamte des Wiener Außenministeriums, das die Studie mit 36.000 Euro bezahlt hat, hätten sie politisch genehm frisiert. Autor und Chefredakteur Florian Klenk sagte dazu im ORF: "Sie bestellen eine Studie, und dann müssen sie sagen, 'ist in Ordnung' oder 'ist nicht in Ordnung'. Aber Sie können sich nicht hinsetzen und anfangen, die Ergebnisse der Studie - gemeinsam mit dem Professor oder nicht - umzuschreiben."

Im Original viel differenziertere Darstellung

Genau das ist laut "Falter" aber geschehen. Rund 900 Änderungen haben leitende Beamte des Außenministeriums in die Studie hinein redigiert, das lässt sich über die Word-Metadaten belegen, aus denen der "Falter" zitiert. Unterm Strich bleibt in der redigierten Fassung der Eindruck: Islamkindergärten legten vor allem Wert auf religiöse Erziehung und schotteten sich von der Mehrheitsgesellschaft ab. "Hier werden Aussagen ins Gegenteil verklärt", so Florian Klenk. "Der Professor Ednan Aslan hat das Bild viel differenzierter gezeichnet in der Originalstudie - und für die Politik brauche ich eine harte Schlagzeille. Ich brauch harte Worte, ich brauch das Wort Abschottung, und das Wort islamische Werte - und nicht Worte wie Respekt."

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Original und Endfassung der Studie im Vergleich

Abfotografierter Ausschnitt aus der österreichischen Zeitschrift "Falter"

"Kurz-Leaks" - so titelte das Magazin "Der Falter". Andere sprachen von einer "Kurz-Fassung".

Autor der Studie rudert hin und her

Der "Falter" zitiert etwa aus Seite 108 der Ursprungsversion: Es werde betont, dass sich der Islamkindergarten nicht von anderen Kindergärten unterscheide: Weder im Bildungsangebot, noch bei den pädagogischen Schwerpunkten, noch in der Wertevermittlung. In der frisierten Fassung klingt das ganz anders: als "unterscheidende Merkmale zu anderen Kindergärten werde die Bedeutung der religiösen Bildung/Erziehung hervorgehoben".

Der Autor der Studie, Religionspädagoge Aslan verwahrt sich gegen die Manipulationsvorwürfe und spricht von einer "wissenschaftlichen Diffamierung". In der ORF-Sendung "Wien heute" meinte er: "Ich stehe hinter meiner Studie, ich vertrete jedes Wort, jeden Punkt, jedes Komma in meinem Bericht."

Das las sich wenige Tage zuvor im "Falter" noch anders. Da sprach er noch von "Bauchschmerzen" und behauptete, von den Korrekturen nichts gewusst zu haben. Falter-Chefredakteur Klenk zeichnet Aslans Positionswechsel so nach: "Ich habe Herrn Aslan in seinem Büro besucht, da war er überrascht. Er hat gesagt, 'ich hab Bauchschmerzen, ich weiß nicht, was da los ist.' Er hatte überlegt, ob er sich zurückzieht aus dem Projekt. Am nächsten Tag hat er mir eine SMS geschickt, dass er sich das immer noch nicht erklären kann. Und am Montag sagt er, es ist alles von ihm angeordnet worden."

Was wusste Außenminister Kurz?

Auf ARD-Anfragen antworteten weder Klenk noch Aslan noch das Außenministerium. Die Frage steht im Raum: Hat Sebastian Kurz die Manipulationen angeordnet? "Wir sind doch nicht deppert", zitiert der "Falter" einen Sprecher des Kurz-Ministeriums, vor allem Kommata und Absätze seien verändert worden. Die Änderungen seien mit Studienleiter Aslan abgesprochen worden, so ein Sprecher. Kurz habe nichts davon gewusst. In der ORF-Sendung ZIB 2 sagt der Minister selbst: "Was stattgefunden hat, war, dass er sich während der Erstellung mit anderen Experten, Professoren aus Deutschland und auch Beamten des Ministeriums ausgetauscht hat."

Opposition wettert über "Kurz-Fassung"

Im Oktober wird in Österreich gewählt. Außenminister Kurz will Kanzler werden. Seine Themen: Grenzen schließen, Kopftuch-Verbot, Islam-Kindergärten schließen. Für Kurz' politischen Gegner kommt der "Falter"-Artikel gelegen. Wiens Bürgermeister Michael Häupl von den Sozialdemokraten, meint: "Dass man eine Studie fälscht, ist so ziemlich das Allerletzte. Für mich hat der Begriff 'Kurz-Fassung' plötzlich eine ganz neue Bedeutung."

Muna Duzdar, Staatssekretärin im Wiener Bundeskanzleramt und ebenfalls Sozialdemokratin - forderte den Außenminister auf, gegen die beteiligten Beamten ein Disziplinar-Verfahren einzuleiten. Kurz kontert: Die Stadt Wien wolle von den Problemen ablenken.

Universität Wien soll Studie prüfen

Die Uni Wien wird nun prüfen, ob die Studie wissenschaftlichen Anforderungen genügt. Oliver Vitouch, Vorsitzender der Uni-Rektorenkonferenz sagt, worum es bei der Prüfung geht: "Was daran ist möglicherweise eine Unachtsamkeit, Fahrlässigkeit, auch Blauäugigkeit, und was davon ist durch welche Beteiligten mit Absicht und Ziel und mit ganz bestimmten politischen Interessen geschehen."

Das Ergebnis der Prüfung soll bald vorliegen. Der islamische Theologe Mouhanad Khorchide sprang seinem Kollegen bei. So sagte er in einem Statement auf seiner Facebook-Seite, man solle keine vorschnellen Urteile fällen und "die Ergebnisse der Untersuchungskommission abwarten". Das "andere Thema" beträfe aber die "Qualität der islamischen Kindergärten in Wien. Unabhängig von Studien und Spekulationen, benötigen wir dringend einen Kriterienkatalog für die Sicherung der Qualität", so Khorchide.

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