"Pray For Manchester" auf der britischen Flagge  | Bildquelle: AFP

Fake News nach Manchester Zynisches Spiel mit gefälschten Vermisstenfotos

Stand: 26.05.2017 19:28 Uhr

Nach Anschlägen verbreiten sich in den sozialen Netzwerken häufig Falschmeldungen. Experten haben nach dem Angriff auf die Konzertbesucher im britischen Manchester aber außergewöhnlich viele Fake News registriert. Als mögliche Triebfeder machen sie eine Sucht nach Aufmerksamkeit aus.

Von Christoph Tanneberger, tagesschau.de

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Christoph Tanneberger, tagesschau.de

In dieser Woche passierte Andrea Noel etwas Verstörendes: Es war schon spät in der Nacht von Montag auf Dienstag, als die Journalistin plötzlich von Freunden kontaktiert wurde. Ob sie wohlauf sei nach dem Anschlag auf die Konzertbesucher in Manchester, wollten die Bekannten wissen. Sie sei in Sicherheit und wohlauf in Mexiko, habe sie geantwortet. Dort lebt und arbeitet sie seit einiger Zeit. Die Geschichte hat sie ihren Kollegen der US-Nachrichtenseite "The Daily Beast" erzählt.

Zahlreiche gefälschte Bilder von Vermissten im Umlauf

Wie konnte es zu dieser Verwechslung kommen? Noel und ihre Bekannten sind Opfer einer Falschnachricht auf Twitter geworden, die sich nach dem Terroranschlag zehntausendfach verbreitet hat, oft wahrscheinlich aus dem Wunsch heraus zu helfen, und die sogar im US-Fernsehen auf Fox News erschien. Zu sehen ist ein Foto von Noel in einer Collage zusammen mit 24 anderen jungen Frauen und Männern. Sie alle wurden nach dem Anschlag auf das Konzert in Manchester als vermisst gemeldet. Andere Twitter-Nutzer wurden aufgefordert, bei der Suche zu helfen. Wer der eigentliche Urheber ist, ließ sich bislang nicht rekonstruieren.

Diese Collage mit vermeintlich Vermissten kursierte nach dem Anschlag im Netz und wurde tausendfach geteilt. Die meisten Tweets sind inzwischen aber wieder gelöscht.

Vielen anderen in der Collage abgebildeten Personen erging es ähnlich wie Andrea Noel. So zeigt das Foto unter Noel den jungen amerikanischen Food-Blogger John. Auf seinem Youtube-Kanal "ReportOFTheWeek" postete er ein Video mit dem Titel "I am alive - ich bin am Leben", in dem er seine Community wissen lässt: "Mir geht es gut - und ich bin in den Vereinigten Staaten, nicht im Vereinigten Königreich!"

Das Bild über Noel zeigt Gem Devine aus Australien. Sie ist zwölf Jahre alt und war zum Zeitpunkt des Attentats in der Schule. Ihre Mutter entdeckte das Foto ihrer Tochter im Netz und postete sofort ein Lebenszeichen auf Facebook.

Neues Ausmaß an Fake News

James A. Neufeld analysiert das Nachrichtengeschehen auf Twitter sehr genau. Mit seinem Startup "Samdesk" hat er eine Software entwickelt, die frühzeitig Trends in den sozialen Netzwerk erkennen kann und die auch während des Anschlags in Manchester aktiv war. "Das hohe Ausmaß der gefälschten Hilferufe und Vermisstenbilder ist aus unserer Sicht neu", sagt er dem ARD-faktenfinder. Dass nach Terror-Anschlägen verstärkt gefälschte Fotos und Videos in sozialen Netzwerken kursieren, sei ein bekanntes Phänomen. "Dieses Mal haben wir aber viel mehr Trolle gesehen, die auch aktiver waren als sonst."

Konzert richtete sich an junge Zielgruppe

Das könnte damit zusammenhängen, dass die Sängerin Ariana Grande besonders bei Jugendlichen beliebt ist. Deswegen habe das Ereignis auch in den sozialen Netzwerken einen besonderen Widerhall erlebt. Etliche Fotos und Videos vom Konzert zirkulieren in den Netzwerken, wie zum Beispiel die "Washington Post" und "Mashable" berichten. Nach dem Anschlag rollte eine Welle der Hilfsbereitschaft durchs Netz. Unter dem Hashtag #manchestermissing suchten Freunde und Verwandte tatsächlich nach Vermissten. Außerdem wurden auf Twitter kostenlose Taxi-Fahrten und Schlafplätze für Bedürftige angeboten. "Mit den gefälschten Vermisstenmeldungen haben sich wohl so manche Zuneigung erschleichen wollen", so Neufeld.

Anderen geht es offenbar aber vor allem um Klicks, was auch Abdulfatah Ali Abdulkadir aus Kairo zu spüren bekam. Der Twitter-Nutzer "sam" kopierte sein Profilbild und verbreitete es mit diesem Zusatz: "Bitte helft, Abdul zu finden. Er kriegt eine Chemo-Therapie, und wir machen uns Sorgen um ihn. Zuletzt haben wir von ihm vor dem Konzert von Ariana gehört." Mittlerweile ist der Account gesperrt.

Abdulkadir beschwerte sich über den Missbrauch seines Fotos per Tweet und bekam diese Antwort: "Schau' doch nur, wie viele Klicks ich Dir beschert habe!" Die US-Seite Buzzfeed berichtet, im Internet-Forum "4Chan" hätten sich manche sogar gezielt darüber verabredet, welche Fake-Bilder sie als nächstes in Umlauf bringen wollen.

Absichtliches Streuen von Gerüchten ist nicht neu

Haben die sozialen Netzwerke eine neue soziale Brutalität hervorgebracht? Erhard Schüttpelz ist Professor für Medienwissenschaften an der Universität Siegen und beobachtet auch die sozialen Netzwerke. "Boshaftigkeit gab es schon immer", sagt er dem ARD-faktenfinder, "früher wurden Gerüchte durch Flugblätter verbreitet. Durch die neuen Medien erhalten sie nur schneller eine größere Öffentlichkeit." Und wer Gerüchte streut, könne jederzeit den Zuwachs seiner Likes und Retweets kontrollieren. Das bringe "narzisstische Befriedigung", sagt Schüttpelz.

Den Geschädigten bereitet es vor allem Kummer. Auf Twitter schrieb die Journalistin Noel einen Tag, nachdem sie in der Foto-Collage auftauchte: "Warum ich so müde bin? Trolle würden sagen, ich hatte eine stressige Nacht [...]." Ihren Kollegen von "The Daily Beast" sagte sie: "Es ist einfach unglaublich, dass Leute ihren Vorteil aus so einer chaotischen, verwirrenden und schrecklichen Situation ziehen - und so etwas viral gehen lassen, wenn andere wirklich nach Familienmitgliedern suchen."

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