Demonstration in London (Quelle: Raphael Satter)

Fake News-Vorwurf im Netz Wirbel um CNN-Dreh in London

Stand: 05.06.2017 13:02 Uhr

Der US-Sender CNN sieht sich mit massiven Fake-News-Vorwürfen im Internet konfrontiert: Auslöser war ein Video von Dreharbeiten in London, in dem Demonstranten positioniert und dann gefilmt wurden. CNN weist die Anschuldigungen zurück.

Von Wolfgang Wichmann, tagesschau.de

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Wolfgang Wichmann, tagesschau.de

Im Internet ist ein Video von Dreharbeiten des US-Fernsehsenders CNN binnen Stunden zehntausendfach geteilt worden. Zuerst veröffentlicht wurde es offenbar auf dem Twitter-Kanal des Users @markantro. Zu sehen ist dort die CNN-Moderatorin Becky Anderson bei Dreharbeiten nach dem jüngsten Terroranschlag mit einem Van in der Londoner Innenstadt. Im Hintergrund des Videos werden Frauen, Männer und ein Kind von Sicherheitsleuten durch eine Absperrung geleitet. Danach stellen sich die Personen als Gruppe auf und präsentieren Protestplakate unter anderem gegen den Terror und gegen den "Islamischen Staat". Mitarbeiter der TV-Crew um Becky Anderson dirigieren die Gruppe auf ihre Position. Dann beginnen die Dreharbeiten.

Socialmedia-Aktivist sorgt für Verbreitung im Netz

Kurz darauf griff der amerikanische Blogger und Socialmedia-Aktivist Mike Cernovich das Video auf. Cernovich beschreibt sich selbst als "amerikanischer Nationalist" und nutzte seine reichweiten-starken Socialmedia-Kanäle zuletzt vor allem für eine Pro-Trump-Berichterstattung im vergangenen US-Präsidentenwahlkampf.

Cernovich veröffentlichte Kopien des Videos auf seinen Accounts bei Facebook, YouTube und Twitter. Auf der Website medium.com fasste er die Kritik an CNN in einem kurzen Blogeintrag zusammen. Die Überschrift: "CNN Caught Staging Fake News Scene" - übersetzt: "CNN bei der Inszenierung eine Fake-News-Szene erwischt".

Vorwurf: CNN übergibt Plakate an Demonstranten

Die Vorwürfe an CNN sind weitreichend: Den Mitarbeitern des Senders wird vorgeworfen, den muslimischen Demonstranten ihre Protestplakate übergeben zu haben. In dem Blogeintrag heißt es: "Becky Anderson of CNN is seen in London handing props to a 'peace group'". Zudem wird der Ersteller des Videos, Twitter-User @markantro zitiert, der offenbar den Eindruck hatte, die Inszenierung vor Ort könnte mit der britischen BBC abgestimmt gewesen sein.

Seit der Veröffentlichung des Videos durch Mike Cernovich ist das Video des CNN-Drehs zehntausendfach geklickt und geteilt worden. Das YouTube-Video wurde am ersten Tag fast 50.000 Mal angesehen. Bei Facebook wurde das Video allein von Cernovichs Account aus mehr als 11.000 Mal geteilt.

Gruppe demonstrierte auch an anderer Stelle

Was das Video des Twitter-Users @markantro nicht zeigt: Die Gruppe von demonstrierenden Muslimen hat sich auch an anderer Stelle versammelt. Darüber berichtete unter anderem der AP-Fotograf Raphael Satter. Bei Twitter schrieb er zu einem Foto: "Eine Gruppe Londoner Muslime erschien mit Blumen und Plakaten. Darauf geschrieben: "ISIS wird verlieren" und "Liebe wird siegen".

Wie unschwer zu erkennen ist, fand diese Demonstration an einer anderen Stelle statt, als die Dreharbeiten von CNN. Ein Foto von der Protestaktion veröffentlichte Raphael Satter später auch über die Agentur AP. Dieses Foto wurde auch von tagesschau.de veröffentlicht. Im Begleittext der Agentur heißt es: Muslime tragen Plakate mit der Aufschrift "ISIS wird verlieren" und "#TurnToLove" an der Polizeiabsperrung in Südlondon nach dem Angriff mit mehreren Toten am Samstagabend." AP veröffentlichte das Bild unter anderem in diesem Beitrag über den Londoner Stadtteil Borough.

London | Bildquelle: AP

AP-Foto von einer Gruppe demonstrierender Muslime nach dem Terrorangriff in London.

Auf Twitter äußerte Satter Unverständnis für den Vorwurf, die Demonstration hätte nie stattgefunden. Eine Anfrage der ARD-faktenfinder an den AP-Fotograf zu den genauen Umständen des Protests und zur Gruppe der Protestierenden blieb bislang unbeantwortet.

ARD-Producer: "Demonstranten waren stundenlang vor Ort"

Auch Rob Broomby, Producer des ARD-Studios London, traf die Gruppe von muslimischen Demonstranten vor Ort und twitterte ein Foto. "Die Gruppe war fast den ganzen Tag vor Ort - mehrere Stunden lang." Mit ihren Plakaten und Blumen in der Hand hätten die Frauen und Männer gewartet und mit vielen anwesenden Journalisten gesprochen. Schließlich seien sie von den Sicherheitskräften durch die Absperrung durchgelassen worden, um Blumen an einer spontan eingerichteten Gedenkstelle an einer Verkehrsinsel niederlegen zu können. Parallel dazu sei CNN dann live gegangen und Becky Anderson habe auf das reagiert, was sich hinter ihr abspielte, so Broomby. "Das war meinem Gefühl zufolge ein normales journalistisches Vorgehen."

Eine Verkehrsinsel im Londoner Süden wurde spontan genutzt, um Blumen für die Opfer niederzulegen. | Bildquelle: AP

Eine Verkehrsinsel im Londoner Süden wurde spontan genutzt, um Blumen für die Opfer niederzulegen.

CNN weist die Anschuldigungen zurück

Der US-Sender wies die Anschuldigungen ebenfalls zurück. Auf Twitter teilte der Sender bezugnehmend auf die Vorwürfe mit: "Das ist Unsinn. Die Polizei ließ die Demonstranten durch die Absperrung, um ihre Plakate zu zeigen. CNN hat dies gemeinsam mit anderen Medien schlicht gefilmt." Laut Brian Stelter, Senior Korrespondent bei CNN, handelte es sich bei den anderen Medien um BBC und AP.

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