Kommentar zu angeblichem CNN-Fake Was nicht sein kann, darf nicht sein

Stand: 08.06.2017 15:09 Uhr

Eine kleine Demonstration von Muslimen in London hat im Netz heftige Reaktionen ausgelöst: Der Protest sei inszeniert worden, die Teilnehmer bezahlt. Die Angelegenheit zeigt, wie sich eine virtuelle Parallelöffentlichkeit eine eigene Realität schafft.

Ein Kommentar von Patrick Gensing, tagesschau.de

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Patrick Gensing, tagesschau.de

Muslime sollten sich vom Terror distanzieren: eine Forderung, die in Deutschland zuletzt diskutiert wurde – wieder einmal. In London demonstrierte derweil eine Gruppe von Muslimen gegen den Terror. Der "London Fatwa Council" hatte den Protest organisiert. Der Vorsitzende Mohammad Yazdani war bereits am 4. Juni, einen Tag nach dem Anschlag, auf Londons Straßen unterwegs, um gegen den islamistischen Terror zu demonstrieren.

In einer Stellungnahme drückte er zudem sein Beileid aus und verurteilte den Terror deutlich. Am selben Tag demonstrierte eine Gruppe von Muslimen gegen den Terror, sie trugen Plakate mit den Hashtags #turntolove und #forlondon.

Unter anderem berichtete die BBC am 5. Juni in einem Beitrag über den Protest, in dem es um Reaktionen von Londoner Muslimen auf den Anschlag ging. Darin hieß es: Das "London Fatwa Council" habe am Sonntag einen "kleinen Marsch" am Borough Market organisiert, um sich mit den Opfern des Anschlags zu solidarisieren.

Solidaritätsaktion im März

Schon nach dem Anschlag auf die Westminster-Bridge im März 2017 hatten sich muslimische Frauen mit den Opfern solidarisiert. Eine Teilnehmerin sagte damals zum "Independent": London sei ihre Stadt. Der Protest sei nur eine sehr kleine Geste – aber das Leben besteht aus vielen kleinen Gesten. In Deutschland berichtete "Die Welt" von etwa 100 Teilnehmerinnen an der Mahnwache, größere Aufmerksamkeit erhielt die Aktion ansonsten allerdings nicht.

Zuerst kaum Aufmerksamkeit in Deutschland

Auch der kleine Marsch des "London Fatwa Council" am 4. Juni spielte in deutschen Medien keine Rolle – bis im Netz die Nachricht die Runde machte, wonach CNN Fake News inszeniert habe. Als vermeintlicher Beweis diente ein Video, das von einem US-Nationalisten verbreitet wurde, auf dem zu sehen ist, wie die erwähnten protestierenden Muslime durch eine Absperrung der Polizei gehen und sich vor Kameras aufstellen. Sie tragen die bereits erwähnten Plakate mit den Hashtags #turntolove oder #forlondon, die auch an anderen Orten zu sehen waren. Im Vordergrund stehen weitere Personen, entweder Reporter oder Passanten, die die Szenerie beobachten.

Auf den von CNN gesendeten Bildern wurde im Folgenden keineswegs der Eindruck vermittelt, es handele sich um mehr Personen, als tatsächlich zu sehen sind. Es wurde zudem deutlich, dass die Gruppe von Protestlern an einem abgesperrten Ort steht - im Hintergrund ist niemand zu sehen, im Vordergrund flattert ein Absperrband, daneben kauern einige Reporter. CNN erklärte auf Twitter, die Protestler seien durch die Polizei-Absperrung gegangen und hätten sich dann aufgestellt, CNN habe dies eben gefilmt – gemeinsam mit anderen Journalisten. Der Vorwurf einer Inszenierung sei Unsinn. Die CNN-Darstellung deckt sich mit dem Video, das den vermeintlichen Fake belegen soll.

Dennoch verbreitete sich rasend schnell die Legende, hier sei ein Protest inszeniert worden. Offenkundig wollen viele Nutzer nicht wahrhaben, dass es Muslime gibt, die sich öffentlich gegen den Terror stellen. Und so machen die wildesten Spekulationen die Runde: CNN habe beispielsweise die Plakate mitgebracht und den verkleideten Demonstranten übergeben. Dass der kleine Protestzug mit den Plakaten auch anderswo unterwegs war, wurde einfach ausgeblendet.

AfD: Demo hat nie stattgefunden

Die AfD behauptete sogar, der Protest der Muslime habe nie stattgefunden und Statisten seien mit Kleidung und Plakaten ausgestattet worden. Dann nahm die AfD tagesschau.de ins Visier und kritisierte, dass in einer Meldung ein Foto verwendet wurde, auf dem die angeblich inszenierte Demonstration zu sehen war.

Zwar ruderte die AfD später in bewährter Manier etwas zurück, bemerkenswerter ist aber: tagesschau.de war tatsächlich eine Ungenauigkeit unterlaufen, die in dem Getöse aber komplett untergegangen ist. Denn in der betreffenden Meldung, in der ein Bild von der Protest-Gruppe eingesetzt wurde, ging es gar nicht um die Reaktion der Muslime in London, sondern um die Terrorgruppe IS, die den Anschlag für sich reklamierte. Dieses Bild tauschte tagesschau.de aus, da einer Kollegin aufgefallen war, dass es schlicht nicht zum Inhalt des Beitrags gepasst hatte. Alles Informationen, die man erfahren könnte, wenn man fragen würde – statt einfach im Netz loszupoltern.

AP-Foto von einer Gruppe demonstrierender Muslime nach dem Terrorangriff in London.

Keine Fake News

Die Protestaktion von Muslimen war keine gezielte Falschmeldung, sondern hat tatsächlich in London stattgefunden. Ähnliche Aktionen hat es bereits zuvor und auch danach gegeben, zuletzt gestern. Von einer Inszenierung durch CNN kann angesichts der Kürze und Ablauf des gesamten Vorgangs vor Ort keine Rede sein.

In deutschen Medien spielte der Protest der kleinen Gruppe in London zunächst kaum eine Rolle – bis eben der Vorwurf der Fake News verbreitet wurde. Sucht man beispielsweise nach Meldungen über den Protest der Muslime, wird man vor allem eins finden: Berichte über den vermeintlichen Fake.

Grenzen verschwimmen

Die ganze Angelegenheit zeigt, wie eine eigene Realität geschaffen wird, in der anekdotisches Wissen, Bauchgefühl und Emotionen entscheidend sind – nicht Argumente und Aufklärung. Weil nicht sein darf, was nicht sein kann, wird ein realer Protest von Muslimen – so klein er auch gewesen sein mag – kurzerhand zur Fälschung und somit als nicht-existent abgetan. Die Grenzen zwischen virtueller Vorstellung und Realität beginnen zu verschwimmen. Falsche Behauptungen werden einfach so lange wiederholt, bis sie zu gefühlten Wahrheiten werden. Das einzige, was die Flut der Irrationalität eindämmen kann, ist klarer und sachlicher Widerspruch. 

 

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