Nach dem Attentat auf den US-Präsidenten John F. Kennedy  | Bildquelle: AP

Freigabe von JFK-Akten Mythen um Kennedys Mörder

Stand: 26.10.2017 15:13 Uhr

Zahlreiche Verschwörungstheorien umranken den Tod von US-Präsident John F. Kennedy. Nun werden weitere Geheimakten für die Öffentlichkeit freigegeben. Die neuen Informationen dürften die Zweifler an der offiziellen Version vom Einzeltäter aber wahrscheinlich nicht überzeugen.

Von Christoph Tanneberger, tagesschau.de

Christoph Tanneberg Logo tagesschau.de
Christoph Tanneberger, tagesschau.de

Es muss ein schöner Morgen gewesen sein, am 22. November 1963 in Dallas. Die Luft kühl, der Himmel klar und sonnig. Wahrscheinlich fuhr die Präsidentenlimousine deswegen später als Cabrio durch Dallas - und ohne das schützende Plexiglasdach. John F. Kennedy dürfte das gefallen haben. Die winkenden Menschen am Straßenrand konnten ihn und seine Frau Jackie so besser sehen. Kennedy wollte wiedergewählt werden. Volksnähe machte sich schon damals gut.

Attentat in Dallas

Doch dann ging alles sehr schnell. Plötzlich waren drei Schüsse zu hören. Einige der Zuschauer warfen sich zu Boden. Kennedys Kopf fiel zur Seite. Der 34. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ermordet. Wenige Stunden später wurde sein Stellvertreter Lyndon B. Johnson an Bord der Air Force One als neuer Präsident vereidigt.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Polizei bereits den Mann festgenommen, der nach offizieller Lesart bis heute als Kennedys Mörder gilt: Lee Harvey Oswald. Er war damals 24 Jahre alt, hatte einige Jahre in der Armee gedient und war bei den US-Marines auch am Gewehr ausgebildet worden. Er interessierte sich für den Marxismus und hatte mehrere Jahre in der Sowjetunion gelebt. Doch konnte es wirklich sein, dass ein einzelner Mann den mächtigen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika erschießt?

Der sogenannte Warren-Report

Lee Harvey Oswald posiert mit einem Gewehr und marxistischen Zeitschriften.

Zum Einzeltäter hatte ihn die sogenannte Warren-Kommission 1964 erklärt. Kennedys Nachfolger Johnson hatte eine Woche nach der Ermordung seines Vorgängers den Richter am Supreme Court Earl Warren mit einer Untersuchung des Kennedy-Mordes beauftragt. Die von Warren geleitete Kommission erklärte in ihrem 1964 veröffentlichten Report, man finde keine Beweise für eine Verschwörung, weder auf nationaler noch auf internationaler Ebene.

These vom Einzeltäter

Der sogenannte "Warren-Report" umfaßte mit allen Erklärungen, Beweismitteln und Vernehmungsprotokollen insgesamt 35 Bände. Die Kommission verhörte beinahe neunzig Zeugen und holte mehr als dreihundert eidesstattliche Versicherungen ein. Etliche Punkte sprachen für Oswald als Täter. Dieser hatte in Dallas erst wenige Wochen vor dem Attentat angefangen, in einem Buchlager zu jobben, aus dessen Fenster die Schüsse auf Kennedy abgegeben worden waren. Nach dem Attentat fanden Ermittler in einem Raum drei Patronenhülsen und die Tatwaffe mit Oswalds Handabdruck. Außerdem passte Oswalds Äußeres zu den Beschreibungen von Zeugen. Sie hatten während des Attentats einen Mann am Fenster des Buchlagers gesehen.

Zweifel an den Ermittlungen

Manches gibt aber auch Anlass zum Zweifel an der Einzeltäter-Theorie: Oswald gestand den Mord nie, er bestritt ihn sogar. Ausführlich konnte er zu den Vorwürfen nie befragt werden. Als die Polizei ihn ins Bezirksgefängnis überstellen wollte, feuerte der Nachtclub-Besitzer Jack Ruby vor laufenden Kameras eine Pistole auf ihn ab. Lee Harvey Oswald starb wenig später im Krankenhaus.

Trump will Akten zum Kennedy-Attentat freigeben
nachtmagazin 00:15 Uhr, 24.10.2017, Jan Philipp Burgard, ARD Washington

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

These vom zweiten Täter

Und es gibt weitere Ungereimtheiten: Nur anderthalb Minuten nach dem Attentat auf Präsident Kennedy wurde Oswald im Erdgeschoss des Schulbuchdepots von einem Polizisten kontrolliert, ohne dass dieser gehetzt oder außer Atem gewesen sei. Einige Zeugen des Kennedy-Attentats gaben an, auch Schüsse aus der entgegengesetzten Richtung gehört zu haben, von einem nahegelegenen Grashügel - ein Indiz für einen zweiten Täter? Außerdem soll der zweite Schuss Oswalds nicht nur Präsident Kennedy am Hals verletzt haben, sondern auch für mehrere Verletzungen des Gouverneurs von Texas John Connally verantwortlich sein. Dieser saß im Auto vor Kennedy. Kritiker glauben nicht an eine "magic bullet", die ihre Flugbahn mehrfach veränderte.

Widersprüche schüren Misstrauen

Und so sind es wohl die offenen Fragen und die nicht vollständig aufgelösten Widersprüche, die in der Öffentlichkeit Misstrauen haben entstehen lassen an den offiziellen Erklärungen. Die Trauer um den beliebten Präsidenten und die Ermordung des mutmaßlichen Attentäters vor laufenden Kameras trugen dürften dazu ebenfalls beigetragen haben, Nach Einschätzung des Berliner Historikers Knud Krakau wurde auch das Tatmotiv Oswalds nicht hinreichend erklärt. Und so hegte noch 2013 die Mehrheit der US-Amerikaner laut einer Umfrage Zweifel an der Einzeltätertheorie.

Sinnsuche in der Kunst

Oliver Stones Film "JFK - Tatort Dallas" spielte rund 200 Millionen Dollar ein.

In den Jahren nach dem Attentat haben viele Menschen versucht, diese Leerstellen mit Sinn zu füllen, haben selbst recherchiert und Bücher geschrieben und Filme gedreht. Oliver Stones Kinofilm "JFK - Tatort Dallas" von 1991 ist bereits ein Klassiker der Kinogeschichte. Die Suche nach dem Stichwort "John F. Kennedy" bei einem Online-Buchhändler fördert inzwischen rund zehntausend Treffer zutage.

Waren es die Sowjets? Oder steckte die amerikanische Mafia hinter dem Attentat auf den 34. Präsidenten der USA? Saßen die Auftraggeber für die Schüsse in Dallas gar bei der CIA? Manche hielten sogar Außerirdische für die letztlichen Drahtzieher. Das Theorienspektrum ist enorm. Bislang gab es aber für keine dieser Annahmen eine Bestätigung.

Neue Erklärungsversuche

Auf so manches haben die Jahre nach dem Attentat aber mehr Licht geworfen, zum Beispiel auf die berüchtigte "magic bullet". Die alten Erklärungen waren davon ausgegangen, dass John Connally auf gleicher Höhe vor Kennedy im Auto saß. Neue Erklärungsmuster berücksichtigen, dass der Gouverneur von Texas offenbar auf einem Notsitz Platz nahm, der sich etwa fünf Zentimeter tiefer als Kennedys Sitz befand. Außerdem drehte dieser sich just im Augenblick des Schusses um. Berücksichtigt man all das, könnte Oswalds zweite Kugel bei Conally tatsächlich mehrere Verletzungen verursacht haben.

Weitere staatliche Untersuchungen

Nach der Veröffentlichung des Warren-Reports 1964 hat es von staatlicher Seite mehrere weitere Untersuchungen gegeben. 1992, nachdem Oliver Stones Film die Diskussion um Kennedys Tod wieder hatte aufflammen lassen, wurde ein Großteil der Dokumente zu Kennedys Tod veröffentlicht, nur für einen Bruchteil wurden weitere 25 Jahre Geheimhaltung verfügt. Doch so sehr die Warren-Kommission bei ihrer Untersuchung politisch und zeitlich auch unter Druck gestanden haben mag, so sehr sie hier und da möglicherweise auch nachlässig arbeitete, neigen Historiker nach wie vor dazu, sich der Alleintätertheorie anzuschließen. Den Grund dafür beschreibt der Historiker Knud Krakau in einem Aufsatz darin, dass die alternativen Theorien "noch weniger überzeugen".

Ablauf der Geheimhaltungsfrist

Heute läuft die Geheimhaltungsfrist für die verbliebenen Dokumente ab, und es sieht so aus, als würde Präsident Trump die Veröffentlichung nicht verhindern. Auch wenn viele nun darauf hoffen, dass die "JFK files" ihre Thesen bestätigen, geben sich Experten eher zurückhaltend. "Ich glaube nicht, dass es große Enthüllungen gibt", sagt etwa John Tunheim, Leiter eines 1992 vom Kongress eingesetzten Gremiums, das mit der Prüfung und Veröffentlichung der Unterlagen beauftragt war.

Experten erwarten keine spektakulären Enthüllungen

Manche Medien spekulieren, dass die Dokumente interessante Informationen darüber enthalten könnten, warum die CIA im Vorfeld der Tat Oswald überwachte, ob sie dabei Fehler machte und danach versuchte, diese zu vertuschen. Im Zentrum steht dabei eine Reise nach Mexiko, die Oswald sieben Wochen vor dem Attentat machte und auf der er sich anscheinend um Visa für die Sowjetunion bemühte.

Vielleicht spenden die Akten aber auch Gewissheit zu einer Andeutung, die Präsident Trump während des Wahlkampfes 2016 machte. Damals legte er nahe, der Vater seines innerparteilichen Konkurrenten Ted Cruz habe Verbindungen zu Oswald gehabt. Doch egal, was aus den verbliebenen Akten zu lesen sein wird, es bleibt zu erwarten, dass jede Fraktion im Glaubensstreit um den Tod von JFK es in ihrem eigenen Sinne auslegen wird.

1/24

Vor 100 Jahren wurde John F. Kennedy geboren (Mai 2017)

Ein Porträt in Bildern

Rose Kennedy mit ihren Kindern Eunice, Kathleen, Rosemary, John und Joseph Junior

John Fitzgerald wird am 29. Mai 1917 als zweites von neun Kindern in Boston geboren. Seine Eltern Rose und Joseph Kennedy stammen von irischen Einwanderern ab. Rose lässt sich 1921 mit ihren Kindern Eunice, Kathleen, Rosemary, John und Joseph Junior (v.l.n.r.) fotografieren. Da gehören die Kennedys schon zur bürgerlichen Aristokratie. Joseph Kennedy, Sohn eines Kneipenwirts, ist bereits mit 25 Jahren der jüngste Bankdirektor des Landes. Auf die Frage, was er jetzt noch erreichen will, sagt er schlicht: "Alles".

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 26. Oktober 2017 um 06:08 Uhr und 08:50 Uhr und das nachtmagazin am 24. Oktober 2017 um 00:15 Uhr.

Darstellung: