Fassade das Mandalay Bay Resort Hotels in Las Vegas | Bildquelle: dpa

"Islamischer Staat" zu Las Vegas Bekenntnisse ohne Belege

Stand: 03.10.2017 20:34 Uhr

Der "Islamische Staat" hat den Anschlag von Las Vegas für sich reklamiert. Das FBI dementiert. Der Blick auf andere Anschläge mit IS-Bekenntnis zeigt: Nicht immer waren die Stellungnahmen korrekt.

Von Wolfgang Wichmann, tagesschau.de und Melanie Bender, WDR

Nach dem Anschlag von Las Vegas mit 59 Toten und mehr als 500 Verletzten rätseln die Ermittler weiter über das Motiv des vermeintlichen Attentäters Stephen Paddock. Er könne derzeit nicht in den "Kopf eines Psychopathen" sehen, sagte Sheriff Joseph Lombardo. Den Ermittlern zufolge hatte Paddock keinerlei Verbindungen zu Extremistengruppen.

Agentur Amaq veröffentlicht IS-Bekenntnis

Schon kurz nach der Tat hatte die dem "Islamischen Staat" nahestehende Agentur Amaq einen Text veröffentlicht, der den Attentäter in die Nähe der Terrororganisation rückt: Der Täter von Las Vegas sei vor einigen Monaten zum Islam konvertiert, heißt es darin.

Experten der US-Bundespolizei FBI kamen nach ersten Ermittlungen aber zu einem anderen Schluss. Sprecher Aaron Rouse teilte am Tag nach der Tat mit:

Bis zum diesem Punkt der Untersuchungen haben wir keine Hinweise auf Verbindungen zu internationalen Terrororganisationen.

Amaq gilt weitläufig als das Sprachrohr der IS-Terroristen, ist aber kein offizielles "IS"-Medium. Wissenschaftler und Terrorexperten unterscheiden deshalb zwischen zwei Arten von Bekennerschreiben: Veröffentlichungen durch Amaq einerseits und Stellungnahmen auf offiziellen Kanälen des "Islamischen Staats" andererseits.

Nach einem über Amaq veröffentlichten Bekenntnis wird empfohlen, abzuwarten, ob weitere Veröffentlichungen über direkte Quellen des "Islamischen Staates" folgen. Diese Erklärungen des "IS" sind immer gespickt mit religiösen Floskeln und meistens detaillierter als die in der Regel kürzeren Erklärungen von Amaq.

Attentäter lebte unauffällig als pensionierter Buchhalter
tagesthemen 22:25 Uhr, 02.10.2017, Barbara Jung, NDR

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Dschihad-Pseudonym für den Schützen

Neben dem Bekenntnis via Amaq liegt für das Attentat von Las Vegas inzwischen ein entsprechendes zweites Statement des "Islamischen Staats" vor. Darin heißt es, ein Soldat des Kalifats habe mit Schnellfeuerwaffen und Munition von einem Hotel aus das Feuer auf eine Veranstaltung eröffnet und dabei 600 Menschen verletzt und getötet. Der Attentäter wird dabei mit dem arabischen Kampfnamen "Abu Abd al-Birr al-Amriki" bezeichnet. "IS"-Experte Aymenn Al-Tamimi des Middle East Forum kommentierte das Statement wie folgt: "Nun ist es offiziell: Der 'Islamische Staat' reklamiert den Angriff von Las Vegas für sich."

Terrorexperten rätseln

Angesichts der Widersprüche zwischen Ermittlern und wiederholtem Bekenntnis des Islamischen Staats sind sich einige Experten uneinig darüber, wie die aktuellen Bekenntnisse zu bewerten sind. Denn Paddock passt nicht in das Muster für vom "IS" radikalisierte Personen in den USA: Er ist eigentlich zu alt, weiß, ein Spieler und Waffennarr. Und er tötete sich nach der Tat offenbar selbst. Für einen Täter des "IS" allesamt ungewöhnlich. Aus Sicht der Ermittler war Paddock kein Anhänger einer Terrororganisation, kein politischer oder religiöser Fanatiker.

Mit seinem Alter, seinem beruflichen Werdegang und seiner Lebensführung passt er in keines der gängigen Täter-Profile. Auch lieferten die Ermittlungen bisher keinerlei Anhaltspunkte für einen "IS"-Bezug. Rukmini Callimachi, "IS"-Expertin der "New York Times", schrieb bei Twitter: "Ich weiß nicht, was ich von der lautstarken Beharrlichkeit des 'IS' halten soll."

Kein Bekenntnis für jede Tat

Die große Mehrzahl von Terrortaten, die der "Islamische Staat" für sich beansprucht hat, wurden in der Tat von Männern verübt, die dem selbsternannten Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi in irgendeiner Form die Treue geschworen hatten. Einig sind sich Terrorismus-Experten aber darin, dass der "Islamische Staat" entgegen landläufiger Meinung keinesfalls jeden x-beliebigen Anschlag für sich reklamiert. Als Beispiel wird dabei häufig ein Angriff in St. Petersburg vom April genannt. Damals wurden bei Explosionen in der U-Bahn mehrere Menschen getötet. Der Anschlag wurde einem Selbstmordattentäter aus Kirgistan zugeschrieben, der in Kontakt zu radikalislamischen Gruppen stand. Vom "IS" gab es damals kein Bekenntnis.

Auch zu einer Tat vom vergangenen Wochenende in Kanada fehlt ein Bekennerschreiben des "IS": Ein Mann hatte mit mehreren Fahrzeugen Personen gerammt und danach mit einem Messer attackiert. Es gab fünf Verletzte. In einem der Fahrzeuge fanden Ermittler Berichten zufolge eine Flagge des "Islamischen Staats".

"New-York-Times"-Journalistin Callimachi sagte dem "Independent" im Mai, die Terrororganisation habe sich zuletzt erstaunlich diszipliniert gezeigt und nur Anschläge für sich reklamiert, die sie entweder geplant, ermöglicht oder inspiriert habe.

Zuletzt auch falsche Bekenntnisse

Doch es gibt auch Fälle, in denen der "Islamische Staat" eine Tat für sich reklamierte, es aber offenkundig keinen Zusammenhang mit der Gruppierung oder deren Ideologie gab: Beispiel dafür ist der Angriff auf ein Spielkasino in den Philippinen Anfang Juni mit mehr als 30 Toten. Der "Islamische Staat" bekannte sich zunächst via Amaq und später in einer weiteren Stellungnahme durch die Agentur Nashir Media. Dem Täter wurde dabei der Kampfname "Bruder Abu al-Khayr" zugeschrieben. Wie sich später herausstellte, handelte es sich bei dem Mann aber um eine gescheiterte Spieler-Existenz.

Auch in einem weiteren Fall der vergangenen Monate war ein Bekenntnis des "Islamischen Staates" offenbar falsch: So behaupteten die Terroristen beispielsweise im September, Sprengstoff im Pariser Flughafen Charles de Gaulle versteckt zu haben. Gefunden wurde aber nichts.

Mindestens unklar sind die Umstände der Explosion einer Autobombe im osttürkischen Diyabakir im November 2016. Auch diesen Anschlag reklamierte der "Islamische Staat" für sich. In Wahrheit könnte es sich aber auch um die Tat der terroristischen Kurdenorganisation TAK gehandelt haben.

Und auch die Mitteilung via Amaq zum sogenannten "Alstermord" in Hamburg im Oktober 2016 ließ Fragen offen: Zwei Wochen nach der Tat hieß es in der Erklärung: Ein "Soldat das Islamischen Staates" habe zwei Menschen erstochen. Tatsächlich war eine Person erstochen worden. Belege für eine Verbindung des Täters zum "IS" gab es nicht.

Der "Islamische Staat" habe in den vergangenen Monaten mehrere nachweislich falsche Behauptungen für Angriffe und Zwischenfälle aufgestellt, die keine Verbindung zum Dschihad hatten, so Paul Cruickshank, Chefredakteur des Fachmagazins für Terrorismus "CTC Sentinel".

Ermittlungen von Las Vegas abwarten

Was heißt das für den Anschlag von Las Vegas? Bislang gibt es seitens der Islamisten nicht einen Beleg für ihre Behauptungen. Seitens der Ermittler gibt es bisher keinen Anhaltspunkt dafür. Und die müssten unschwer zu finden sein, meint NYT-Journalistin Callimachi: "Es gibt Hunderte Gruppen mit Verbindungen zum 'Islamischen Staat' auf Telegram. Normalerweise folgt jeder, der deren Ideologie konsumiert, Dutzenden dieser Gruppen auf seinem Smartphone."

Falschmeldungen als Strategie?

Im Ergebnis gilt also: Erst die weiteren Ermittlungen der Behörden werden zeigen, ob das Bekennerschreiben des "Islamischen Staats" tatsächlich begründet ist. Oder die Terrororganisation veröffentlicht Belege für ihre Behauptungen. "Es ist ziemlich einfach", schreibt der deutsche Autor und Journalist Yassin Musharbash: "Wenn der 'IS' Beweise hat, werden sie sie irgendwann veröffentlichen."

Oder die Behauptungen des "Islamischen Staats" sind schlicht unwahr und deren Veröffentlichung eine neue Strategie? Colin Clarke, Experte für Terrorismus bei der US-Denkfabrik RAND hält das für möglich. Dem Sender CNBC sagte Clarke:

Wie es aussieht sehnen sie sich nach Aufmerksamkeit [...]. Der 'Islamische Staat' hat zuletzt so viel Territorium verloren und nun befürchten sie, irrelevant zu werden.

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