Chan Scheichun am 5. April 2017 | Bildquelle: REUTERS

Nach Angriff mit vielen Toten in Syrien Faktenschlacht um Chan Scheichun

Stand: 25.06.2017 22:51 Uhr

Zum Luftangriff auf Chan Scheichun gibt es bislang widersprüchliche Erklärungen. Nun stellte der US-Journalist Hersh in der "Welt am Sonntag" eine eigene Version vor. Die Kritik daran ließ nicht lange auf sich warten.

Von Nele Pasch, SWR und Wolfgang Wichmann, tagesschau.de

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Der Luftangriff auf die syrische Stadt Chan Scheichun am 4. April mit mehr als 80 Toten bleibt umstritten. In der Zeitung "Welt am Sonntag" veröffentlichte der US-amerikanische Pulitzerpreisträger Seymour M. Hersh nun einen Text, der eine weitere Version der Ereignisse vorstellt. Bisher vorgestellte Belege verschiedener Organisationen - darunter Nachweise des chemischen Kampfstoffes Sarin in Proben von Opfern des Angriffs - ignoriert der Autor. Stattdessen präsentiert er eine alternative Geschichte und beruft sich dabei auf einige wenige Quellen, deren Namen er nicht offenlegt.

Hersh zählt zweifelsohne zu den bekanntesten amerikanischen Journalisten. Für seine Recherchen zu Kriegsverbrechen von US-Soldaten im Vietnamkrieg bekam er 1969 den Pulitzerpreis. Auf fünf Seiten der aktuellen Ausgabe der "Welt am Sonntag" beschreibt Hersh nun, einen Giftgaseinsatz in Chan Scheichun habe es nicht gegeben. Der 80-Jährige beruft sich dabei auf eigene Recherchen und zitiert wenige Quellen, deren Namen er nicht veröffentlicht. Allen voran nennt er mehrfach einen Experten, der amerikanische Nachrichtendienste berate und mit der früheren wie jetzigen US-Regierung zusammenarbeite.

"Nur konventioneller Sprengstoff"

Bezugnehmend auf diese Quelle schreibt Hersh, am 4. April 2017 habe die syrische Luftwaffe einen Dschihadisten-Treffpunkt mit einer Bombe angegriffen, die nur mit konventionellem Sprengstoff bestückt gewesen sei. "Das Ziel in Chan Scheichun wurde am Morgen des 4. Aprils um 6.55 Uhr getroffen. Die 500-Pfund-Bombe löste durch ihre Druck- und Hitzewelle weitere, kleinere Explosionen aus. Dabei entstand eine gewaltige giftige Wolke, die sich über der Stadt ausbreitete." Diese habe lediglich aus freigesetzten Düngemitteln, Desinfektionsmitteln und anderen Stoffen, die im Keller gelagert worden waren, bestanden. Die Wirkung der Giftwolke sei durch die dichte Morgenluft, die die Dämpfe nah am Boden gehalten hätten, verstärkt worden.

Pulitzerpreisträger Seymour Hersh. Kritiker zweifeln immer öfter an der Glaubwürdigkeit seiner Quellen.

Bisher vorgelegte Belege und Hinweise anderer Organisationen zum Vorfall in Chan Scheichun finden in den Ausführungen Hershs - mit wenigen Ausnahmen - keine Erwähnung. So bezieht er sich explizit auf die Untersuchung von Opfern durch die Organisation "Ärzte ohne Grenzen", die in Chan Scheichun einen Einsatz von Sarin-Gas oder einer ähnlichen Substanz sieht. Hersh aber resümiert, dass alles darauf hindeute, dass ein Chemikalien-Mix durch die Explosion freigesetzt worden sei: unter anderem Chlorgas und Organophospate, wie sie in Düngemitteln vorkommen. Diese letzteren Substanzen könnten ähnliche Symptome verursachen wie das Giftgas Sarin.

Beweise werden ignoriert

Hersh ignoriert beispielsweise existierende Berichte der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW), denen zufolge die Opfer des Angriffs vom 4. April mit Sarin in Kontakt gekommen sind. Die OPCW hat dazu biologische Proben von zehn Opfern des Angriffs untersucht und kommt zu dem Schluss:  "Es wurde Giftgas eingesetzt", sagen die Experten - das sei "unbestreitbar".

Chan Scheichun am 5. April 2017

Auch Human Rights Watch beschrieb bereits vor Wochen in einem 63-Seiten langen Bericht den gezielten und wiederholten Einsatz von Chemiewaffen in Syrien. Die Erkenntnisse des Berichts zum Angriff auf Chan Scheichun erwähnt Hersh nicht.

Auffällig ist: Die Erklärung von Hersh deckt sich auch nicht mit den Angaben des syrischen Regimes zum Vorfall in Chan Scheichun. Einer Erklärung des syrischen Außenministers Walid Al Muallam zufolge habe die syrische Luftwaffe ein Munitionslager angegriffen, das der islamischen Nusra-Front gehörte. Diese, wie auch die Extremisten-Miliz Islamischer Staat (IS), lagere in Wohngebieten Chemiewaffen aus dem Irak und der Türkei. Das ist auch die Version, die Russland stützt.

Hersh ignoriert das und zitiert lediglich einen anonymen Sicherheitsberater: "Das war kein Angriff mich chemischen Waffen. Das ist ein Märchen." Sarin sei sehr leicht nachzuweisen, weil es sich zum Beispiel in Wandfarbe festsetze. Alles, was man bräuchte, sei eine Farbprobe. Aufgrund der Sicherheitslage war eine Untersuchung durch Experten vor Ort in Chan Scheichun bislang nicht möglich. Aber die bereits durchgeführten Untersuchungen von Opfern und anderen Proben der OPCW erwähnt Hersh eben nicht.

Trump habe nicht auf Geheimdienst gehört

Stattdessen holt der Journalist zu einem weiteren Schlag aus, diesmal gegen US-Präsident Donald Trump und dessen militärischen Gegenschlag auf einen syrischen Militärstützpunkt am 6. April 2017: Trump habe nicht auf die Mitarbeiter des US-Geheimdienstes gehört, die ihn von den fehlenden Beweisen für einen Giftgas-Einsatz durch das syrische Regime hätten überzeugen wollen.

Hersh schreibt, Trump habe die Bilder vergifteter kleiner Mädchen gesehen und habe auf diesen syrischen Affront gegen die Menschlichkeit antworten wollen. Davon habe er auf keinen Fall abgebracht werden wollen. "[…] wenn es um Entscheidungen für die nationale Sicherheit geht, war sein Horizont extrem beschränkt."

"Kaum mehr als ein ziemlich teures Feuerwerk"

Angesichts ihrer Zweifel hätten viele Berater zum Ziel gehabt, das Geringstmögliche militärische zu tun und gleichzeitig Trump zufriedenzustellen, schreibt Hersh. So hätten die Militärs den Präsidenten überzeugen können, einen Vergeltungsschlag zu veranlassen. Ein Vergeltungsschlag, der "möglichst wenig Schaden anrichtete": Die US-Amerikaner feuerten etwa 60 Tomahawk-Marschflugkörper auf einen Stützpunkt der syrischen Luftwaffe, von dem aus der Angriff auf Chan Scheichun gestartet worden ist. Hersh zufolge - der sich auf seinen Informanten beruft - waren die Raketen mit verhältnismäßig wenig Sprengstoff ausgestattet - 24 Stück verfehlten ihr Ziel. Sein Fazit: "Alles in allem […] kaum mehr […] als ein ziemlich teures Feuerwerk."

Kritik an Hersh wächst

Die Kritik an dem in nur einer deutschen Zeitung verfassten Text von Hersh ist deutlich. So schreibt zum Beispiel investigativ-Journalist Eliot Higgins, Hersh ignoriere ein weiteres Mal Fakten und behaupte Falsches - bloß auf der Basis anonymer Quellen. Schon 2013 hatte Hersh behauptet, ein Giftgaseinsatz im syrischen Ghouta sei unter "falscher Flagge" verübt worden. Heißt: Nicht das syrische Regime, sondern die Türkei sei gemeinsam mit der islamistischen Al-Nusra-Front für den Giftgasangriff in Ghouta verantwortlich gewesen. Hersh berief sich auch damals auf nur wenige und anonyme Quellen. Im "Guardian" analysierte Higgins damals die Hersh-Texte und kam zu dem Schluss: Es sei eindeutig, dass die Türkei nicht in den Giftgas-Angriff von 2013 verwickelt war, so wie es Hersh behauptet hatte.

Die "New York Times" betonte damals zudem, Hersh lasse entscheidende Erkenntnisse einfach aus.

Auch dieses Mal steht Hersh mit seiner Sicht der Geschehnisse von Chan Scheichun weitgehend allein: Der amerikanische Journalist James Kirchick, der unter anderem für die Washington Post geschrieben hat, wirft Hersh auch in diesem Fall vor, keine zuverlässigen Quellen zu besitzen. Außerdem sei es sehr beunruhigend, dass eine angesehene deutsche Zeitung wie "Die Welt am Sonntag" Hershs "wilde Vorstellungen" veröffentlichte.

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